Archiv

mokant.at montage > foto: georg marlovics
Wenn Holland die WM gewinnt, könnte es zu Ausschreitungen kommen, meint Pascal Honisch

Südafrika geht den Bach runter, wenn es mit dem Strom schwimmt, meint Pascal Honisch

 

Zugegeben, es regnet eher selten in Südafrika, die Niederschlagsmenge beläuft sich durchschnittlich auf 464 Millimeter im Jahr, nichtsdestotrotz ist die Phrase „Vom Regen in die Traufe“ dieser Tage mehr denn je angebracht. Dabei trennen uns doch gerade einmal sieben Tage vom Beginn der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2010, dem langersehnten Großevent, das – so der allgemeine Tenor – bereits im Vorfeld verspricht, das durch die Apartheid und soziale Spannungen einst so geschundene Land zumindest in sportlicher Hinsicht endlich zu einen.

Not und Spiele
Doch bereits in dieser Ansicht liegt die Krux begraben. Denn Südafrika präsentiert sich auch im 21. Jahrhundert weiterhin als Nest sozialer Ungleichheiten und differenter Einstellungen in Bezug auf Geschichte und Gegenwart. Extreme Politiker kontrahierender Lager, allen voran der „Afrikaner Weerstandsbeweging“ (AWB) und der „African National Congress“ (ANC) rufen immer wieder zum Kampf gegen den jeweils anderen auf, ein Umstand, der mit dem Mord an Eugène Terre Blanche, dem Anführer der rechtsextremen AWB, Anfang April dieses Jahres seinen bisherigen Höhepunkt erreicht hat.

Fakten, die den südafrikanischen Veranstaltern und der FIFA herzlichst egal zu sein scheinen, solange nur ihre Einnahmen stimmen. Zu diesem Zweck lässt man Bettler, Prostituierte und Obdachlose aus den Spielstätten verjagen oder interniert sie für die Dauer des Events, um die erwarteten Touristen nicht zu vergrämen. Händler und Tandler müssen für lizensierte Kooperationspartner wie Coca Cola und Konsorten den Platz räumen, während wieder andere wegen Stadionbauten oder infrastrukturellen Veränderungen kurzfristig in Wellblechhütten, die hierorts am ehesten dem Wohnkomfort einer Garage entsprechen, umgesiedelt werden. Die augenscheinliche Gemeinsamkeit all dieser Leidtragenden liegt dabei bedenklicherweise in ihrer Hautfarbe.

Sportliche Apartheid
Die Annahme, die Fußball-Weltmeisterschaft würde auf lange Sicht einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung für das Land mit sich bringen, erscheint indes leider unrealistisch. Ironischerweise ist sie der Grund, warum viele Südafrikaner den Glauben an die Sinnhaftigkeit dieses Events noch nicht ganz aufgegeben haben. Sie werden spätestens dann zu zweifeln beginnen, wenn all die riesigen Stadien, deren Entstehung dem Land bereits jetzt mehrere Milliarden Rand abverlangt haben, plötzlich leer stehen und allein durch ihre Erhaltung jährlich weitere Millionenkosten verursachen werden. Ebenso wahr wie traurig ist auch der Umstand, dass die meisten Fußballfans Südafrikas gar nicht die Möglichkeit haben werden, die Partien ihrer und anderer Nationalmannschaften in den Spielstätten mitzuverfolgen, da sich allerhöchstens Mitglieder der oberen Schichten des Landes, bezeichnenderweise überwiegend Rugby-Anhänger, Tickets leisten können. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass das Finale in Johannesburg direkt neben Soweto stattfindet, einem Cluster der schwarzafrikanischen Arbeiterklasse Südafrikas, und Heimstätte drei der bekanntesten Fußball-Vereine des Landes, wäre es nicht zu weit hergeholt, von einer gezielten Provokation zu sprechen.

Prügelknabe des Kapitalismus
Was tut man nicht alles für eine Weltmeisterschaft? Im Falle Südafrikas in jedem Fall zu viel vom Falschen. Die hohen Ausgaben und der vermehrt schlechte Umgang mit der eigenen Bevölkerung stehen längst in keinem gesunden Verhältnis mehr zum eigentlichen Vorhaben.

Das Land liefert viel eher den jüngsten Beweis für die bis heute anhaltende ökonomische Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch die westliche Welt, die sich dieser Tage vor allem durch die kapitalistisch orientierten Organisationsformen der FIFA ausdrückt. Und wie schon Jahrhunderte zuvor sind es auch diesmal die europäischen ehemaligen Kolonial- und nunmehrigen Fußball-Mächte Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, England, Portugal und Holland, die auf ihre frühere Spielwiese zurückkehren und als Mitfavoriten auf den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika gehandelt werden. Dabei bleibt zu hoffen, dass nicht gerade letztere den Titel holen, waren es doch niederländisch-stämmige Buren, die das Land einst in die Apartheid trieben. Der Grundstein für soziale Ausschreitungen im Zuge der Weltmeisterschaft wäre in jedem Fall gelegt.


Kommentar von

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


Erzähle von uns:


 
mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn