Im Positionen-Wirrwarr
Carmen Feichtinger über „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“
Mit filzigem, langen Bart, in weißem Gewand, im predigenden Gestus,
mitten auf dem Münchner Marienplatz. Es ist Schorsch Kamerun, Sänger
der Hamburger Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“, der da im
schwarz-weißen Musikvideo zu „Positionen“ unter scheinbar
uninteressierten Vorbeigehenden aufklärerische Worte spricht und den
Wunsch nach neuen Positionen proklamiert.
Als Schorsch Kamerun nun vor kurzem in Wien in der Garage X an drei
hintereinander folgenden Abenden mit „Musikexperten“, Studierenden des
Konservatoriums Wien und musikalisch unterstützt von Erobique unter dem
Titel „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“ auf der Bühne
verhandeln will, inwiefern Pop noch Gegenkultur sein kann, flimmert
dabei auch ein kurzer Ausschnitt aus „Positionen“ über die zwei
Bühnen-Fernsehbildschirme. Als Gusto Gräser, einer der Gründer der
Künstlerkolonie Monte Verità bei Ascona, sei er, kommentiert Kamerun,
da in Münchens Innenstadt aufgetreten – was dabei passiert ist? Nichts.
In einer halben Stunde keine einzige Reaktion. Die Leute in den Läden
hätten in sogar sehr freundlich behandelt. Womit lässt sich heute
eigentlich (noch) provozieren? Was ist, fragt Schorsch Kamerun,
„provo“?
Kurz vorher: nachdem die Vorstellung eine halbe Stunde später als im
Programm angekündigt, schließlich anläuft, erklärt Schorsch Kamerun den
Titel für unpassend, denn eigentlich sei die erste Aufführung tags
zuvor doch nicht gescheitert. Ob das für die zweite Aufführung auch
zutrifft?!
Nicht abschätzbar angesichts so vieler unberechenbarer Faktoren, wie die Expertenrunde,
die sich an diesem Abend aus Eva Jantschitsch (Gustav) als Kuratorin,
Christina Nemec als Richterin, Didi Neidhard als Kapitän, David Pfister
als Polizist und Franz Adrian Wenzl (Austrofred/Kreisky) als Papst
zusammensetzt. Alle weltlichen und geistlichen Vertreter des
Establishments sind quasi vertreten. Der Kapitän, der als Instanz im
Weltgeschehen wohl eine eher unbedeutende Rolle einnimmt und
vielleicht nur mit Kameruns maritimer Herkunft (Timmendorfer Strand,
Ostsee) erklärbar ist, mischt sich als Erster ein und fragt im
Hinblick auf die aufgeworfene „Provo-Frage“: Ist die Provokation, dass
es keine Provokation mehr gibt?
Fragen werden an diesem Abend nicht beantwortet, nur aufgeworfen, also
weiter in der holprigen Dramaturgie der Vorstellung und mit der
beabsichtigen Idee ein bisschen die „Popakademie“ nachzuspielen. Es
gäbe in Mannheim eine „Popakademie“, sagt Schorsch Kamerun, und er habe
sich da mal so angesehen, was man da so lernt. Xavier Naidoo und Udo
Lindenberg seien da beispielsweise Dozenten und auf dem Stundenplan
stehen eigenartige Fächer. Zu lernen sei da „Trojaner-Marketing“ oder
wie man „shocking“ sein kann. Diese Popakademie, als ein mögliches
bezeichnendes Beispiel für die Einverleibung von Pop in die Mühlen
einer Institution und des Weiteren in die ökonomisierte
Unterhaltungs-Mainstream-Maschinerie der Kulturindustrie, gibt es
tatsächlich (so wie es auch in Wien ein Institut für Popularmusik gibt)
und obwohl Schorsch Kamerun meint, von keinem der Absolventen je
irgendwas gehört zu haben, fällt mir spontan „Get well soon“ ein. Ein
Absolvent genau dieser Popakademie, der mit seinem letzten Album in den
Musikzeitschriften ziemlich gehypt wurde und im letzten Januar am
Fm4-Geburtstagsfest in der Arena auftrat. Hmm, komplizierter als
gedacht! Die Fronten aufgeweicht und verwischt, ein früher noch
einfacher zu benennendes Feindbild nicht mehr klar zu erkennen. Wo und
wer ist der „Feind“?!
Liefert vielleicht die Diskussion über Scooter eine Antwort? Schorsch
Kamerun erinnert sich an eine Kassette auf der er neben AC/DC und The
Ramones auch Scooter drauf hatte. H.P.Baxxter habe er einmal im
Frühstücksfernsehen gesehen, wie er in aller Früh „Always Hardcore“
gegrölt hat – diesen Gegensatz fand er ganz interessant. Erobique meint
dazu, H.P. Baxxter sei ein Blödian, er stehe da mehr auf Barry White.
Wie dem auch sei … Gustav als Kuratorin wird jedenfalls gebeten,
germanisierte Scooter-Texte vorzutragen. Wie schon die Münchner
Schauspielerin Irm Herrmann auf dem Donaufestival 2008 rezitiert sie
ironisch Songtitel- und Zeilen wie „Ihr mögt es rau! Hardcore!“, „Heili
Geili“, „Ich bin der Hühner-Terminator“ oder „Hyper hyper!“.
Mehr „Yppe“ bitte!? Der Versuch das Publikum einzubinden will auch
nicht vergessen werden. In einer kurzen Pause nach den ersten 20
Minuten wird „Yppe“ (in Anspielung auf den Yppenplatz) vom Papst, dem
Polizist und Co ausgeschenkt. Angepriesen als ein Gemisch aus Eierlikör
und Sonstigem. Ist die kollektive Abfüllung, so wie bei Deichkind durch
die „Zitze“ schon zur Notwendigkeit geworden, um so zu mehr Teilnahme
zu bewegen? Könnte mehr Partizipation nicht auch anders hervorgerufen
werden? Beim zweiten nicht-alkoholischen Mitmach-Moment fordert Kamerun
auf seinem Nächsten in die Augen zu sehen und dabei im Chor „Imagine“
zu sagen. Ein eher halbherziges, widerwilliges „Imagine“ ertönt.
Wirklich interessant wird ein dritter Moment, der nicht durch
Aufforderung entsteht. Die Schauspielstudierenden spielen eine Szene
aus Quentin Terentino's „Inglorious Basterds“, in welcher der
Judenjäger Hans Landa sich listig ein Versteck erfragt und die Juden
darauf erschießen lässt. Einträchtige Stille, kein Einziger klatscht.
Eine echte gemeinsame Reaktion und dadurch einer der stärksten Momente
der Aufführung.
Nun, wie ein Stück enden lassen, dass gar nicht so richtig als Eines
konzipiert ist, sondern viel mehr (übertrieben?) ironisiert nach
Positionierungen sucht, Reaktionen evozieren und die Fähigkeit zur
Handlung in Gang bringen will? Die Schauspieler kommen hinter dem
durchsichtigen Plastikvorhang hervor, sagen Sätze wie „Die Bullen kann
man auch nicht mehr so hassen wie früher“ und singen im wiederkehrenden
Loop „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“. Die Musik läuft,
irgendwann gehen die Schauspieler, die Experten, Schorsch Kamerun.
Erste Zuschauer gehen. Erobique, der noch am Keyboard sitzt, geht von
der Bühne. Die Musik läuft im Auto-Play-Modus weiter. Kein Applaus.
Noch mehr Zuschauer gehen. Offene Baustelle, mehr Fragen als Antworten.
Die Suche nach neuen Positionen geht weiter. Für alle.
Link dazu ...
„Positionen“ auf youtube
Rezension von
Carmen Feichtinger

































