03. Juni 2010 | Meinung

Im Positionen-Wirrwarr

theaterpetersplatz.at/yasmina haddad
Carmen Feichtinger über Schorsch Kameruns „Versuch der Popkultur“

Carmen Feichtinger über „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“

 

Mit filzigem, langen Bart, in weißem Gewand, im predigenden Gestus, mitten auf dem Münchner Marienplatz. Es ist Schorsch Kamerun, Sänger der Hamburger Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“, der da im schwarz-weißen Musikvideo zu „Positionen“ unter scheinbar uninteressierten Vorbeigehenden aufklärerische Worte spricht und den Wunsch nach neuen Positionen proklamiert.

Als Schorsch Kamerun nun vor kurzem in Wien in der Garage X an drei hintereinander folgenden Abenden mit „Musikexperten“, Studierenden des Konservatoriums Wien und musikalisch unterstützt von Erobique unter dem Titel „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“ auf der Bühne verhandeln will, inwiefern Pop noch Gegenkultur sein kann, flimmert dabei auch ein kurzer Ausschnitt aus „Positionen“ über die zwei Bühnen-Fernsehbildschirme. Als Gusto Gräser, einer der Gründer der Künstlerkolonie Monte Verità bei Ascona, sei er, kommentiert Kamerun, da in Münchens Innenstadt aufgetreten – was dabei passiert ist? Nichts. In einer halben Stunde keine einzige Reaktion. Die Leute in den Läden hätten in sogar sehr freundlich behandelt. Womit lässt sich heute eigentlich (noch) provozieren? Was ist, fragt Schorsch Kamerun, „provo“?

Kurz vorher: nachdem die Vorstellung eine halbe Stunde später als im Programm angekündigt, schließlich anläuft, erklärt Schorsch Kamerun den Titel für unpassend, denn eigentlich sei die erste Aufführung tags zuvor doch nicht gescheitert. Ob das für die zweite Aufführung auch zutrifft?!

Nicht abschätzbar angesichts so vieler unberechenbarer Faktoren, wie die Expertenrunde,
die sich an diesem Abend aus Eva Jantschitsch (Gustav) als Kuratorin, Christina Nemec als Richterin, Didi Neidhard als Kapitän, David Pfister als Polizist und Franz Adrian Wenzl (Austrofred/Kreisky) als Papst zusammensetzt. Alle weltlichen und geistlichen Vertreter des Establishments sind quasi vertreten. Der Kapitän, der als Instanz im Weltgeschehen wohl eine eher unbedeutende Rolle einnimmt und vielleicht nur mit Kameruns maritimer Herkunft (Timmendorfer Strand, Ostsee) erklärbar ist, mischt sich als Erster ein und fragt im Hinblick auf die aufgeworfene „Provo-Frage“: Ist die Provokation, dass es keine Provokation mehr gibt?

Fragen werden an diesem Abend nicht beantwortet, nur aufgeworfen, also weiter in der holprigen Dramaturgie der Vorstellung und mit der beabsichtigen Idee ein bisschen die „Popakademie“ nachzuspielen. Es gäbe in Mannheim eine „Popakademie“, sagt Schorsch Kamerun, und er habe sich da mal so angesehen, was man da so lernt. Xavier Naidoo und Udo Lindenberg seien da beispielsweise Dozenten und auf dem Stundenplan stehen eigenartige Fächer. Zu lernen sei da „Trojaner-Marketing“ oder wie man „shocking“ sein kann. Diese Popakademie, als ein mögliches bezeichnendes Beispiel für die Einverleibung von Pop in die Mühlen einer Institution und des Weiteren in die ökonomisierte Unterhaltungs-Mainstream-Maschinerie der Kulturindustrie, gibt es tatsächlich (so wie es auch in Wien ein Institut für Popularmusik gibt) und obwohl Schorsch Kamerun meint, von keinem der Absolventen je irgendwas gehört zu haben, fällt mir spontan „Get well soon“ ein. Ein Absolvent genau dieser Popakademie, der mit seinem letzten Album in den Musikzeitschriften ziemlich gehypt wurde und im letzten Januar am Fm4-Geburtstagsfest in der Arena auftrat. Hmm, komplizierter als gedacht! Die Fronten aufgeweicht und verwischt, ein früher noch einfacher zu benennendes Feindbild nicht mehr klar zu erkennen. Wo und wer ist der „Feind“?!
Liefert vielleicht die Diskussion über Scooter eine Antwort? Schorsch Kamerun erinnert sich an eine Kassette auf der er neben AC/DC und The Ramones auch Scooter drauf hatte. H.P.Baxxter habe er einmal im Frühstücksfernsehen gesehen, wie er in aller Früh „Always Hardcore“ gegrölt hat – diesen Gegensatz fand er ganz interessant. Erobique meint dazu, H.P. Baxxter sei ein Blödian, er stehe da mehr auf Barry White.
Wie dem auch sei … Gustav als Kuratorin wird jedenfalls gebeten, germanisierte Scooter-Texte vorzutragen. Wie schon die Münchner Schauspielerin Irm Herrmann auf dem Donaufestival 2008 rezitiert sie ironisch Songtitel- und Zeilen wie „Ihr mögt es rau! Hardcore!“, „Heili Geili“, „Ich bin der Hühner-Terminator“ oder „Hyper hyper!“.

Mehr „Yppe“ bitte!? Der Versuch das Publikum einzubinden will auch nicht vergessen werden. In einer kurzen Pause nach den ersten 20 Minuten wird „Yppe“ (in Anspielung auf den Yppenplatz) vom Papst, dem Polizist und Co ausgeschenkt. Angepriesen als ein Gemisch aus Eierlikör und Sonstigem. Ist die kollektive Abfüllung, so wie bei Deichkind durch die „Zitze“ schon zur Notwendigkeit geworden, um so zu mehr Teilnahme zu bewegen? Könnte mehr Partizipation nicht auch anders hervorgerufen werden? Beim zweiten nicht-alkoholischen Mitmach-Moment fordert Kamerun auf seinem Nächsten in die Augen zu sehen und dabei im Chor „Imagine“ zu sagen. Ein eher halbherziges, widerwilliges „Imagine“ ertönt. Wirklich interessant wird ein dritter Moment, der nicht durch Aufforderung entsteht. Die Schauspielstudierenden spielen eine Szene aus Quentin Terentino's „Inglorious Basterds“, in welcher der Judenjäger Hans Landa sich listig ein Versteck erfragt und die Juden darauf erschießen lässt. Einträchtige Stille, kein Einziger klatscht. Eine echte gemeinsame Reaktion und dadurch einer der stärksten Momente der Aufführung.

Nun, wie ein Stück enden lassen, dass gar nicht so richtig als Eines konzipiert ist, sondern viel mehr (übertrieben?) ironisiert nach Positionierungen sucht, Reaktionen evozieren und die Fähigkeit zur Handlung in Gang bringen will? Die Schauspieler kommen hinter dem durchsichtigen Plastikvorhang hervor, sagen Sätze wie „Die Bullen kann man auch nicht mehr so hassen wie früher“ und singen im wiederkehrenden Loop „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“. Die Musik läuft, irgendwann gehen die Schauspieler, die Experten, Schorsch Kamerun. Erste Zuschauer gehen. Erobique, der noch am Keyboard sitzt, geht von der Bühne. Die Musik läuft im Auto-Play-Modus weiter. Kein Applaus. Noch mehr Zuschauer gehen. Offene Baustelle, mehr Fragen als Antworten. Die Suche nach neuen Positionen geht weiter. Für alle.


Link dazu ...
„Positionen“ auf youtube

Rezension von
Carmen Feichtinger

Fotos: theaterpetersplatz.at/yasmina haddad

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