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Wenn der Sanitäter aus der Übung „etwas lernt“, ist Egger zufrieden

Wolfgang Egger über den Wert von Großübungen des Roten Kreuz für Sanitäter

 

Als krönenden Abschluss des Lehrgangs zum Sanitäter inszeniert das Rote Kreuz Innsbruck alljährlich ein ausgeklügeltes Unfallszenario. Ziel dabei ist es, den Adrenalinspiegel der frisch gebackenen Sanis hochzuschrauben und sie im Umgang mit Stresssituationen zu schulen. mokant.at sprach mit Wolfgang Egger, Pressesprecher der Rettung Innsbruck, über Pleiten und Pannen und erfuhr, warum mehrere Herzen in seiner Brust schlagen.

mokant.at: Reflektiert betrachtet: Wie zufrieden war man mit der Übung? Am selben Abend konnte ich bei Ihnen noch einen leichten Unmut verspüren. Beispielsweise als Sie die Blumen und Gräser in meinem Verband sahen …
Wolfgang Egger: Naja, da schlagen jetzt mehrere Herzen in meiner Brust. Einerseits das des realistischen Unfalldarstellers: Aus dieser Perspektive war es eine sehr gelungene Übung und wir konnten den Fotografen schöne Bilder bieten. Mein Herz als Ausbilder schlägt nun allerdings zweigeteilt, denn es kam zu sehr gravierenden Fehlern. Allerdings planen wir diese Szenarien auch nicht für die Fotografen, sondern für unsere Leute, damit die etwas lernen. Fehler sind dabei gewissermaßen vorprogrammiert und man darf darüber auch gar nicht allzu böse sein. Wir konnten Schwächen aufzeigen und haben die Möglichkeit geboten, aus den Fehlern zu lernen. Daher ist der Übungszweck erfüllt. Etwas unzufrieden stimmt mich allerdings, dass es Leute gibt, von denen ich weiß: Die könnten die Handgriffe eigentlich und trotzdem ließen sie sich von der Situation so irritieren, dass es nicht gut gelaufen ist. Wie die Pflanzen in Ihrem Druckverband …

mokant.at: Wurde die Übung nicht ganz ernst genommen, oder lag das wirklich am Stress?
Wolfgang Egger: Das ist einfach die Situation. Im Individualnotfall wird ein Druckverband niemals in einer Wiese angelegt – oder zumindest nur selten. Die Handgriffe werden auch niemals in einer Wiese geübt, sondern eben im Lehrsaal. Darum ist das in Ihrem Fall wohl auch passiert. Nicht, weil die Sanitäter die Situation nicht ernst genommen hätten und auch nicht direkt wegen dem Stress, sondern durch diese ungewohnte Situation im freien Feld. Unter Platzmangel und mit all den Nebeneindrücken – da kann so etwas durchaus einmal passieren. Als ich den betroffenen Sanitäter darauf angesprochen hatte, war ihm das aber natürlich höchst peinlich. Das Gute daran: Er hat daraus gelernt. Und der Wert der ganzen Geschichte ist einfach dann gegeben, wenn der Sanitäter zu sich selber sagt: Gut, ich gehe jetzt einfach auch einmal privat in eine Wiese und übe den Druckverband unter solchen Bedingungen. Dieses Ziel ist erreicht worden und daher bin ich ganz zufrieden. Am Abend der Übung – durch den ganzen Stress und die Anstrengungen – blieb mir diese Sichtweise natürlich etwas versperrt.

mokant.at: Was wäre die reale Folge dieses Fehlers gewesen?
Wolfgang Egger: Die einzig wirklich gravierende Folge wäre vermutlich gewesen, dass sich die Klinik Innsbruck über uns lustig gemacht hätte. Viel mehr könnte durch das Gras innerhalb dieser kurzen Zeitspanne aber nicht passieren: Bei Keimen, die in eine Wunde eindringen, bleiben uns sechs Stunden Zeit zur Versorgung. Also im Grunde genommen hat das keinen Einfluss, solange die Wunde dann auch ärztlich versorgt wird. Nach außen hin möchten wir aber natürlich als der professionelle Rettungsdienst wahrgenommen werden, als den wir uns selber auch sehen.

mokant.at: Wie war die Zusammenarbeit zwischen dem Kriseninterventionsteam, der Feuerwehr und Rettung?
Wolfgang Egger: Das Kriseninterventionsteam hatte anfangs Schwierigkeiten, weil nicht klar war, wer betreut werden sollte. Sie bekamen falsche Patienten, aber das wurde dann wieder klargestellt. Die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Rettung hat recht gut funktioniert. Das ist gar nicht so selbstverständlich, weil vier verschiedene Feuerwehren beteiligt waren. Die Aufgabe des Rettungskommandanten ist die Koordination: Er muss wissen, welche Übung er welcher Feuerwehr gibt. Untereinander kennen wir uns aber eigentlich recht gut und besonders bei solch großen Szenarien erleichtert das natürlich unglaublich die Zusammenarbeit und hilft den Überblick zu behalten.

mokant.at: Während der Übung wurde der „Code1000 SanReal“ ausgerufen – die Unterbrechung wegen einem wirklichen Notfall.
Wolfgang Egger: Das große Problem bei diesen Übungen ist, dass rund 150 Leute anwesend sind und die Übenden genau wissen, dass wir ihnen ständig kleine Fallen einbauen. Das hört die ganze Übung über nicht auf. Es könnte sich dabei aber natürlich auch um einen Ernstfall handeln, der dann vielleicht nicht richtig erkannt und ernst genommen wird. Um das zu vermeiden, gibt es den „Code1000 SanReal“. In diesem Fall war es ein Asthmaanfall, der allerdings ganz harmlos war. Die Person kam früh genug zu mir und sagte, der Anfall sei im Beginnen. Sie bekam dann ihren Spray, wir haben sie mit dem Code aus der Übung rausgenommen und alles war okay. Aber wenn man so realistisch inszeniert wie wir und dabei so hoch pokert, dann muss man sich einfach absichern. Wir schminken im Jahr sechs- bis siebentausend Opfer. Ich mache das bisher seit rund fünfzehn Jahren und es ist erst einmal wirklich etwas passiert.

mokant.at: Vor der Übung wurde mir gesagt, dass jeder Behandlungsschritt am Patienten auf der Triage-Karte, also der Verletztenanhängekarte, dokumentiert wird. Bei mir wurde allerdings nur die Uhrzeit notiert, als mein Oberschenkel abgebunden wurde …
Wolfgang Egger: Die Sanitäter waren bei der Übung schwer überfordert. Auch weil sie wussten, dass Sie, ein Redakteur der Zeitung, dabei waren. Das war definitiv ein Fehler von uns. Im Realfall wäre das aber fatal gewesen. Gerade Uhrzeiten sind dort von großer Bedeutung. Zu wirklichen Großunglücken kommen aber natürlich auch nicht so viele neu Ausgebildete, wie bei unserer Übung anwesend waren. Da sind dann maximal vier Neulinge bei einer solch großen Gruppe dabei. Nur jene, die gerade zufällig Rettungsdienst haben. Die Masse der Sanitäter wird aber von erfahrenen Kräften gestellt, die eben auch genau darauf achten, dass solche Dinge nicht passieren. Das machen dann meist Sondereinsatzgruppen, die solche Situationen auch ständig üben.

 

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Artikel von
Samuel Kasper

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