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Die „Critical Mass“ erobert mit viel Haut den Straßenverkehr für Radfahrer zurück
Kaum zu überhören und schwer zu übersehen ist die „Critical Mass“ auf jeden Fall. Doch was diese Aktion ist und welche Ziele sie verfolgt, ist vielen Menschen noch unklar. Es handelt sich dabei um eine Fahrrad-Protestform, die es in etwa hundert Städten auf der ganzen Welt gibt. Auch in Österreich erfreut sich die Bewegung steigender Beliebtheit und so finden auch hierzulande in Innsbruck, Graz, Salzburg, Linz oder Wien regelmäßig Fahrten der „kritischen Masse“ statt. Die Aktion legt auf ihrer Route den Straßenverkehr für Autos lahm und zielt dabei auf mehr Akzeptanz und Respekt für Fahrräder im Straßenverkehr ab. In Wien findet neben den monatlichen Fahrten einmal im Jahr ein „Naked Bike Ride“ statt, bei dem die Teilnehmer nackt oder spärlich bekleidet mitfahren – ein Erfahrungsbericht über eine bunte Protestaktion auf zwei Rädern.
Letzte Vorbereitungen
Bis jetzt ist es recht ruhig vor dem großen Springbrunnen am Wiener
Schwarzenbergplatz. Nur vereinzelt sind Fahrräder zu sehen und noch
würde sich niemand vorstellen, dass dies schon bald der Startpunkt einer
riesigen Protestaktion sein wird. Nach und nach treffen immer mehr
Teilnehmer mit noch schrilleren Fahrzeugen ein und beginnen, sich für
den Start der Aktion zu rüsten. Bis zum Beginn der Fahrt werden noch
Schnurrbärte aufgemalt, Kostüme angezogen sowie blanke Haut mit Symbolen
und Text aller Art verziert. Einer der bereits anwesenden Teilnehmer,
Alec Hager von der „Interessensgemeinschaft Fahrrad“, meint: „Der ‚Naked
Bike Ride' soll zeigen, dass man als nackter Mensch genauso verletzlich
ist wie ein Radfahrer im Straßenverkehr“. Zudem werde durch die
öffentliche Nacktheit natürlich mehr Aufmerksamkeit auf die Aktion
gelenkt. Mittlerweile ist es kurz nach 17:00 Uhr und viele weitere
Radfahrer haben sich auf dem Platz eingefunden. Manche Teilnehmer
beschränken sich darauf, mit nacktem Oberkörper zu fahren, während
andere ihre Geschlechtsteile nur mittels Klebeband, Farbe oder Socken
verdecken. Die bisher vorherrschende Musik wird nun von Hupen und
Klingelsignalen übertönt. Mit diesem Signal setzt sich die die
„kritische Masse“ in Bewegung.
Die Route führt zunächst am Schloss Belvedere vorbei, wo die Menge an Fahrradfahrern und der Lärm der unzähligen Klingeln bereits neugierige Blicke von Passanten sowie Touristen auf sich zieht. Begleitet wird die Gruppe von mehreren Fahrradpolizisten in eng anliegender Uniform, die über Funk miteinander in Verbindung stehen. Zudem wird der Protestzug von mehreren Polizeiautos und Motorrädern begleitet. Ihre Aufgabe wird es sein, den Verkehr zu regeln und Eskalationen vorzubeugen. Kurz nach dem Start wird die Sonne zunehmend von dunklen Wolken verdeckt und es weht auch ein leichter Wind, was den teilweise nur mit Handtuch oder Bikini bekleideten Teilnehmern jedoch wenig auszumachen scheint. Gemeinsam geht es nach einigen Abzweigungen am Südbahnhof vorbei, wo den Radfahrern nun vier Fahrspuren zur Verfügung stehen. Auch erste Donnergeräusche sind nun zu vernehmen und nach dem Durchqueren einer Unterführung beginnt es stark zu regnen. Entweder ziehen sich die Mitfahrenden nun eine Regenjacke an oder sie entledigen sich noch weiterer Kleidungsstücke. Nach kurzer Zeit hört es wieder auf zu regnen und die Teilnehmer sammeln sich an einer Kreuzung, um nicht in einzelne Gruppen zu zersplittern. Derweil bleibt genügend Zeit, um mitgebrachtes Bier oder sonstige Getränke zu konsumieren und sich etwas auszutauschen.
„Die Radfahrbedingungen in Wien sind enttäuschend, deshalb kämpfen wir einmal im Monat für mehr Rechte“, begründet etwa Student Dominik seine Teilnahme am „Naked Bike Ride“. Ein Blick durch die Reihen der Radfahrer zeigt zumeist Teilnehmer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, wobei auch einige Eltern ihren Nachwuchs im Kindersitz mitgebracht haben. Bevor die Mariahilferstraße in Beschlag genommen wird, macht die Gruppe noch einmal richtig Lärm. Einige Teilnehmer heben stolz ihre Fahrräder über den Kopf, wobei einer seine Bierdose im Flaschenhalter vergisst. So gut er kann, versucht er die Flüssigkeit mit dem Mund aufzufangen, ohne dass dabei sein aufgemalter Schnurrbart verschmiert.
Als sich die „kritische Masse“ dann durch die beliebte Einkaufsstraße bewegt, zücken sowohl manche Taxifahrer als auch mehrere Passanten ihre Kamera, um dieses bunte Ereignis festzuhalten. Manche Autofahrer haben jedoch wenig Verständnis für die Aktion und es kommt teilweise zu heftigen Diskussionen mit der Polizei. An gemäßigtere Autofahrer verteilen Mitfahrende Flyer mit Informationen zur Aktion. Als die Gruppe an einer roten Ampel hält, zeigt eine etwas ältere Frau der Aktion ihre Sympathie: Nackt tritt sie ans Fenster ihrer Wohnung und winkt den Teilnehmern lachend zu. In angenehmem Tempo geht es anschließend dem geplanten Endpunkt der heutigen „Critical Mass“ entgegen – der Donauinsel. Auf der Floridsdorfer Brücke wird noch einmal angehalten und wieder werden Fahrräder unter heftigem Jubel dem Himmel entgegengestreckt. Unterdessen dringen aus den mitgeführten Boxen Textstücke wie „Bang bang, here they come“.
Auf den Radwegen der Donauinsel geht es dann ohne Polizeibegleitung weiter zu einem Badesteg. Hier nutzen einige „Critical Mass“-Teilnehmer nach einer etwa drei Stunden dauernden Fahrt durch Wien die Gelegenheit zu einem Bad im kühlen Wasser. Natürlich nicht mit Badehose und Bikini, sondern völlig unverhüllt. Sie lassen die Aktion hier bei Musik und mitgebrachten Getränken gemütlich ausklingen, während die Sonne langsam untergeht.






































