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magdalena rodler
Greifenstein als Hip Hop-Mekka beim Festival „Am Strom“

Hip Hop ist nicht tot. Carmen Feichtinger über das Hip Hop-Festival „Am Strom“

 

Wir schreiben das Jahr 2010 und es ist kaum zu glauben, was ich hier auf den nächsten paar Zeilen schreibe. Während Hip Hop in seinem Geburtsland nach fast dreißig Jahren wilder Lebenszeit nun schon vor ein paar Jährchen von Nas für tot erklärt wurde oder auch Dr. Dre der Musik Ideenmangel attestierte, entpuppt sich, so scheint es, Österreich mehr und mehr zu einer Insel der Hip Hop-Seeligen. In der zähen Trägheit, die diesem Land allzu oft so eigen scheint, hält sich ein beschaulicher Kern von Aktiven, deren Anfänge in die 90er Jahre oder noch früher und somit in die Zeit fällt, in der US- oder schließlich auch Deutsch-Rap begeistert rezipiert und irgendwann regional adaptiert wurde. Es reproduziert sich aber auch laufend ein nachrückender Nachwuchs. Die Hip Hop-Kultur in Österreich beständig, und ja hier steht's, lebendig!

Letzten Freitag und Samstag im niederösterreichischen, ungefähr zwanzig Kilometer von Wien entfernten, idyllischen Greifenstein: das Am Strom-Festival, das erste Festival für österreichische Hip Hop-Kultur (eigentlich das zweite, wenn die „Testrunde“ letztes Jahr mitgezählt wird) schlägt an der Donau seine Zelte und stellt im Hof des Strombauamts seine Bühne auf. Ein Festival mit seltenem Charme (war das das Woodstock des Hip Hop?). Der Spirit im familiär geführten, liebevoll bepflanzten und dekorierten, auch unter „the magic place of entertainment“ beworbenen Strombauamt stiftete jedenfalls ebenso viel Peace and Love, wie der „Eine Liebe für Hip Hop“- Leitgedanke. Das von Florian Kampelmühler alias Kamp letztes Jahr mit ins Leben gerufene und nun wieder gemeinsam mit einem tüchtigen Team realisierte Fest bot nicht nur für Rap, DJing, Graffiti und allen B-Girls und B-Boys einen Kristallisationspunkt, es ermöglichte ein chilliges, non-virtuelles Zusammenkommen, Kennenlernen und Wiedersehen für alle, die nur irgendwie, von früher bis heute, mit Hip Hop in Berührung gekommen sind. Und diesmal waren außer Leuten, die sowieso selbst aktiv und in welcher Form auch immer involviert sind, auch welche zu sichten, die extra für das Am Strom-Feeling einen langen Weg auf sich genommen haben.

So etwa feststellbar Freitag nächtens auf den Streifzügen über das Festivalgelände. Mein steirischer, ansonsten eher indie-hörender Begleiter (er ließ es sich nicht nehmen, eigens wegen den Auftritten von Manuva und Texta mitzukommen) und ich lassen uns, glücklich nach dem Reunion-Auftritt des „Dampfenden Ei“, auf eines der cosy Sofas fallen, das tagsüber der Lese-Ecke der Hip Hop -Bibliothek diente. Drei Jungs sitzen schon da und es ist unmöglich, nicht miteinander ins Gespräch zu kommen. Aus Weiden, einem bayrischen Ort mit der angeblich höchsten Selbstmordrate Deutschlands sind sie angereist, weil sie letztes Jahr auf dem Splash-Festival in Ferropolis Kamp und Whizz Vienna auf der Juice-Bühne für sich entdeckt haben. Versager ohne Zukunft und suizidale Konnotationen?! Ähm ja, bestimmt nur ein Zufall … Der österreichische Hip Hop käme ihnen jedenfalls authentischer vor verglichen mit Deutschland. Vielleicht weil weniger kommerziell, weniger industriell, dafür leidenschaftlicher und familiärer? Birgt das, woran die Akteure in Österreich immer zu kauen hatten, nämlich nicht beziehungsweise nur selten von Hip Hop alleine leben zu können, auf einmal ein einmaliges Potential, das eben nicht wie andernorts, wo man sich wirtschaftlich abhängig gemacht hat, zum Absterben führt? Die Liebhaberei als Ausgangspunkt für eine Blüte, Vielfalt und Eigenständigkeit.

Die Vielfältigkeit schlug sich dann auch im Line-up nieder. Jeweils um 16 Uhr starteten die insgesamt 21 Auftritte, die von Flowin Immo im gekonnt kreativ-witzigen Freestyle anmoderiert werden. Newcomer, routinierte Crews, zwei mit Spannung erwartete „Comebacks“. Gerappt wurde im Dialekt, auf Standarddeutsch, Kroatisch und Englisch. Trotz dieser genannten Vielfalt hat die österreichische Hip Hop-Kultur in einem Punkt starken Nachholbedarf und bleibt weiterhin rückständig: es fällt auf, dass nur wenige weibliche Akteurinnen vertreten sind. Während dagegen andernorts bemerkenswerte, durch Offenheit auffallende Entwicklungen stattfinden (siehe letztjähriges Splash-Festival, Acts wie Peaches oder Santigold sind gebucht) ist das Line-Up des Am Strom-Festivals hingegen geschlechtsspezifisch betrachtet äußerst einseitig - bloß eine einzige Rapperin (BagiRah) steht kurz auf der Bühne. Zumindest sind ein paar Fotografinnen, Kamerafrauen und Journalistinnen zugegen.

Doch wo bleiben die Beat-Produzentinnen, mehr Rapperinnen oder DJanes? Gibt es sie und drängen sie nur nicht an die Oberfläche und in die Öffentlichkeit, oder gibt es sie erst gar nicht? Und wenn es sie nicht gibt, warum nicht? Ist es ein freiwilliges oder ein unfreiwilliges Fernbleiben? Angesichts dieses noch immer existierenden hyper-maskulinen und pseudo-dominanten Getues, das wirklich nicht mehr ernst genommen werden kann (siehe Auftritte von Kid Pex, RTC, die Vamummtn, zum Teil MAdoppelT etc.), könnte es sogar freiwillig sein …

Naja, einen Lichtblick in Richtung Hinterfragung von Männlichkeit und einem neuen ironisierten Bild gibt es sogar schon: Auf dem Album „Memoiren eines Riesens“ versucht Skero mit der Nummer „Männer“ auszuloten, was Mann sein bedeuten könnte. Bitte liebe männliche Akteure: anhören, in euch gehen, Gedanken weiterspinnen, die alten Rollen verwerfen und euch einfach neu erfinden! Und dabei immer den Skero-Satz „Wenn du selbstsicher warast, vertrogast a Kritik!“ im Auge behalten. Dann könnte sich das Problem der fehlenden weiblichen Präsenz vielleicht schon zur Hälfte von alleine lösen. Ich freu mich schon auf die kommenden Am Strom-Festivals!

So, aber jetzt noch zu der diesjährigen Ausgabe – ein Highlight und mit Spannung erwartet, die am Samstag als Abschluss des Festivals angesetzte Show der Aphrodelics. Zu lange waren die 3 MCs Shadee, Mic und Shagon nicht mehr gemeinsam live zu sehen gewesen, als dass ihr Auftreten als bedeutungslos eingestuft hätte werden können. So wurden sie kurz vor ihrem Auftritt auch öffentlich zu einem Interview gebeten, das sich leider als Farce herausstellte. Zum Glück nahmen die Jungs die betrunkenen Fragen locker und stellten in Aussicht, dass sie, zusätzlich zu ihren Einzelprojekten, die sie über die Jahre, seit dem letzten Album „Enormis“ 2001 weiter verfolgt haben, wieder gemeinsam als Aphrodelics aktiv werden könnten. Dann nämlich, wenn sie, den an sich selbst gestellten Qualitätsanspruch erfüllen, der Vibe und die Energie passt. Dass die Energie nach wie vor passt – das zeigte der burnende Auftritt. Von „The Anthem“ über „Chromatic“ bis „Rollin on chrome“ performten die 3 MCs mit Paul Synapzz an den Turntables ihre classic joints auf den zeitlos pumpenden Beats von Rodney Hunter, der nicht mit am Start war.

Es war ein würdiger Abschluss für das Am Strom 2010 und hoffentlich nicht nur ein Energieschub für die Aphrodelics, sondern für alle, die da waren und eine Liebe für Hip Hop haben!

 

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Artikel von
Carmen Feichtinger

Fotos: magdalena rodler

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