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Amélie Nothomb schreibt ohne Schwere über das Essentielle

„Biographie des Hungers“ von Amélie Nothomb

 

Ob Mangel an Liebe, Nahrung, Gefühlen oder Interesse, die Folge bleibt gleich: der Hunger nach dem Fehlenden sowie der Wunsch das Verlangen möge gestillt werden. Einen ganzen Roman hat die in Japan geborene und aus Belgien stammende Diplomatentochter, Amélie Nothomb, ihren (Sehn-)Süchten, Träumen, Wünschen, Begierden und im Besonderen ihrer Unersättlichkeit gewidmet. Das Buch entführt uns in die Welt eines Mädchens, das trotz regelmäßiger Wohnortwechsel unter anderem zwischen Japan, China, USA und Burma seinen Hunger nach dem Leben und der Liebe überall wiederfindet. Ihre Lust nach Göttlichkeit und bedingungsloser Liebe ist genauso unstillbar wie ihr Verlangen nach Süßem, Wasser, Aufmerksamkeit, Büchern oder Alkohol. Denn „Hunger ist Wollen“.

Verführung der Mutter
Die kleine Amélie will vor allem die uneingeschränkte Liebe ihrer Mitmenschen allen voran die ihrer Mutter, Schwester und Kindermädchen um die Phantasie göttlich zu sein nähren zu können. Umso schmerzlicher erscheint ihr die Offenbarung der Mutter Liebe müsse man sich durch Arbeit und Verführung verdienen. „Also reicht es nicht, Liebe zu fordern. Also war ich nicht meinem Wesen nach göttlich. Also standen mir die pharaonischen Portionen, die ich verlangte, gar nicht zu.“

 

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Lebenserhaltende Wörter
Ihren unstillbaren Hunger nach Liebe kann das Mädchen nicht kontrollieren, den nach Nahrung dafür umso besser. Was erscheint in diesem Fall naheliegender als mit dem Essen aufzuhören und das Begehren nach Gefühlen mit körperlicher Enthaltsamkeit zum Schweigen zu bringen? „Ich hatte meinen Körper getötet und empfand das als atemberaubenden Sieg.“ Wörter werden dem Mädchen Ersatz für Nahrung, weshalb es sich dem Lesen des Wörterbuches widmet. Ihr abgemagerter Körper bedeutet ihr nichts mehr, ihren Geist will sie mit der Aufnahme von Wörtern vor der Auflösung erretten.
Wiedererlangung der Körperlichkeit
Die belgische Diplomatentochter, deren Kindheit einer Weltreise gleicht, kehrte 1992 mit siebzehn Jahren nach Belgien zurück um sich dem Studium der Romanistik zu widmen. Das Unverständnis diesem Land gegenüber ist einer der Gründe, weshalb sie sich dem Schreiben widmet und damit einen Weg aus den Fängen der Anorexie findet. Mittlerweile ist die 42jährige eine erfolgreiche Autorin, die auf über zwanzig publizierte und wesentlich mehr unveröffentlichte Werke zurückblicken kann. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie unter anderem mit dem Grand Prix du Roman der Académie française ausgezeichnet.
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Rückkehr an den Anfang
Nach Beendigung ihres Studiums zog es Amélie Nothomb allerdings erneut in das von ihr auserwählte Land Japan zurück, wo sie eine Stelle in einem Konzern annahm und sich in den Sohn eines Juweliers verliebte. Diese in „Biographie des Hungers“ kurz angedeuteten Passagen ihres Lebens, hat die Schriftstellerin in gleich zwei weiteren Romanen verarbeitet. „Mit Stauen und Zittern“ erzählt von Amélie Nothombs Erfahrungen als Angestellte in einem japanischen Unternehmen und wurde 2003 verfilmt. Ihn ihrem letzten ins deutsche übersetzten Roman „Der japanische Verlobte“ verarbeitet die Autorin die in dieser Zeit laufende Beziehung zu einem japanischen Mann, dem sie als die Frau fürs Leben erscheint. Die Heiratswünsche des jungen Japaners sind für die freiheitsliebende Diplomatentochter ein Grund nach Belgien zu flüchten und sich dem Verfassen ihres ersten Romans „Die Reinheit des Mörders“ zu widmen. Trotz der seit dem Debütroman vergangenen Zeit und der vielen Jahre des Schreibens ist Amélie Nothomb eines mit Sicherheit weiterhin geblieben: „überhungrig“.

 

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