Archiv

mokant.at > foto: susanne teutsch
Das Popfest war ein voller Erfolg, meint Carmen Feichtinger

Carmen Feichtinger über das Popfest in Wien

 

Letztes Wochenende: Der Wiener Karlsplatz verwandelt sich in ein urbanes Festival-Setting für das erste Popfest. 38 heimische Musikprojekte bespielen an vier Tagen und Nächten bei freiem Eintritt das Areal. Pop-Schau und gleichzeitige Neuaufwertung des Karlsplatzes geglückt?

Donnerstag kurz vor der offiziellen Eröffnung des ersten Popfests. Clara Luzias Auftritt ist mit 19 Uhr auf der Seebühne angesetzt. Schon in der Stunde davor tummeln und sammeln sich unzählige Besucher und Passanten um das Wasserbecken und die Stufen vor der Karlskirche. Im Sitzen, Liegen oder Stehen, mit mitgebrachten Getränken, auf dem Fahrrad daherbrausend oder mit geparktem Kinderwagen links neben mir – da liefert sich ein quirliges, heterogenes Bild. Ein Mädchen verteilt noch Donaufestival-Flyer. Stimmt, das findet ja zeitgleich auch noch statt! Krems und Wien, an einem Wochenende zwei Epizentren der Popmusik. Da kriegt quasi die Fm4-Hörerschaft ein Gesicht. Und nicht nur die Hörer!

Während ich entspannt in der Sonne sitze, knüpft sich eine neue Bekanntschaft mit dem Grüppchen rechts von mir (Getränke-Einkaufstipps und Hinweise auf noch geöffnete Supermärkte verbinden!) und plötzlich hat Tanz Baby! ein Gesicht. Denn der Sonnenbebrillte entpuppt sich als der Sänger des Duos, der dem eigenen Auftritt in großer Besetzung am Freitagabend schon gespannt entgegen blickt. Dabei entgeht ihm amüsanterweise nicht meine Spex-Lektüre, die ich an diesem Tag zufällig mit mir herumtrage und die da aus meiner Stofftasche ein Stück weit herausragt. Zwischen dem Reden über die Donaufestival-Verweigerung von Ja, Panik, „Liebe“ als Albumtitel und Bonaparte auf dem letzten Donauinselfest büßen die geschriebenen Zeilen über Popkultur in der Spex seltsamerweise von Minute zu Minute an Relevanz ein. Popkultur auf einmal viel mehr als mit Worten im Spex-Diskurs verhandelt werden kann, vielleicht gerade das, was da in diesem Moment passiert und gesprochen wird? An der Schnittstelle von Alltag, Kunst, Leben, Unterhaltung und politischem Handeln? Als Gegenentwurf zum herrschenden System, im besten Fall mit subversivem Potential? So war Pop zumindest einmal gedacht.

Über das subversive Potential des Popfests lässt sich, wie über die heutige herrschaftskritische Fähigkeit von Pop in einer spätkapitalistischen, reizüberfluteten, sich entpolitisierenden Facebook-Gesellschaft im Allgemeinen, natürlich streiten. Gedanken solcher Art können aber nicht schaden, selbst wenn sie vielleicht auf den ersten Blick vergeblich erscheinen und sich schon andere Menschen damit beschäftigen. Schorsch Kamerun, Sänger der Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“, gastiert übrigens dieser Tage (12.5.- 14.5.) mit dem Stück „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“ in Wien, im Theater Petersplatz Garage X.

Aber zurück zum noch ungeklärten Potential des Popfests. Im Falle dieses Fests, wollten die Veranstalter wohl, dass andere, ziemlich österreich-spezifische Fragen aufgemacht werden. Fragen, die in erster Linie die Wahrnehmung, die Sichtbarmachung, die Strukturen, die Wertschätzung und das Erkennen der vielen künstlerischen Entfaltungen der heimischen Pop-Szene betreffen. Um diese Fragen mit einem Fest aufzuwerfen, wurden gleich mehrere Karlsplatz-Standorte angezapft: Kunsthalle Project Space wurde ein Ort für nachmittägliche, diskussionsreiche „Pop Sessions“, das Wien Museum morphte sich in ein „Pop Museum“, die TU (vor allem der Prechtlsaal und der Hof), verwandelte sich in einen „Pop Campus“ und am seichten Wasserbecken schillerte es mit eingebetteter „Seebühne“ zwar nicht wie am Bodensee, aber immerhin. Ganz nette Ideen, die Kurator Robert Rotifer, sonst in London lebender Musiker sowie Journalist für Fm4, dank Finanzierung durch die Stadt Wien auf die Beine stellen konnte. Keine Unterordnung in Haupt- und Nebenbands, sondern die gesamte Veranstaltung als Präsentationsfläche für alle gleichermaßen. Ein recht demokratischer Gedanke, der durch die Programmierung relativ gut umgesetzt werden konnte, auch wenn die Seebühne vor der prächtigen Kulisse der barocken Karlskirche wohl am anziehendsten wirkte.

Übrigens nicht zum ersten Mal, dass Pop und Karlsplatz eine Liaison eingingen. Nein, ich meine nicht zuletzt das Sound:frame- Festival. Letztes Jahr, der Tod des King, des King of Pop…Um an Michael Jackson kollektiv zu gedenken wurde ein Massen-Moonwalk als Flashmob via Twitter und Facebook organisiert. Quasi die spontane Guerilla-Ermächtigung von selbstorganisierten, pop-affinen Handelnden im öffentlichem Raum. Popkulturell und politisch betrachtet ziemlich spannend (weil noch am ehesten subversiv?), im Gegensatz zur gezielten Aktivierung des Areals durch geförderte Mittel. Mittel, die, und das muss jetzt auch gesagt werden und man möge mir das dichotomische Konstrukt verzeihen, sonst unverhältnismäßig hoch in die Institutionen und Veranstaltungen der so genannten „Hochkultur“ fließen. Also von daher ist es natürlich zu begrüßen, dass sich die Stadt für so ein Event kooperationsfreudig zeigt, Geld zuschießt und sich wie die Veranstalter erhofft, dass sich neue Synergien ergeben – für den Karlsplatz, für die heimische Pop-Generation und darüber hinaus.

Donnerstagabend, zweiter Auftritt. Neben mir ein Wien-Besucher, oder ist es ein Austauschstudent? Wer weiß das schon, warum er hier ist, Hauptsache er ist da und nach wenigen, angespielten Takten ist er wie vom Blitz getroffen und herausschreiend: „Ohh, this is „Ganz Wien“ from Falco!“ Der vorletzte Song von Bunny Lake macht Anleihen an einer der ersten selbst geschriebenen Nummern Falcos anno 1979, die er zuerst noch mit Drahdiwaberl und ab seinem Debüt regelmäßig solo spielte. Ins Englische mit „That Scene“ übersetzt, singt Falco darin über das verkokste, „hinnige“ Wien. Dass Bunny Lake gut 30 Jahre später auf dem Platz, der wie kein anderer in der Stadt mit Junkies und Drogen assoziiert wird und der nun zur urbanen Szenerie dieses ersten Popfests geworden ist, der österreichischen Pop-Historie Tribut zollen, lässt nicht nur begeisterte, englisch-sprachige Besucher aufschreien. Es setzt dieses Fest in einen pophistorischen Kontext, der natürlich noch vor Falco in eine Austro-Pop-Ursuppe zurück geht, und sich gegenwärtig aus den verschiedensten kreativen Energien und Zellen umtriebiger Musikschaffender speist, die sich längst nicht mehr in eine Kategorie oder ein Genre pressen lassen. Im „Post-Austro-Pop“ streut sich das Spektrum ins Vielfältigste, ohne dabei in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen oder beliebig zu werden. Immer wieder verblüffend, wie viel Pop-Substanz es in Österreich gibt und das in Anbetracht der Größe des Landes und unter den undankbaren Bedingungen des österreichischen Musikmarktes.

Die Reihe an Bands, EinzelkünstlerInnen und Labels, die in den letzten Jahren produziert, aufgenommen, gespielt, gesungen und veröffentlicht haben, ist lang und beachtlich – das rückte das Popfest nun endlich noch stärker ins Bewusstsein! Die vielen interessanten Auftritte können an dieser Stelle natürlich leider nicht alle wiedergeben werden, dafür sei aber auf die Live-Mitschnitte von „They shoot music“ auf youtube und auf die mokant.at-Fotostrecke verwiesen. Ansonsten, nächstes Jahr einfach selbst dabei sein! Denn wenn die gastronomischen und sanitären Versorgungsstätten mehr werden und die Seebühne vor allem höher wird, um die viel versprechenden österreichischen Pop-Emporkömmlinge zu präsentieren, dann ist das Popfest am Karlsplatz wirklich geglückt!

 

Mehr dazu ...
Open-Air Frühling


Kommentar von
Carmen Feichtinger

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


Erzähle von uns:


 
mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn