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Carmen Feichtinger über das Popfest in Wien
Letztes Wochenende: Der Wiener Karlsplatz verwandelt sich in ein
urbanes Festival-Setting für das erste Popfest. 38 heimische
Musikprojekte bespielen an vier Tagen und Nächten bei freiem Eintritt
das Areal. Pop-Schau und gleichzeitige Neuaufwertung des Karlsplatzes
geglückt?
Donnerstag kurz vor der offiziellen Eröffnung des ersten Popfests.
Clara Luzias Auftritt ist mit 19 Uhr auf der Seebühne angesetzt. Schon
in der Stunde davor tummeln und sammeln sich unzählige Besucher und
Passanten um das Wasserbecken und die Stufen vor der Karlskirche. Im
Sitzen, Liegen oder Stehen, mit mitgebrachten Getränken, auf dem
Fahrrad daherbrausend oder mit geparktem Kinderwagen links neben mir –
da liefert sich ein quirliges, heterogenes Bild. Ein Mädchen verteilt
noch Donaufestival-Flyer. Stimmt, das findet ja zeitgleich auch noch
statt! Krems und Wien, an einem Wochenende zwei Epizentren der
Popmusik. Da kriegt quasi die Fm4-Hörerschaft ein Gesicht. Und nicht
nur die Hörer!
Während ich entspannt in der Sonne sitze, knüpft sich eine neue
Bekanntschaft mit dem Grüppchen rechts von mir (Getränke-Einkaufstipps
und Hinweise auf noch geöffnete Supermärkte verbinden!) und plötzlich
hat Tanz Baby! ein Gesicht. Denn der Sonnenbebrillte entpuppt sich als
der Sänger des Duos, der dem eigenen Auftritt in großer Besetzung am
Freitagabend schon gespannt entgegen blickt. Dabei entgeht ihm
amüsanterweise nicht meine Spex-Lektüre, die ich an diesem Tag zufällig
mit mir herumtrage und die da aus meiner Stofftasche ein Stück weit
herausragt. Zwischen dem Reden über die Donaufestival-Verweigerung von
Ja, Panik, „Liebe“ als Albumtitel und Bonaparte auf dem letzten
Donauinselfest büßen die geschriebenen Zeilen über Popkultur in der
Spex seltsamerweise von Minute zu Minute an Relevanz ein. Popkultur auf
einmal viel mehr als mit Worten im Spex-Diskurs verhandelt werden kann,
vielleicht gerade das, was da in diesem Moment passiert und gesprochen
wird? An der Schnittstelle von Alltag, Kunst, Leben, Unterhaltung und
politischem Handeln? Als Gegenentwurf zum herrschenden System, im
besten Fall mit subversivem Potential? So war Pop zumindest einmal
gedacht.
Über das subversive Potential des Popfests lässt sich, wie über die
heutige herrschaftskritische Fähigkeit von Pop in einer
spätkapitalistischen, reizüberfluteten, sich entpolitisierenden
Facebook-Gesellschaft im Allgemeinen, natürlich streiten. Gedanken
solcher Art können aber nicht schaden, selbst wenn sie vielleicht auf
den ersten Blick vergeblich erscheinen und sich schon andere Menschen
damit beschäftigen. Schorsch Kamerun, Sänger der Punk-Band „Die
Goldenen Zitronen“, gastiert übrigens dieser Tage (12.5.- 14.5.) mit
dem Stück „Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur“ in Wien, im
Theater Petersplatz Garage X.
Aber zurück zum noch ungeklärten Potential des Popfests. Im Falle
dieses Fests, wollten die Veranstalter wohl, dass andere, ziemlich
österreich-spezifische Fragen aufgemacht werden. Fragen, die in erster
Linie die Wahrnehmung, die Sichtbarmachung, die Strukturen, die
Wertschätzung und das Erkennen der vielen künstlerischen Entfaltungen
der heimischen Pop-Szene betreffen. Um diese Fragen mit einem Fest
aufzuwerfen, wurden gleich mehrere Karlsplatz-Standorte angezapft:
Kunsthalle Project Space wurde ein Ort für nachmittägliche,
diskussionsreiche „Pop Sessions“, das Wien Museum morphte sich in ein
„Pop Museum“, die TU (vor allem der Prechtlsaal und der Hof),
verwandelte sich in einen „Pop Campus“ und am seichten Wasserbecken
schillerte es mit eingebetteter „Seebühne“ zwar nicht wie am Bodensee,
aber immerhin. Ganz nette Ideen, die Kurator Robert Rotifer, sonst in
London lebender Musiker sowie Journalist für Fm4, dank Finanzierung
durch die Stadt Wien auf die Beine stellen konnte. Keine Unterordnung
in Haupt- und Nebenbands, sondern die gesamte Veranstaltung als
Präsentationsfläche für alle gleichermaßen. Ein recht demokratischer
Gedanke, der durch die Programmierung relativ gut umgesetzt werden
konnte, auch wenn die Seebühne vor der prächtigen Kulisse der barocken
Karlskirche wohl am anziehendsten wirkte.
Übrigens nicht zum ersten Mal, dass Pop und Karlsplatz eine Liaison
eingingen. Nein, ich meine nicht zuletzt das Sound:frame- Festival.
Letztes Jahr, der Tod des King, des King of Pop…Um an Michael Jackson
kollektiv zu gedenken wurde ein Massen-Moonwalk als Flashmob via
Twitter und Facebook organisiert. Quasi die spontane
Guerilla-Ermächtigung von selbstorganisierten, pop-affinen Handelnden
im öffentlichem Raum. Popkulturell und politisch betrachtet ziemlich
spannend (weil noch am ehesten subversiv?), im Gegensatz zur gezielten
Aktivierung des Areals durch geförderte Mittel. Mittel, die, und das
muss jetzt auch gesagt werden und man möge mir das dichotomische
Konstrukt verzeihen, sonst unverhältnismäßig hoch in die Institutionen
und Veranstaltungen der so genannten „Hochkultur“ fließen. Also von
daher ist es natürlich zu begrüßen, dass sich die Stadt für so ein
Event kooperationsfreudig zeigt, Geld zuschießt und sich wie die
Veranstalter erhofft, dass sich neue Synergien ergeben – für den
Karlsplatz, für die heimische Pop-Generation und darüber hinaus.
Donnerstagabend, zweiter Auftritt. Neben mir ein Wien-Besucher, oder
ist es ein Austauschstudent? Wer weiß das schon, warum er hier ist,
Hauptsache er ist da und nach wenigen, angespielten Takten ist er wie
vom Blitz getroffen und herausschreiend: „Ohh, this is „Ganz Wien“ from
Falco!“ Der vorletzte Song von Bunny Lake macht Anleihen an einer der
ersten selbst geschriebenen Nummern Falcos anno 1979, die er zuerst
noch mit Drahdiwaberl und ab seinem Debüt regelmäßig solo spielte. Ins
Englische mit „That Scene“ übersetzt, singt Falco darin über das
verkokste, „hinnige“ Wien. Dass Bunny Lake gut 30 Jahre später auf dem
Platz, der wie kein anderer in der Stadt mit Junkies und Drogen
assoziiert wird und der nun zur urbanen Szenerie dieses ersten Popfests
geworden ist, der österreichischen Pop-Historie Tribut zollen, lässt
nicht nur begeisterte, englisch-sprachige Besucher aufschreien. Es
setzt dieses Fest in einen pophistorischen Kontext, der natürlich noch
vor Falco in eine Austro-Pop-Ursuppe zurück geht, und sich gegenwärtig
aus den verschiedensten kreativen Energien und Zellen umtriebiger
Musikschaffender speist, die sich längst nicht mehr in eine Kategorie
oder ein Genre pressen lassen. Im „Post-Austro-Pop“ streut sich das
Spektrum ins Vielfältigste, ohne dabei in die Bedeutungslosigkeit zu
rutschen oder beliebig zu werden. Immer wieder verblüffend, wie viel
Pop-Substanz es in Österreich gibt und das in Anbetracht der Größe des
Landes und unter den undankbaren Bedingungen des österreichischen
Musikmarktes.
Die Reihe an Bands, EinzelkünstlerInnen und Labels, die in den letzten
Jahren produziert, aufgenommen, gespielt, gesungen und veröffentlicht
haben, ist lang und beachtlich – das rückte das Popfest nun endlich
noch stärker ins Bewusstsein! Die vielen interessanten Auftritte können
an dieser Stelle natürlich leider nicht alle wiedergeben werden, dafür
sei aber auf die Live-Mitschnitte von „They shoot music“ auf youtube
und auf die mokant.at-Fotostrecke
verwiesen. Ansonsten, nächstes Jahr einfach selbst dabei sein! Denn
wenn die gastronomischen und sanitären Versorgungsstätten mehr werden
und die Seebühne vor allem höher wird, um die viel versprechenden
österreichischen Pop-Emporkömmlinge zu präsentieren, dann ist das
Popfest am Karlsplatz wirklich geglückt!





















































