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Schermer: „Regionalität erhält soziale Strukturen im Land“

Soziologe Schermer erklärt, wie unser Konsumverhalten das Leben aller prägt

 

Die Flut an immer neuen Produkten am Lebensmittelmarkt ist unüberschaubar geworden. Der Handel geht davon aus, dass Konsumenten durch ihr Verlangen nach Vielfalt diese Entwicklung mitsteuern. mokant.at wollte vom Soziologen und Agrarökonom Markus Schermer wissen, ob Globalisierung wirklich die notwendige Konsequenz dieser Entwicklung ist.

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„Regionalisierung wäre nie ohne Globalisierung entstanden“

mokant.at: Wie stehen Sie persönlich zu Globalisierung und Regionalisierung?
Markus Schermer: Momentan ist es so, dass die globalisierten Produkte die Basis sind und die regionalisierten der Luxus und es wäre natürlich schön, wenn sich diese Bewegung umkehren würde. Es wäre sicherlich vernünftiger, auch wenn die Subsistenzwirtschaft unrealistisch geworden ist. Wir sind von Waren- und Produktionsströmen abhängig geworden. Ich bin der Meinung, dass die Regionalität soziale Strukturen im Land erhält. Es ist mir ein Anliegen, dass Konsumenten wieder einen Bezug zur Produktion bekommen. Diese Auseinanderentwicklung ist gefährlich, denn wir gestalten durch unser Konsumverhalten die Wirtschaft und die Landschaft mit.

mokant.at: Könnten wir uns in Österreich noch selbst ernähren?
Schermer: Ja, wobei die Versorgung mit Fleisch sicherlich viel einfacher wäre als mit Getreide. Gerade das Tiroler Klima ist für einen intensiven Getreideanbau nicht geeignet – die Selbstversorgungsdauer liegt hier bei ein paar Tagen. Also zu sagen, Veganer oder Vegetarier seien hinsichtlich unserer Landschaft angepasster, stimmt sicher nicht. Es gibt hier viele Flächen, die nur über einen Wiederkäuermagen, also Kühe, Schafe oder Ziegen, verwertbar sind. Würde etwa in Tirol breitflächig Vegetarismus als Volkskrankheit ausbrechen, würde dies eine massive Veränderung der Landschaft zur Folge haben, die Almen würden zuwachsen. Ohne Tierhaltung wäre das System bei uns nicht haltbar.

mokant.at: Käme die Fleischproduktion ganz ohne Importprodukte aus?
Schermer: Der wesentliche Punkt bei der Fleischproduktion ist, dass wir eigentlich die Futterflächen importieren, indem wir Kraftfutter importieren. Unsere Rinder weiden eigentlich in Argentinien, da die Sojabohnen dort angebaut werden. Wenn dieser Aspekt im Gedanken der Selbstversorgung berücksichtigt wird, kann man davon ausgehen, dass sich der Konsum von Fleisch wieder verringern beziehungsweise verlagern würde. Die Produktion von Schwein und Huhn würde zurückgehen und die Preise ansteigen. Gerade früher war Rind das günstigste Fleisch. Schwein und Huhn sind direkte Nahrungskonkurrenten zum Menschen, erst durch die Globalisierung hat sich diese Entwicklung gedreht, da es möglich wurde, relativ billig Getreide zu importieren.

mokant.at: Wer war zuerst – der Kunde, der eine Mango haben wollte, oder der Verkäufer, der sich ein Geschäft erhoffte?
Schermer: Der Handel reagiert viel schneller als die Produzenten. Er greift schnell Nischen und Trends in der Bevölkerung auf. Der Kunde weiß nicht, dass es etwas gibt, man muss es ihm zuerst zeigen und es ihm positiv verkaufen. Nehmen wir als Beispiel Rucola. Als Rauke schon lange heimisch und sehr unbeliebt, verhalf ihm der Name Rucola, sich als geschätztes Produkt zu etablieren. Erst vor kurzem habe ich eine Sendung auf MTV gesehen, bei der man zeigte, wie gewisse Stars ein Steak vom Koberind haben wollen. So wird es populär und man will es auch. Das funktioniert bei allen Produkten.

mokant.at: Glauben Sie, dass sich die Regionalität in Zukunft wieder durchsetzen könnte?
Schermer: Es wird nie in eine regionale Subsistenz zurückgehen, man kann nur die Regionalität stärken, aber der moderne Konsument will alles gleichzeitig und immer haben. Der Konsument ist bestrebt, immer etwas Besonderes zu finden. Etwas Exotisches, dabei gibt es genauso Regionalexotismen. Regional heißt nicht mehr banal. Gerade durch das Sinken der Standardqualität durch die Preiserwartung. Es wurden noch nie so wenig Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben wie jetzt. In Österreich macht es momentan etwa zwölf Prozent des durchschnittlichen Einkommens aus. Preissenkung bedeutet aber immer Massenqualität. Gerade dadurch konnte sich diese Spezialitätenschiene entwickeln. Regionalexotismen lassen sich auch dadurch leichter vermarkten, weil der Konsument ein Argument hat, die höheren Produktionskosten in Kauf zu nehmen.
Parallel ist aber auch die Gruppe der bewussten Konsumenten seit zwanzig Jahren stetig beim Wachsen. Auf der einen Seite steigt der Anspruch in der Lebensmittelkultur, und auf der anderen gibt es ein Massenbasiskalorienpaket, das günstig ist. Wobei das ein und denselben Konsumenten betreffen kann – das ist postmodernes Konsumverhalten.

mokant.at: Wie kann sich der Konsument im Lebensmitteldschungel orientieren?
Schermer: Sie haben zwei Möglichkeiten. Die erste ist, sich durch den Dschungel von Labels und Gütezeichen zu quälen und zu versuchen, sich einen Überblick zu schaffen. „Bio“ zu kaufen, bedeutet einen Umweltschwerpunkt zu setzen, viele achten auch auf die österreichische Herkunft, was zum Beispiel das AMA-Gütesiegel auszeichnen soll. Es gibt jedoch auch AMA-Siegel ohne Ländertitel, hier wurde das Produkt lediglich in Österreich veredelt.

Die „geschützte geografische Angabe“ zählt zu den EU-Siegeln, bedeutet aber nur, dass das Produkt in einer bestimmten Region verarbeitet wurde. „Der echte Nordtiroler“ trägt diese Bezeichnung, aber das Fleisch kommt meist aus Holland. Die Verbreitung der „geschützten geografischen Angabe“ ist in den einzelnen EU-Ländern völlig unterschiedlich und ist meist auf historische und kulturelle Hintergründe zurückzuführen. Der „geschützte Ursprung“ allerdings muss Kriterien in Bezug auf Herkunft erfüllen und darf nur in einer bestimmten Region erzeugt werden. Oft werden diese Bezeichnungen absichtlich assoziativ gewählt, um Unschärfen zu erzeugen. „Zurück zum Ursprung“ wurde von Anfang an als Bio-Produkt wahrgenommen, obwohl es das anfänglich gar nicht war. Die zweite Möglichkeit ist, regionale Produkte zu kaufen, von denen ich wirklich soweit wie möglich weiß, wo sie produziert wurden. Selektiver Einkauf bedeutet eben immer ein Mehr an Zeitaufwand.

mokant.at: Welche Stimme ist hier in Österreich stärker, die Seite der Globalisierung oder die Seite der Regionalisierung?
Schermer: Strukturmäßig ist sicher die Globalisierung stärker. Aber ich sehe da kein Entweder-Oder. Diese Prozesse passieren gleichzeitig und beeinflussen sich gegenseitig. Regionalisierung wäre nie ohne Globalisierung entstanden. Durch das Wachsen der Globalisierung wachsen auch die Nischen der Regionalisierung. Wie mir ein Bauer einmal sagte: Sind die Stämme, die ich lagere, dicker, dann sind es auch die Löcher dazwischen.

mokant.at: Wie sind diese gegenseitigen Abhängigkeiten am Weltmarkt entstanden?
Schermer: Das waren durchaus auch strategische Überlegungen. Im Kalten Krieg versuchten die USA, Getreide am afrikanischen Markt einzuführen und die Ernährung der Bevölkerung von Hirse auf Getreide umzustellen, um diese abhängig zu machen. Von Seiten Europas stammt das Konzept der Überschussverwertung, als wir hier die „Milchseen“ und „Butterberge“ hatten. Diese wurden unter dem Argument der Nahrungsmittelhilfe, in Form von Milchpulver, nach Afrika abgesetzt. So sind diese Abhängigkeiten entstanden. Ein zweiter Hoffnungsmarkt Europas in Bezug auf Milch war China. Die Chinesen sind kulturell keine Milchproduktesser. Also propagierte ein Ministerpräsident die Meinung, es sei gesund, jeden Tag ein Glas Milch zu trinken. So wurde Milch in China fashionable. Da die Asiaten zum Großteil jedoch laktoseintolerant sind, beseitigte man diese Intoleranz mit Joghurt, das leichter verträglich ist.

 

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Artikel von Ariane Baron

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