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Fritz Hausjell: „Jugendlichkeit ist kein politisches Programm“

Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell über die Rolle der Medien in der Politik

 

Verdrossen. Gegenüber der Politik, gegenüber den Regierenden, gegenüber der eigenen unsicheren Zukunft. Verdrossen, das sollen vor allem die Jugendlichen in Österreich sein. Politikwissenschaftler beschäftigen sich mit diesem Phänomen schon seit längerem. Doch wie ist die Sicht der Kommunikationswissenschaft? Tragen Medien ihren Teil zur Politikverdrossenheit bei? Und wie nutzen Politiker die Medien für ihre Zwecke? Der Wiener Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell beschäftigt sich mit genau diesen Fragen in seiner Forschungstätigkeit, vor allem aber mit Neonazismus und Rassismus im medialen Kontext. Im Interview erklärt er gewohnt kontroversiell, wie die mediale Kompetenz mit der politischen Zukunft der Jugendlichen zusammenhängt und bezeichnet „das Ewigjugendliche“ von H. C. Strache als „Anbiederung“. Den „demokratischeren Politikern“ gibt Hausjell den Rat, „nicht zwanghaft Jugendlichkeit zu inszenieren“.

 

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Social Networks sind für politische Zukunft wichtig, meint Hausjell
mokant.at: Wie wichtig ist Politik Ihrer Meinung nach für die heutige Jugend?
Fritz Hausjell: Es wird immer wieder über die Politikverdrossenheit der Jugend gesprochen. Ich bin da sehr zurückhaltend. Es entsteht immer dann ein Diskurs über Kulturpessimismus, wenn sich eine Gruppe weniger engagiert oder interessiert zeigt. Auf der empirischen Seite zeigt sich allerdings, dass die Befürchtung um eine Entpolitisierung nicht begründet ist. Aus meiner Sicht gibt es heute vielfältigere Formen des politischen Engagements. Die, die allerdings ein Stück darunter leiden, sind klassische politische Parteien. Junge Menschen organisieren sich heutzutage stärker in verschiedenen NGOs, auch „Social Networks“ bieten vielfältige Möglichkeiten. Wichtig ist ein Raum, in dem man sich begegnen kann, um Interessen und Erfahrung auszutauschen.

mokant.at: Jugendliche reagieren also aktiv auf das politische Angebot?
Fritz Hausjell: Davon bin ich überzeugt und konsequenterweise wurde deswegen auch das Wahlalter heruntergesetzt. Hier lasse ich mir auch nicht einreden, dass Jugendliche zu unreif sind, um wählen zu gehen. Wenn ich höre, „Ich kenne aber den 16-Jährigen und die 17-Jährige, die keine Ahnung von Politik haben und wählen dürfen“, kann ich nur darauf antworten: Wie viele 40-jährige kennen Sie, die sich nicht in der Politik auskennen und ahnungslos über das politische Angebot sind?

Der Umstand, dass Menschen heute früher wählen dürfen, kann ruhig als Herausforderung gesehen werden. Herausforderungen an das mediale und an das politische System. Politik kann in vielfältigen Kontexten zum Thema gemacht werden. Für mich war es selbstverständlich, dass ich mich als Jugendlicher um meine Interessen gekümmert habe – früher war es aufwändiger, eine Schülerzeitung zu gründen und über politische Themen zu informieren, heute haben die Jugendlichen viele Möglichkeiten über soziale Netzwerke.

mokant.at: Heißt das, dass soziale Netzwerke die Zukunft für jugendliche Politik sind?
Fritz Hausjell: Ich möchte die sozialen Netzwerke nicht in den Himmel loben, aber man muss sich fragen, wie diese produktiv genützt werden können. Ob junge Menschen entsprechende Bildungsangebote bekommen und damit Chancen entwickeln können, frühzeitig Medienkompetenzen zu erlangen und lernen, ihre Interessen in Diskursen zu vertreten, eben auch in der Politik.

mokant.at: Sind die Interessen der Jugend den Politikern ein wichtiges Anliegen oder verkaufen sie sich nur gerne jugendlich?
Fritz Hausjell: Heute sind die Politiker und Politikerinnen, denen vor ein paar Jahren der Mantel der Jugendlichkeit umgehängt wurde, gar nicht mehr so jung. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass Jungpolitiker und -politikerinnen nach außen die ewige Jugend verkörpern müssen. Jugendlichkeit ist aber kein Programm, es geht um Inhalte und diese müssen nicht von Jugend geprägt werden, wie zum Beispiel beim Umweltschutz oder der sozialen Gerechtigkeit.

Sehr wohl sollte es um die Anliegen der jungen Menschen in der Politik gehen. Zum Beispiel aktuell darum, dass junge Menschen finanziell höhere Ansprüche haben als früher, sie bauen sich früher ihre eigene Existenz auf und verdienen dafür verhältnismäßig wenig bei hohen Kosten. Ich denke, dass junge Menschen heutzutage ihr Leben deutlich bewusster planen als früher, ein Beispiel dafür wäre die Entscheidung für oder gegen Kinder. Jugendliche halten sich weniger an Traditionen, die Ihnen durch Lebensstile der Eltern vermittelt wurden.

mokant.at: Beim Thema jugendliche Politik denkt man an Wahlkampf-Strategien von H. C. Strache. Glauben Sie, dass sich Jugendliche angesprochen fühlen, wenn H. C. Strache ihnen vermittelt, er sei auf ihrer Seite?
Fritz Hausjell: Ein Teil der Jugendlichen lässt sich natürlich beeinflussen, die Wahlergebnisse sprechen für sich. Andererseits denke ich, dass es sich bei den Wählern von Strache nicht um jugendliche Menschen handelt, die seine Meinungen teilen, sondern um wenig politisierte Menschen. Da hat die Wahlentscheidung weniger etwas mit einem konkreten Programm zu tun, es geht um die Zugehensweise der Politiker. Die FPÖ vermittelt ihren Wählern, dass sie immer den Topkandidaten Heinz-Christian Strache geboten bekommen. Nicht jede Partei betreibt in dem Ausmaß Wahlkampf mit der ersten Garnitur ihrer Partei.

mokant.at: Glauben Sie, dass die FPÖ bestimmte soziale Schichten besonders anspricht?
Fritz Hausjell: Ich glaube nicht, dass es sich um ein vorrangiges Schichtenproblem handelt. Stärker entscheidend ist der Faktor: Gut gebildet oder weniger gut gebildet? Was mir auffällt, ist, dass besonders aus dem Bereich der Lehrberufe eine hohe Affinität zur FPÖ besteht. Das hat mit der Strategie der FPÖ zu tun – der Topmann wird zur Wahlwerbung in die Berufsschulen geschickt. Die SPÖ und die ÖVP haben, wenn überhaupt, Jugendpolitiker hingeschickt. Die Jugendpolitikerin Laura Rudas (SPÖ- Bundesgeschäftsführerin, Anmerkung der Redaktion) ist aber, trotz ihres Engagements, keine Identifikationsfigur für diese Schüler.

Auch wenn ich einen Jungpolitiker auf die Berufsschulen schicke, der selbst einen Lehrberuf ergriffen hat, so ist das immer noch nicht das attraktivere Angebot im Vergleich zu einem persönlichen Besuch von H.C. Strache. Besonders den jungen Menschen, die politisch nur peripher interessiert sind, ist es wichtig, ob sie den Topmann einer Partei bekommen oder nur einen Vertreter. Frei nach dem Motto: Wie wichtig werde ich als Wähler genommen? Kommt Werner Faymann oder einer aus der zweiten Garnitur der politischen Partei? Diese Strategie haben SPÖ und ÖVP unterschätzt, letztendlich hat die FPÖ aber so Wähler gewonnen, gerade bei Unentschlossenen und politisch eher Desinteressierten.

mokant.at: Wie schätzen Sie den Imageaufbau von H.C. Strache ein, beispielsweise durch publizierte Bilder von ihm in der Fitnesskammer oder in der Disco?
Fritz Hausjell: Das hat auch schon Jörg Haider so gemacht. Das Ewigjugendliche herauszukehren, entspricht durchaus einer Art der Anbiederung und kommt auch bei einigen Leuten ideologisch gut an, zum Beispiel bei Leuten, die diesen Körperkult selbst betreiben – aber auch in der rechten Szene, die sich auf den gesunden Geist in einem gesunden Körper beruft. In ein paar Jahren wird sich Herr Strache sehr schwer tun, mit seiner Jugendlichkeit noch authentisch zu wirken. Wenn junge, politisch interessierte Menschen angesprochen werden sollen, dann wird das in den wenigsten Fällen funktionieren. Da muss man sich fragen, ob man mit der Strategie nicht eine Gruppe vergrault, obwohl man in einer anderen vielleicht ein paar potenzielle Wähler und Wählerinnen gefunden hat.

Es ist eine gefährliche Strategie, nur jugendlich zu erscheinen, aber nicht zu sein. Ich würde den anderen, den demokratischeren Politikern, den Rat geben, nicht zwanghaft Jugendlichkeit zu inszenieren, denn das wirkt aufgesetzt und unglaubwürdig. Ein mit Furchen durchzogenes Gesicht ist nicht nur etwas ganz Natürliches, sondern kann auch von Lebenserfahrung zeugen.

mokant.at: Stichwort politische Bildung: Kann die Schule unterstützend und aufklärend eingreifen?
Fritz Hausjell: Natürlich, das ist ja die zentrale Aufgabe einer Bildungseinrichtung, eine Gesellschaft dahingehend zu verbessern, dass auch die Lebenschancen der jungen Menschen verbessert werden, dazu gehört auch die politische Bildung. In diesem Bereich fehlt mir aber vor allem der Bereich Medien. In vielen Lebenssituationen wird die Vermittlung von medialer Kompetenz, dem richtigen Umgang mit der Masse an Informationen, relevanter. Das soll nicht nur in passiver Hinsicht die Vermittlung von Wissen um das mediale Angebot und die Unterscheidung von verschiedenen medialen Inhalten von Printmedien, Fernsehjournalismus und „Social Networks“ sein. Es geht auch um den aktiven Part, dass man über ein Know-How darüber verfügt, wie eigene Interessen verfolgt und eingebracht werden können. Eine aktive Medienkompetenz ist dabei gerade für die Rezeption von politischen Inhalten sowie die Mitgestaltung von Politik wichtig.
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„Eindeutige Signale“ von Rosenkranz


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