Archiv
„Furchtbar lieb“ von Helen FitzGerald
Sarah und Krissie sind beste Freundinnen mit unterschiedlichen
Lebenskonzepten. Während Sarah, in geregelten und wohlhabenden
Verhältnissen lebend, sich nichts sehnlicher als ein Kind von ihrem
Mann wünscht, herrscht bei Krissie aufgrund der ungewollten Folge eines
Quickies am Klo einer Discotheke das pure Chaos. Um Abstand vom Alltag
zu gewinnen, bei der einen Frau geprägt durch krankhafte Versuche ein
Kind zu zeugen und bei der anderen verdunkelt durch Überforderung und
postnatale Depressionen, begeben sich Krissie, Sarah und deren Ehemann
Kyle auf eine folgenreiche Wandertour. Zu diesem Zeitpunkt wissen die
drei noch nicht, dass diese Reise keiner von ihnen unbeschadet
überleben wird.
Der Selbstfindungstrip offenbart mehr von der Psyche der Freunde als
ihnen lieb ist, manche Dinge hätten lieber im Verborgenen weiter
schlummern sollen. Vor allem Krissie findet mehr von ihrem Selbst als
ihr lieb ist, wie beispielsweise ihre Empfindungen für Kyle. „Das erste
Stück habe ich in einem Zelt auf dem West Highland Way gefunden. Meine
beste Freundin Sarah schlief. Ihr Mann lag neben ihr, und ich schluckte
sein Sperma. Ich entdeckte das nächste Stück von mir am Grund einer
Klippe, als ich Sarahs toten Körper dort entlangschleifte, während ihr
Kopf gegen die Felsen schlug.“
Die Reichweite eines Penisses
Das erste Kapitel des Romans macht dem Leser Hoffung auf ein Buch
voller menschlicher Abgründe, psychischer Abstürze und das Leben
prägender Widersprüche. All jenen, die nicht enttäuscht werden wollen,
sei geraten nach den zwei Seiten des ersten Kapitels, in die
Buchhandlung zu fahren und sich einen guten Psychothriller oder Krimi
zu kaufen. Denn „Furchtbar lieb“ ist der klägliche Versuch der Autorin
mit krampfhafter sexueller Offenheit und vorhersehbarem Witz von
schriftstellerischen Künsten zu überzeugen. Wenigstens Frauen bekommen
einen Tipp fürs Leben mit auf den Weg: die Reichweite des Mannes, nicht
bloß die Länge seines besten Stückes zählt im Bett. Helen FitzGerald
klärt uns auf, dass „Reichweite = Gesamtzahl der Stöße x Länge des
erigierten Penis. … Gute Länge, gute Anzahl von Stößen pro Sitzung =
gute Reichweite.“ Ob diese Einsicht es wert ist das gesamte Buch zu
lesen, bleibt fraglich.
Sexualstraftäter und Stiefväter
Die Autorin startet mit „Furchtbar lieb“ den Versuch das Böse in jedem
von uns mit Hilfe von Zynismus und schwarzem Humor als Teil des Lebens
und damit auch als zu Freundschaft und Liebe gehörig begreifbar zu
machen. Von einer Frau, die ein Jahrzehnt Erfahrung als
Sozialarbeiterin und Bewährungshelferin für Sexualverbrecher vorweisen
kann, erwartet der Leser allerdings und das berechtigterweise mehr
Raffinesse und schriftstellerischen Tiefgang, wenn es um Themen wie
sexuellen Missbrauch oder psychische Folgen traumatischer Erlebnisse
geht. Die Einflechtung des missbrauchenden Stiefvaters, der die
Vergangenheit der beiden Freundinnen prägt, bleibt oberflächlich.
Anstatt Empathie für die Protagonistinnen zu wecken, werden beim Leser
eher Gedanken wie „Das auch noch!“ laut.
Mord, Totschlag und Mutterliebe
Die Ereignisse werden im Laufe des Buches immer skurriler und
unglaubwürdiger. Sarah, überlebt den Absturz in die Tiefe des Abgrundes
und tötet ihren Mann nachdem dieser sie aus der Höhle, in der sie
lebendig begraben wurde, befreit. Mike, der pädophile Stiefvater muss
nach so vielen Jahren doch noch für seine Taten büßen, bevor Sarah sich
selbst erschießt. Krissie hingegen gelingt es, ihr promiskuitives Leben
aufzugeben, den passenden Mann fürs Leben zu finden und eine liebende
Mutter zu werden. Die Moral von der Geschichte, wie könnte es auch
anders sein: am Ende kommt es doch auf Liebe und nicht Reichweite an...
Aufgeblättert: „Sommer wie Winter“ von Judith W. Taschler
Aufgeblättert: Lesen statt Lernen
Aufgeblättert: „Zwischen den Wänden“ von Johannes Epple
Aufgeblättert: „Der Maler des Verborgenen“ von John Vermeulen
Aufgeblättert: „Sehnsucht nach dem Vater“
Aufgeblättert: „Philosophie für Verdorbene. Essays über Pornografie“
Aufgeblättert: „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“
Aufgeblättert: „Herznovelle“
Aufgeblättert: „Der Bro Code“
Aufgeblättert: „Tschernobyl Baby“
Link dazu ...
Helen FitzGerald im Galiani Berlin Verlag
Rezension von





















































