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Wir wollen alles und immer und billig haben – unsere Ernährung ist kompliziert geworden
Ach, wie ist das Leben schön. Niemals Hunger, niemals Durst. Und wenn doch einmal ein kleiner Anflug von Leere in der Magengegend aufkommt, huscht man einfach in den nächsten Supermarkt. Ja, hier in Österreich kann man wirklich zufrieden sein. So unbeschwert schreitet wohl der Großteil der modernen Konsumenten durch die Supermarkt-Schiebetür. Wieso auch nicht, es wartet ja das reinste Schlaraffenland. Im Kühlregal hat man die Möglichkeit, aus fünf verschiedenen Milchsorten zu wählen. Ob das Sinn macht, fragt sich da kaum einer. Im Gegenteil: „Der Konsument ist sehr ausgesucht, er verlangt Vielfalt“, meint Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin der Interspar AG, und begründet damit das Wegsterben der kleinen Greißler, die früher jedes Dorf zierten.
Das moderne Konsumverhalten ist kompliziert geworden. „Auf der einen Seite steigt der Anspruch in der Lebensmittelkultur und auf der anderen gibt es ein Massenbasiskalorienpaket, das günstig ist“, erklärt der Soziologe Markus Schermer. Man wolle alles gleichzeitig, aber auch möglichst billig haben. Der Durchschnitts-Österreicher gibt heute etwa zwölf Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus, eine Zahl, die noch nie zuvor so gering war. Klare Konsequenzen aus dieser Entwicklung sind das Entstehen von Massenqualität und der Import von Produkten aus Dritt- und Schwellenländern. „Momentan ist es so, dass die globalisierten Produkte die Basis sind und die regionalisierten der Luxus“, meint Schermer.
Der Konsument verliert den Bezug zur Produktion. Die heute heranwachsende Gesellschaft ist die erste, die zum Großteil nicht mehr weiß, wie man Gemüse oder Obst anbaut. War es der Nachkriegsgeneration noch wichtig, ein eigenes Stück Land zu bewirtschaften, um sich selbst ernähren zu können, kann man heute nur mehr hungern, wenn der Supermarkt zusperrt. Die selbst auferlegte Abhängigkeit ist enorm.
Exportbegünstigung durch EU-Förderung
Nach außen zeigt sich die EU stark protektionistisch: Man ist bestrebt, möglichst wenig rein zu lassen, dafür aber möglichst viel hinaus. Um am günstigeren Weltmarkt mithalten zu können, wurde deshalb im Exportbereich ein Förderungsprogramm entwickelt: Gefördert wird nicht, wer bedürftig ist, sondern wer am meisten exportieren kann. Der ungeschlagene Förderungskaiser in Österreich ist derzeit „Rauch Fruchtsaft“. Die Firma ist durch die Abfüllung von „Red Bull“ Spitzenreiter im Zuckerexport und erhielt für das Jahr 2009 über 7,2 Millionen Euro Subventionen. Dieses Subventionssystem wird stark von der Welthandelsorganisation (WTO) kritisiert. Sie prangert die Handelsverzerrung durch die entwickelten Länder an, was die Exportmöglichkeiten für arme Länder und Schwellenländer mindere.
Das Sortiment ist lebendig
Globalisierung und Regionalisierung sind untrennbar miteinander verbunden. Je stärker die Globalisierung wächst, umso größer werden die Nischen für regionale Produkte. „Sind die Stämme, die ich lagere, dicker, dann sind es auch die Löcher dazwischen“, erinnert sich Schermer an die Aussage eines heimischen Bauern und nennt als Beispiel die Entwicklung von „Regionalexotismen“, wie etwa das Tiroler Grauvieh, das heute als Schmankerl gilt und somit seinen höheren Preis rechtfertigen kann.
Der Lebensmittelmarkt zeigt sich als Trendscout. Unentwegt sind Sortimentmanager gemeinsam mit der Industrie bemüht, neue Produkte zu kreieren. „Das Sortiment ist ein ständiges Lebendiges“, sagt auch Nicole Berkmann von der Interspar AG . Der Handel ist schnell darin, neue Nischen und Trends in der Bevölkerung ausfindig zu machen. Omega3, Acedophilus-Kulturen und Vitaminzusätze sind nur einige Schlagwörter, die dem heutigen Konsument das Gefühl geben, sich gesund zu ernähren. Dabei war die Ernährung noch nie so ausgewogen wie heute. Der Ernährungsmediziner Maximilian Ledochowski fand sogar heraus, dass durch übermäßige Vitaminzufuhr die Anzahl an vitaminfressenden Bakterien im Darm zunimmt und so ein Vitaminmangel künstlich herbeigeführt wird, sobald man die Vitamine absetzt.
Österreicher handeln relativ patriotisch
Die Supermarktdichte in Österreich ist eine der höchsten. Trotzdem haben viele Ketten nach wie vor das Ziel, zu expandieren. So entstehen immer mehr Märkte, die um die gleiche Anzahl an Kunden buhlen. Am heimischen Lebensmittelmarkt spricht man mittlerweile von einem Verdrängungsprozess, bei dem eifrig allen Kundenwünschen nachgegangen wird. „Der Kunde ist König“, und genauso verhält er sich auch. Das Brot muss immer frisch sein und wenn einmal kein Granny Smith im Regal ist, lässt man gleich die Geschäftsführung kommen.
Wen wundert es da, dass zu manchen Jahreszeiten von acht Sorten Äpfeln nur zwei aus Österreich stammen? Über das Jahr betrachtet sind fünfzig Prozent des Obst- und Gemüseanteils aus heimischer Produktion. Gerade durch verstärktes Medieninteresse ist die Agrar-Außenhandelsbilanz besser geworden. Nach wie vor ist jedoch Bewusstseinsbildung gefragt, denn wer sich bewusst ernähren will, muss oft ein Vielfaches an Zeit investieren.
Links dazu ...
Austria and the WTO (englisch)
Biosaisonkalender (PDF)
Artikel von Ariane Baron
Titelbild: mokant.at montage > flickr.com/pasotraspaso




















