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nici paiha
Reine Körperverletzung oder Ausdruck der eigenen Identität?

Trotz Modetrends und alter Tradition werden Tätowierte auch noch heute stigmatisiert

 

Harte Rockmusik, düstere Dekoelemente und ein ganzkörpertätowiertes und -gepierctes Team – nein, der österreichische Durchschnittsbürger würde sich wahrscheinlich nicht in das Wiener Tattoo- und Piercingstudio „Penetration Incorporation“ verirren. Auch wenn sich das Tattoo und Piercing zu einem beliebten Modeaccessoire entwickelt hat, haften Vorurteile auf auffällig tätowierten oder gepiercten Menschen noch immer hartnäckig. Ein dezentes Nasenpiercing oder ein kleiner Stern am Bauch? Absolut alltagstauglich. Aber mehr darf's dann bitte auch nicht sein.

mokant.at collage > nici paiha (8), flickr.com (2)/haabet2003, benkay (creative commons)
Für die einen Kunst, für die anderen Modetrend: Tattoos
Eintauchen in eine unbekannte Welt
Nici Paiha ist einer jener Menschen, die die Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich zieht, wenn sie einen Raum betritt. Quirlig und zierlich ist die 29-jährige Mutter, die seit sieben Jahren als Piercerin tätig ist und seit vier Jahren selbstständig in ihrem Studio „Penetration Incorporation“ arbeitet. Mit ihren auffälligen Tätowierungen und Piercings sieht sich Nici immer wieder von der Gesellschaft in eine Schublade gesteckt. Woher die Vorurteile kommen? Nici meint, dass Tattoos und Piercings noch immer mit Gefängnisinsassen und der gesellschaftlichen Unterschicht assoziiert werden. „Dass das Piercen und Tätowieren schon eine jahrtausendelange Tradition hat, wird vergessen. Die Europäer sind für diese Art der Kunst noch immer zu verschlossen und denken, dass es Körperverletzung ist“, meint Nici.

Gestochene Tradition
Wirft man einen Blick auf die mehrere Jahrtausende alten Traditionen vieler Völker, so erkennt man tatsächlich, dass schon seit jeher die Kunst des Piercens und Tätowierens vollzogen wird. Die Ureinwohner Amerikas, Afrikas und Asiens schmückten sich bereits mit Piercings in Ohrläppchen, Nasenflügeln, aber auch in den Lippen oder Genitalien. Weiters weiß man von der Piercing-Tradition der Purépecha, den Zapotheken und Azteken, von ihren gedehnten Ohrlöchern, den Lippenscheiben, den sogenannten Lippenpflöcken, und ihrem Septumschmuck, also dem Piercing in der Nasenschneidewand. Oder von den indischen Steckern in den Ohrläppchen und dem Nasenflügel, die dort als Schönheitsideal gelten. Die Tradition des Tätowierens geht sogar soweit zurück, dass Forscher in Chile siebentausend Jahre alte Mumien fanden, die an Händen und Füßen tätowiert waren. Sogar die Gletscher-Mumie Ötzi, der vor über füntausend Jahren lebte, trug mehrere Zeichen auf seiner Haut. Tätowierungen konnten rituelle Bedeutungen haben, sie wurden auch als Symbol der Trauer und der Zugehörigkeit zu einem Stamm getragen oder als medizinische Therapiemethode eingesetzt.

Generationenkonflikt
Entgegen der Annahme, dass böse Blicke und abfällige Bemerkungen hauptsächlich von älteren Menschen kommen, sieht sich Nici vor allem von den 30- bis 50-Jährigen argwöhnisch beobachtet. „Wie ich bemerkt habe, dass mich die Leute in meiner Wohngegend anstarren und hinter meinem Rücken reden“, amüsiert sich die aufgeweckte Persönlichkeit, „habe ich angefangen sie extra freundlich zu grüßen.“ Nicht selten habe sie gesagt bekommen, dass es ja toll sei, wie gebildet sie eigentlich sei und was für intensive Gespräche man mit ihr führen könne, obwohl sie gepierct und tätowiert sei. „Aufbauend“, meint Nici lächelnd, sei ein Gespräch mit einer 86-jährigen Nachbarin gewesen. „Sie meinte: Wenn sie noch einmal jung wäre, sie würde sich heute für diese Art von Körperschmuck entscheiden, was in ihrer Jugend als Diplomatentochter natürlich undenkbar gewesen wäre.“ Nici ist davon überzeugt, dass irgendwann die ablehnende Haltung rund um Tattoos und Piercings verschwinden wird: „Bei durchstochenen Ohrläppchen hat man sich ja früher auch aufgeregt – die Menschen brauchen was, worüber sie reden können, sonst ist ihnen fad.“

Du bist dein Piercing!
Mittlerweile ist das Tragen von Piercings nicht mehr auf eine bestimmte soziale Gesellschaftsschicht beschränkt, junge Menschen aus jedem Umfeld lassen sich piercen. Modetrends kann Nici immer wieder beobachten: „Interessant ist, dass sich gerade in der Emokultur die sogenannten Snakebites (zwei symmetrisch angebrachte Piercings, Anmerkung der Redaktion) in der Ober- oder der Unterlippe etabliert haben.“ Perfekt gestylte Mädchen hingegen würden sich meist für das Madonna- oder Medusapiercing, also einem Piercing oberhalb der Oberlippe, aber auch für Nasen- und Ohrenpiercings entscheiden, sie sollen die femininen Vorzüge unterstreichen. „Diese Mädchen sind oft ängstlich, etwas Neues auszuprobieren, das sie ihrer Meinung nach unweiblich macht. Ein Zungenpiercing ist da schon Tabu“, stellt Nici fest und fügt etwas belustigt hinzu: „Bei manchen Mädchen könnte man meinen, dass sie davor Angst haben, nicht mehr als Tussis zu gelten“.

Persönliche Bedeutung
Einerseits sind Tattoos und Piercings alltagstauglich geworden, dennoch ranken sich andererseits skurrile Theorien um diesen Körperkult: von einer angeblichen Borderlinestörung bis hin zur Selbstgeißelung und Wut auf den eigenen Körper. „Dabei erzählen Tattoos zum Beispiel von persönlichen Lebensabschnitten, sie werden zu bestimmten Anlässen gestochen und man trägt sie wie ein Tagebuch mit sich herum“, zeigt sich Nici sicher. Dass man bei Nicis Tattoos und Piercings meinen könnte, sie stehe auf körperlichen Schmerz, kann sie nur lächelnd verneinen. Sie selbst habe sogar Angst vor Nadeln, meint sie. Und am Anfang ihrer Karriere habe sie sich vor jedem gesetzten Piercing vorsagen müssen, dass sie dem Kunden einen Herzenswunsch erfüllt.

Täglich grüßt das Murmeltier
Piercings und Tattoos sollen ein Ausdruck der Individualität sein. Davon ist Nici überzeugt. So sehr, dass sie es sich auch nicht nehmen lässt, Tätowierungswünsche ihrer Kunden abzulehnen, etwa wenn sie ihrer Meinung nach Modetrends entspringen oder schlicht keine Bedeutung haben. „Ich appelliere an alle Kunden da draußen und ich hoffe, sie nehmen es ernst“, meint Nici, „wir stechen keine losen Sterne mehr, keine chinesischen Schriftzeichen, keine Blumenranken, Namen oder Anfangsbuchstaben!“ Eine Auffassung, die sich auch mit den meisten Tattooconventions, wie zum Beispiel der Wiener Wildstyle-Tattoo-Messe, nicht so recht vertragen will. „Vom Künstlerischen her ist es nicht das, was wir uns vorstellen. Uns ist es wichtig, dass Tattoos eben nicht aus einer vorgefertigten Mappe mit Entwürfen kommen.“

Alle Mitarbeiter vom Studio „Penetration Incorporation“ sind sich einig: Sie sind Künstler, und dass ein Kunde ein Leben lang ein sinnloses Tattoo mit sich herumträgt, wollen sie nicht verantworten. Eine Einstellung, die nicht jeder Tätowierer oder Tätowierte so teilen wird.

 

 

 

Models bis unter die Haut
Wildstyle- und Tattoo-Messe

Link dazu ...
„Penetration Incorporation“

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Fotos: nici paiha (9), flickr.com (2)/haabet2003, benkay (creative commons)

Titelbild: flickr.com/benkay (creative commons)

 

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