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„Die Ohrfeige“ von David Albahari
Unausweichliche Paranoia
Belgrad 1998: die Hauptstadt der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien
ist geprägt von politischen Unsicherheiten und Unmutsäußerungen seitens
der Bevölkerung. Mehr als ein Jahr nach den Massendemonstrationen auf
den Straßen Belgrads ist die Lage im Land weiterhin durch das Regime
Slobodan Milosevics bestimmt. Die Gefahr der Luftangriffe seitens der
NATO, die ein Jahr später auch tatsächlich erfolgten, ist bereits
spürbar. In dieser durch Unmut geprägten Stimmung beobachtet der
Erzähler in Albaharis Roman am Ufer der Donau, wie eine Frau geohrfeigt
wird. Purer Zufall oder eine absichtlich nur für ihn arrangierte Szene?
David Albahari wurde 1948 als jüdischer Serbe im ehemaligen Jugoslawien geboren und studierte Englische Literatur und Sprache in Belgrad. Seit 1994 lebt er in Kanada, wo er als Schriftsteller und Übersetzer arbeitet. Für seine Werke erhielt der Autor bereits zahlreiche Preise, darunter den Ivo-Andric-Preis für sein Buch „Beschreibung des Todes“ oder den Brücke-Berlin-Preis gemeinsam mit seinen Übersetzern Mirjana und Klaus Wittmann. Diese Auszeichnung wird seit 2002 alle zwei Jahre an besondere Werke aus Mittel- oder Osteuropa, die herausragend ins Deutsche übersetzt wurden, vergeben. Der Roman „Die Ohrfeige“, der 2007 publiziert wurde, ist das mittlerweile sechste ins Deutsche übersetzte Werk des Autors.
Unzumutbare Wirklichkeit
Rückblickend beschreibt der Protagonist des Romans aus dem Exil die
Ereignisse, die der beobachteten Ohrfeige folgten und seinem Leben eine
unerwartete Wende gaben. Das Leben des Erzählers vor der Beobachtung am
Donauufer besteht, abgesehen von der wöchentlichen Pflicht, eine
Kolumne an eine Belgrader Zeitung abzugeben aus Gesprächen mit seinem
besten und einzigen Freund Marko. Gemeinsam bekiffen sich die beiden,
hören Musik und sinnieren über philosophische Themen. Es ist ihre Art,
sich die politische Situation des Landes erträglicher zu machen und
unauffällig zu bleiben.
Doch plötzlich gerät dieses Leben aus den Fugen und der Erzähler findet
sich inmitten von Verschwörungen, Komplotten und Anschlägen wieder. Der
Strudel der Ereignisse, wobei für den Leser nicht immer ersichtlich
ist, ob es sich um reale Ereignisse oder Paranoia handelt, führt in die
Auseinandersetzung mit der Geschichte des Judentums am Balkan, der
Kabbala, der Zahlenmystik und dem Antisemitismus in Serbien.
David Albahari gelingt es mit seinem Roman den Leser in eine Welt zu entführen, in der die Grenze zwischen dem, was wahr ist und was nicht bzw. dem, was sein kann und was nicht verschwimmt. Die Botschaft des Buches bleibt trotz oder vielmehr gerade wegen dieser Uneindeutigkeit in Bezug auf Halluzination und Wirklichkeit umso klarer: „Das Schlimmste ist, dass man die Identität nicht wie eine Schlangenhaut abstreifen kann, dabei gibt es keinen schrecklicheren Kerker als eine Identität, an der man selbst zweifelt, oder die als schlecht und böse angesehen wird.“
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Link dazu ...
Homepage von David Albahari (englisch)
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