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Tätowieren: Der Modetrend hat eine jahrhundertealte Geschichte

Das Tattoo hat eine jahrtausendalte Geschichte und erfüllte skurrile Funktionen

 

Tattoos existieren bereits seit Jahrtausenden, woher aber genau die Tradition des Tätowierens kommt, ist bis heute unklar. Vermutet wird, dass der südwestasiatische Raum als Vorreiter des Kultes fungierte, danach verbreitete er sich in Ägypten, Polynesien und Australien, sowie Nord- und Südamerika. Experten vermuten aber, dass jedes Volk für sich das Tätowieren entwickelte.

wikipedia.org/Parkinson Sydney

Stich mich gesund!
Tattoos dürften ihren Ursprung in der frühzeitlichen Körperbemalung haben, bei der sie etwa als Schmuck, Schutz vor Dämonen und äußeren Einflüssen, Tarnung und Kriegsbemalung fungierten. Auch die Auffassung, dass Tätowierungen medizinische Funktionen haben, war weit verbreitet, so setzte man sie in Teilen Afrikas gegen Rheuma oder Kopfschmerzen ein. Als Hilfe zur Bestimmung des Geschlechts eines ungeborenen Kindes wurden in Afrika auch Schwangere tätowiert, nicht zuletzt aber, um das Kind vor Dämonen zu schützen. Die Inuit wiederum kennzeichneten mittels bunter Fäden, die sie sich unter die Haut nähten, die Zugehörigkeit einer Frau zu einem Mann. In Indien zeigten die Menschen durch Tätowierungen ihre Trauer, in Japan nutzte man Tattoos für religiöse und zeremonielle Rituale und griechische Spione verwendeten Tattoos als Kommunikationsmittel.

 

wikipedia.org/suicide neftis

Wenn Tätowierungen reden könnten …
Für den Ursprung von Tätowierungen in Polynesien spricht, dass das Wort „tatau“ dort die Bedeutung von „Zeichen“ oder „zeichnen“ hat. Das englische Militär hingegen benutzte seit dem 17. Jahrhunder das Wort „tattow“, was soviel wie „Zapfenstreich“ heißt, insofern liegt die Vermutung nahe, dass aus „tattow“ das Wort „tattoo“ entstand.

In Polynesien galt vor allem die Kennzeichnung von geschlechtsreifen und damit heiratsfähigen Mädchen als verbreitet. Polynesische Jungen wurden wiederum tätowiert, um sie als würdige Männer oder Krieger ihres Stammes zu kennzeichnen. Tätowieren war hierbei kein einmaliges Erlebnis, es wurde ein Leben lang betrieben. Die Bedeutung von diesen Lebensgeschichten auf der Haut war für die Maori beispielsweise so groß, dass sie die Köpfe von verstorbenen Stammesoberhäuptern abtrennten und aufbewahrten, da sich auf ihnen die Geschichte von mehreren hundert Generationen befand.

 

wikipedia.org/Sean Wilson

Ein-Finger-Krieger
Zur Geburtsstunde des Tätowierens konnten noch Motive ihren Tattookünstlern zugeordnet werden, da jeder Stamm seinen eigenen Tattoo-Meister hatte, der ein Spezialsymbol hatte. In manchen Kulturen waren Tattoos sogar ein Zeichen von Verdiensten: Je mehr Tattoos jemand besaß, desto mehr hatte er bereits in seinem Leben geleistet. Auf Borneo tätowierte man Kriegern die ganze Handfläche, wenn sie einen anderen Krieger alleine getötet hatten. War hingegen nur ein Finger tätowiert, so wurde der Krieger von seinem Stamm bei der Bekämpfung der Feinde unterstützt. Tattoos unterstützten also die soziale Ordnung, auch aus praktischen Gründen. So trugen Stammesmitglieder Symbole auf ihrer Haut, die ebenfalls in ihre Besitztümer geritzt waren.

Auch die berühmte Eismumie „Ötzi“ ist übersät mit Tätowierungen, die Forscher in fünfzehn Tätowierungs-Gruppen mit insgesamt 47 Einzel-Tätowierungen gliederten. Bei den Motiven handelt es sich um parallele Linien auf seiner unteren Wirbelsäule, Streifen um seinen rechten Fußknöchel und eine Tätowierung in Form eines Kreuzes hinter seinem rechten Knie. Nach längeren Studien kamen die Forscher zur Erkenntnis, dass Ötzis Tätowierungen wohl therapeutischen Maßnahmen dienten, da klassische Akupunkturpunkte tätowiert wurden.

 

wikipedia.org/Chris, Seven-Star-Tattoo

Tätowiert? Ketzer!
Die Verbreitung von Tattoos erfolgte in erster Linie aus religiösen, gesellschaftlichen aber auch aus politischen Gründen, allerdings entwickelten sich auch schnell Gegner der Körperverzierung. So verbot beispielsweise in Polynesien die christliche Mission kulturelle Tätowierungen, die als heidnische Symbole verteufelt wurden. Sogar im alten Testament der Bibel werden Gläubige dazu angehalten, sich nicht tätowieren zu lassen. Im frühen Christentum stigmatisierte man gar vom Glauben „Abtrünnige“ oder „Ketzer“ mit Tätowierungen. Erst als sich das Christentum ausbreitete, änderte sich auch die Bedeutung vom Exklusionssymbol in ein Dazugehörigkeitsmerkmal: Kreuzritter stachen sich Tätowierungen, um nach ihrem Fall in der Schlacht ein christliches Begräbnis zu erhalten. Babys und Mütter wurden gebrandmarkt, um Verwechslungen zu vermeiden. Mit Kreuzen, Fischen oder Lämmern auf der Stirn oder am Handgelenk bekannten sich die Frühchristen zu ihrem Glauben, insbesondere in Gegenden, in denen sie in der Minderheit waren. In Bosnien wurden noch bis 1890 katholische Mädchen tätowiert, um deren Übertritt zum Islam zu verhindern, koptische Christen in Ägypten tragen bis heute ein Kreuz auf der Innenseite ihres rechten Handgelenkes, um sich vom Islam zu distanzieren.

Freakshow
Um 1774 begann man, das Interesse der Gesellschaft an tätowierten Menschen kommerziell zu nutzen, etwa wurden auf Jahrmärkten Ganzkörpertätowierte vorgeführt. Verbreitet wurden Tattoos unter anderem aber auch durch Seefahrer, die durch Entdeckungsreisen die Kunst der Tätowierung nach Europa und Amerika brachten. Aufgrund der hohen Nachfrage entstanden vor allem rund um Häfen mehrere Tattooshops, in denen mit Hammer und Stiften Farbe unter die Haut gestochen wurde.

Aus politischer Sicht galten Tätowierungen als Symbol der Überzeugung, sie sollten politisch-religiöse Bekenntnisse darstellen, die zur Identifikation beitrugen. Zwischen 1870 und 1880 gewannen Tattoos in Deutschland an Bedeutung, entwickelten sich aber schnell zu Symbolen bestimmter Milieus. So trugen oftmals Kriminelle und Prostituierte Tattoos, was zu einem schlechten Ruf der Tätowierungen führte. Seriöse Träger von Tattoos wurden die Engländer. Hier ließen sich sogar Prinzen und Könige tätowieren, um in der Welt die Symbole von Liebe, Hass, Erinnerungen oder den Ausdruck eines Wunsches zu verbreiten.

Und heute?
Spätestens ab 1990 erfreuen sich Tattoos in der europäischen Kultur immer höherer Beliebtheit und etablieren sich als Jugendkult. Auch wenn Tattoos noch heute oft als Symbole der Provokation oder Straffälligkeit assoziiert werden. Bis 1996 war das Tätowieren im Kanton Bern in der Schweiz gar noch offiziell verboten, da es als Körperverstümmelung galt. Mittlerweile findet man Tattoos in allen Gesellschaftsschichten, zahlreiche tätowierte Prominente zeigen ihre Kunstwerke öffentlich und tragen so wohl auch zur Akzeptanz bei.

 

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Fotos: wikipedia.org (5)/Franki2001 (creative commons), Parkinson Sydney, suicide neftis, Sean Wilson, Chris/Seven-Star-Tattoo

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