Der Wettbewerbsbeitrag „Crnci“ von Zvonimir Juric und Goran Devic
erhebt den Anspruch ein rein fiktiver Film zu sein, faktisch
allerhöchstens angelehnt an wahre Kriegs-Begebenheiten. Zugleich legt
der Film den Grundstein für eine filmische Aufarbeitung und
gewissenhafte Herangehensweise der post-jugoslawischen und kroatischen
Kriegsgeschichte. Ein Festival-Höhepunkt, der wohlverdient und zu Recht
mit dem diesjährigen Crossing Europe Award ausgezeichnet wurde.
So finster das Morgengrauen
Die beiden Regisseure bedienen sich eines stilistisch ausgefeilten und
nicht-linearen All-About-Eve-Endings. In einer Rückblende sieht das
Publikum fünf ganz in Schwarz gekleidete Soldaten, genannt die „Crnci“,
einer inoffiziellen Sondereinheit der kroatischen Armee. Was das
Publikum noch nicht weiß: Es ist der Tag des Waffenstillstands zwischen
den kroatischen und den jugoslawischen Streitkräften. Was das Publikum
sieht: Fünf Männer irren scheinbar ziel- und orientierungslos durch
Tal, Sumpf und Wald. Ihr verwirrter und leichtsinniger Kommandant Ivo
hat vom Krieg noch nicht genug, er wirkt aufgescheucht. Das Gefühl
stellt sich ein, dass es hier um irgendetwas Persönliches geht, eine
Art Vergeltung.
In den ersten zwanzig Minuten passiert rein gar nichts, bis zum
heftigen Eklat der Situation am Minenfeld. Der junge Minenentschärfer
Vedran stellt sich nicht als solcher heraus, er hatte die Wahl zwischen
Gefängnis oder Armee und er wählte seine tödliche Definition von
Freiheit. Der Kommandant liebäugelt mit dem Wahnsinn, der bis dahin
allgegenwärtige Krieg ist Geschichte, ein danach gibt es für ihn
offensichtlich nicht. Dieses „gar nichts“ hält das Regie-Duo in
minimalistisch anmutenden Bilden fest: die unterbelichtete und
wackelige Handkamera folgt den Soldaten langsam auf Schritt und Tritt.
Hell erscheinen nur die Hände, das Gesicht und das Schachbrett-Emblem
an der Uniform.
Kriegsopfer und Täter
Ab dem zweiten Drittel des Films schließt sich dann der Kreis. Es wird
gezeigt, was sie zu diesen Taten am Mienenfeld bewogen hat und zu
Tätern und Kriegsopfern zugleich gemacht hat. Und auch, was verhindert
hätte werden können. Dieses eigentliche „davor“ zeigen die beiden
kroatischen Regisseure in ruhigen Sequenzen. Sie lassen sich Zeit, um
auf die Einzelschicksale der fünf Männer einzugehen. Zudem streift der
Film ein dunkles Kapitel kroatischer Kriegsgeschichte. Dabei handelt
sich um eine Anlehnung an Branimir Glavas, dem Verteidigungschef der
kroatischen Stadt Osijek und die mit ihm in Zusammenhang stehenden
Garagenmorde, auf die sich die Regisseure beziehen.
Mehr noch als ein politisierender Kriegsfilm ist „Crnci“ großes
Schauspielerkino. Die oft in Nahaufnahme gezeigte Mimik dieser jungen
Soldaten, dieses aufs Wesentliche reduzierte Schauspiel ohne viel
Dialog und Text ist es, das die Geschichte in Gang bringt und
vorantreibt. Hin- und her gerissen sind sie, von persönlichen
Zwiespälten, Problemen und Verzweiflungen, die sich erbarmungslos,
offen und verwundbar auf ihren Gesichtern ablesen lassen. Goran Devic
hat seiner jungen Schauspieler-Riege die Rollen auf den Leib
geschrieben und wird mit herausragenden darstellerischen Leistungen
belohnt.
Dieser eindeutige Anti-Kriegsfilm rüttelt an den universellen
menschlichen Affekten bei den Protagonisten und zeigt, dass sich der
freie Wille allzu oft dem System unterwerfen muss, auch in
Kriegs-Ausnahmesituationen, oder gerade eben in diesen. Wenn allerdings
das Menschliche im Leidgeplagten Individuum die Oberhand gewinnt, das
Handeln dem Denken vorauseilt, dann offenbaren sich die ureigensten
menschlichen Züge am deutlichsten.