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„Crossing Europe“-Kurzrezensionen
Kyondontas (Dogtooth)
Griechenland, 2009
Es gibt Filme, deren transportierte Bilder tagelang im Gedächtnis
haften bleiben, nicht wegzukriegen sind und sich auf immer einprägen.
„Kynodontas“ („Dogtooth“) ist einer dieser Filme mit einer so
abscheulichen Geschichte, einer grausamen menschlichen Tragödie, wie
sie nur ein Hirngespinst des Geistes sein kann. Oder? Leider wissen
wir, dass Geschichten wie diese keineswegs nur auf geistige Schöpfungen
zurückzuführen sind, allzu oft ihre Nachahmungen mediale Lawinen
lostreten und für reges öffentliches Interesse sorgen. Zum Beispiel bei
Kindesmisshandlung. Wenn die Eltern ihre Kinder, handelnd im Sinne
einer wohlbehüteten Kindheit, abschotten und einsperren, ihnen ihre
Definition von einer heilen Welt und von den Dingen übermitteln, dann
den sich langsam einschleichenden Zusammenbruch dieses moralisch
verwerflichen Mikrokosmos mit ansehen müssen, kriegt das Publikum
unbekömmliche Kino-Kost in großen Happen.
In einer sterilen mise-en-scène porträtiert der griechische Regisseur
Yorgos Lanthimos eine Familie: Die phlegmatische Mutter, der Über-Vater
und drei erwachsene namenlose Kinder bewohnen ein großes abgelegenes
und vom Meterhohen blickdichten Zaun umriegeltes Anwesen. Bis auf den
erwerbstätigen Vater darf es niemand verlassen, was die Kinder – der
patriarchalen Autorität bedingungslos ausgeliefert – befolgen, doch
irgendwann wächst die Neugier der ältesten Tochter. Nämlich dann, als
sie äußere Einflüsse in Form von Hollywood-Filmen („Rocky“, „Der weiße
Hai“ und „Flashdance“) konsumiert, werden Fragen aufgeworfen, die nicht
so leicht zu beantworten sind. Die familieninterne Normalität wird zu
einer unbefriedigenden Realität, was schließlich zu untragbaren
Spannungen und ausufernden Perversionen zwischen den Geschwistern
führt. Der Film ist mit einem komischen Unterton behaftet, der
obendrein mit seiner Thematik gespenstisch wirkt. Das ist „Kynodontas“
ohnehin, einfach nur (unheimlich) sehenswert.
Osadné
Slowakei, Tschechische Republik 2009
Der Schauplatz dieser Dokumentation ist das kleine Dorf Osadné an der
Grenze der Slowakei zu Polen, in dem auf den ersten Blick die Zeit
stehen geblieben scheint. Seine Bewohner, Angehörige der Volksgruppe
der Russinen, sind jedoch leidenschaftliche Europäer mit großen
Ambitionen. Von einem Projekt zum nächsten wird eine Reisen nach
Brüssel organisiert und ein EU-Abgeordneter eingeladen, schließlich
sollen der Abwanderung und dem drohenden Aussterben mithilfe von
Tourismus und Fördergeldern entgegengewirkt werden.
Erfrischend klischeearm und hoffnungsfroh zeigt Regisseur Marko Skop
das Bild eines Mikrokosmos, indem es mehr Kühe als Menschen gibt und
der Bürgermeister zum Nachbarn Erde umstechen geht. Er gibt seinen
Protagonisten den Raum, den sie brauchen, um ihre Geschichten und ihren
Enthusiasmus mit dem Publikum zu teilen. Lange und ruhige Einstellungen
vermitteln dabei eine unaufdringliche Authentizität und geben den
leicht tragischen Situationen immer die Möglichkeit noch ins Komische
zu kippen.
USA/Deutschland, 2009
Brad McCullum (Michael Shannon) ist ein moderner Orestes. Hat Orestes jedoch keine Wahl, seinem vom Ahnenfluch belegten Schicksal zu entrinnen, ist es Brad McCullum, der seines in der Hand hat. Sozusagen, das blutüberströmte Schwert, mit dem er seine heiß geliebte Mutter richtet. Wenn das Leben Kunst imitiert, dann kann das tödlich enden. Er war doch so ein guter Junge, warum hat er das getan? Der Muttermord ist geschehen, Detektiv Havenhurst (Willem Dafoe) ermittelt. Langsam tun sich Abgründe in Brads düsterer Seele auf. Seine psychotischen Verhaltensmuster stehen im Mittelpunkt des Films, Werner Herzogs Autorenkino macht ein zeitgemäßes Drama daraus.
Ohne Umschweife, „My son, my son, what have ye done?“ ist einer der Festivalhöhepunkte und Publikumsmagneten schlechthin. David Lynch produzierte, Werner Herzog komponierte, zwei alteingesessene Könner ihres Fachs. Cinephilen-Herz, bedarf es denn mehr? Kein Zweifel herrscht daran, dass es sich um einen außergewöhnlichen Film handelt, Herzogs Handschrift ist unverkennbar, die von Grace Zabriskie dargestellte Figur der Mutter ist Lynch-Filmen entsprungen. Die ausgedehnte Erzählweise wird mit Brecht'schen Verfremdungseffekten und mit zahlreichen Rückblenden, die als Erinnerungen fungieren, versehen.
Irili Ufaklı Yaralar (Wounds with Various Sizes)
TR/AT 2010
Eine Hand streicht über eine Wunde und klebt ein Pflaster drauf. Das
Bild wechselt, immer neue Fotos sind zu sehen, manche mit Häusern aus
einem Dorf in der Türkei, von Istanbul, Alltagssituationen wie bratende
Fische oder einer Schnecke auf der Straße. Im Hintergrund zu hören ist
deutsches und türkisches Stimmengewirr, die die Banalität der gezeigten
Bilder noch verstärkt.
Die junge türkische Regisseurin Sena BaÅŸöz hat ihren
Praktikumsaufenthalt in Linz zum Anlass genommen sich mit ihrer Heimat
auseinanderzusetzen. Der Blick von außen prägt demnach das Bild. Durch
die Fremdheit im anderen Land wird das Fremde im eigenen Land für sie
besser zugänglich. Dieser Hintergrund erklärt zwar die banale
Bilderflut, macht sie jedoch für den Zuschauer nicht weniger
anstrengend. Zwölf Minuten Filmlänge erstrecken sich zu einer gefühlten
Unendlichkeit. Das subjektive Empfinden von aggressiver Langweile und
körperlicher Übelkeit machen diesen Film zu einem interessanten
Erlebnis, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Driving Élodie
Deutschland, 2009
Ein leichtfüßiger und lakonischer Film ist „Driving Élodie“, einer der
drei Kurzbeiträge der Kölner Kunsthochschule für Medien. Dem Regisseur
Lars Henning reichen knappe 18 Minuten aus, um knisternde Spannung auf
die Leinwand zu bannen. Im Film wird der Drehschluss eines Langfilms
gezeigt. Tim, am Set eine Art Mädchen für alles, soll die französische
Schauspielerin Élodie zum Flughafen bringen. In der filmischen
Metaebene spielt Élodie Bouchez eine Kellnerin, in „Driving Élodie“
spielt sie sich selbst. Der naseweise Tim ist von der Mimin fasziniert,
er wirkt ein bisschen wie großäugig verzaubert. Märchenhaft wirkt auch
der Kurzfilm, er könnte direkt einer Episode aus „Hamburg, I love you“
entsprungen sein: Zwei Menschen geraten in der Kälte und
großstädtischen Verstreuung aneinander, sie kommen sich in der warmen
Geborgenheit des Autos näher, wobei die melancholische Musik und das
schummrige Licht ihren Teil zur Romantisierung dieses Moments
beitragen. Jim Jarmuschs „Night on Earth“ lässt grüßen.
Koktebel
Russland 2003
Ein Mann und sein 11-jähriger Sohn ziehen durch den russischen Winter
von Moskau ans schwarze Meer. Mehr zufällige Landstreicher als
absichtlich Reisende kommen sie hauptsächlich zu Fuß von einer ortlosen
Gegend in die nächste. Dazwischen erschweren Wodka-schwangere
Begegnungen ein zügiges Vorwärtskommen. Doch der Bub träumt rastlos von
dem Ort Koktebel, der sich in seiner Fantasie verselbstständig und zu
einem unerreichbaren Ziel seiner Imagination wird.
Das Spielfilmdebüt von Boris Khlebnikov und Alexei Popogrebsky aus dem
Jahr 2003 gab damals durch seinen durchschlagenden Erfolg Anlass zur
Gründung einer eigenen Produktionsfirma. „Koktobel“ steht dadurch
gewissermaßen am Anfang einer neuen russischen Film-Generation, die ein
undurchsichtiges Gefühl von Instabilität in einer wachsenden
Wohlstandsgesellschaft vermittelt. Karge Landschaften, wenig Dialog und
Unbeständigkeit brennen dem Zuseher ein intensives Bild in den Kopf.
Wären nicht die starken Protagonisten – Igor Chernevich als Vater und
Gleb Puskepalis als Sohn – und deren absurd hartnäckige Suche nach einer
anderen Idee vom Leben, das Publikum würde sich mit Freuden in der
landschaftlichen Trostlosigkeit ertränken.
Aufgeblättert nachlesen ...
Rezension von

































