Archiv

mokant.at > foto: stefan hohenwarter
Den Menschen in den 90ern muss verdammt langweilig gewesen sein

Warnung! Du bist im Begriff einen absolut miserablen Freizeittipp zu lesen. Zum Wohle deiner eigenen Lebensqualität: Bitte nicht nachmachen!

 

Die 1990er waren ein tolles Jahrzehnt. Nirvana waren in den Charts statt Lady Gaga. Generation-X-Rebellion statt Emo-Suderei. Musik (!) auf MTV statt gruseligen Schnuffel-Knuffel-Klingeltontieren. Von wegen Klingeltöne – eintönige Festnetzanrufzeichen statt Ich-zeig-der-ganzen-Welt-welche-Chartludelein-ich-toll-finde-Klingeltöne! (Für alle, die nach 1990 geboren sind: Festnetztelefone waren Handys mit Kabel und ohne SMS-, VolP-, GSM-, UMTS-, PIM-, GPRS-, MMS- und HSCSD-Funktion.) Seinfeld statt Grey's Anatomy. Akte X statt C.S.I. Miami. Realistischer Dracula statt himmelblauäugiger Model-Vampir. Karohemd statt Neonjacke … aber die 1990er-Mode ist sowieso wieder im Kommen. Und wer das passende Accessoire zu seinen Revival-Karohemden benötigt, kann einer typischen Freizeitbeschäftigung aus dem letzten Jahrzehnt nachgehen. Warum also nicht einen regnerischen Frühlingstag (der nur so heißt, es aber in echt nicht ist, sonst würd's ja nicht regnen) nutzen, an der 90er-Luft wieder ein bisschen schnuppern, Nirvana-CD auflegen und im fast schon meditativen Zustand ein Freundschaftsband knüpfen?

 

mokant.at > foto: stefan hohenwarter
Außer zu viel Freizeit benötigt man zum lustigen Freundschaftsbänderknüpfen Perlgarn und eine Freundschaftsbänderknüpfanleitung, die am Besten aus einem Freundschaftsbänderknüpfanleitungsbuch zu entnehmen ist. Erster Schritt: In der Anleitung nachlesen wie viel Perlgarn benötigt wird, Perlgarn entwirren, Perlgarn schneiden, Perlgarnbänder verknoten, Perlgarnfäden nach Anleitung und nach Farben sortieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mokant.at > foto: stefan hohenwarter
Zweiter Schritt: Anleitung entziffern. F1 (das F steht in der Knüpffachsprache für Faden, die Zahl für die Position des Fadens) zwei Mal über F2, mit F2 doppelten Wechselknoten über F3, neues F3 links über F2 knüpfen, sodass F3 nun F2 wird und somit gelb ist. Dritter Schritt: Sich darüber ärgern, dass F2 eben nicht gelb ist, sondern rot. Herausfinden, ob F2 rot ist, weil man zu blöd für die Anleitung ist oder ob der Autor den Unterschied zwischen F2 und F3 oder/und zwischen gelb und rot nicht kennt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mokant.at > foto: stefan hohenwarter
Vierter Schritt: Alles aufknüpfen und von Neuem beginnen. Währenddessen: Sich fragen, ob wohl der Lektor eines Freundschaftsbänderknüpfanleitung-buches auch die Anleitungen praktisch ausprobiert, um auf Fehler zu stoßen, die ja offensichtlich gemacht wurden. Fünfter Schritt: Noch einmal F1 zwei Mal über F2, mit F2 doppelten Wechselknoten über F3 und so weiter. Sechster, siebter, achter, …, einhunderterster Schritt: Fünften Schritt wiederholen bis das Band eine passende Länge hat, sich also grazil über das Handgelenk wirft und der Welt da draußen zeigt, dass man ein verdammt cooler Typ ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mokant.at > foto: stefan hohenwarter
Resümee: F2 war zwar nicht wirklich immer gelb, wenn F2 hätte gelb sein müssen. Aber das wird wohl am farbblinden Autor liegen. Oder eben an dem Lektor, der es nicht für nötig hielt, die Anleitungen nicht nur nach Grammatik- und Rechtsschreibfehlern zwischen den ganzen F's zu suchen, sondern die Anleitung auch mal am eigenen Leib über sich ergehen zu lassen, d.h. einmal auszuprobieren, ob F2 auch wirklich gelb ist, nachdem man den F2-Doppel-Wechselknoten gemacht hat und das neue F3 links über F2 geknüpft hat! Egal, das vorliegende Freundschaftsband würde man ohnehin nicht einmal seinen schlimmsten Feind zumuten wollen, aber die Erkenntnis, die man in den letzten Stunden (inkl. einem Wechsel von der 45-minütigen-Nirvana-CD auf den 12-stündigen-Musik-iPod) erhalten hat, zählt doch viel mehr. Die 1990er sind halt auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Vergeudete Zeit: Einige Stunden

Langeweilefaktor:
Eigentlich enorm, aber wenn man erst in den meditativen Halbschlaf gefallen ist, merkt man die Langweile gar nicht mehr so, also 3 von 5 Punkten.

Peinlichkeitsfaktor:
Gering, wenn zu Hause geknüpft wird. Im Pub oder im Hörsaal schießt der Peinlichkeitsfaktor in die Höhe. Für Weicheier, die daheim knüpfen: 1 von 5 Punkten. Für Hardcore-Outdoor-Knüpfer: 4 von 5 Punkten.

Wahrscheinlichkeit, dass der Satz „Nie mehr wieder“ fällt:
Mäßig – der Halbschlafzustand könnte Schuld daran sein.

Auch du hast in deiner Freizeit Dinge getan, die du nie und nimmer wieder tun würdest? Du möchtest deine Mitmenschen davor warnen? Dann poste deine Anti-Freizeit-Tipps oder schick uns eine Mail. Sagen wir gemeinsam der Freizeit den Kampf an!

Anti-Freizeit-Tipps nachlesen ...


Glosse von

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


Erzähle von uns:


 
mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn