Die 1990er waren ein tolles Jahrzehnt. Nirvana waren in den Charts
statt Lady Gaga. Generation-X-Rebellion statt Emo-Suderei. Musik (!)
auf MTV statt gruseligen Schnuffel-Knuffel-Klingeltontieren. Von wegen
Klingeltöne – eintönige Festnetzanrufzeichen statt
Ich-zeig-der-ganzen-Welt-welche-Chartludelein-ich-toll-finde-Klingeltöne!
(Für alle, die nach 1990 geboren sind: Festnetztelefone waren Handys
mit Kabel und ohne SMS-, VolP-, GSM-, UMTS-, PIM-, GPRS-, MMS- und
HSCSD-Funktion.) Seinfeld statt Grey's Anatomy. Akte X statt C.S.I.
Miami. Realistischer Dracula statt himmelblauäugiger Model-Vampir.
Karohemd statt Neonjacke … aber die 1990er-Mode ist sowieso wieder im
Kommen. Und wer das passende Accessoire zu seinen Revival-Karohemden
benötigt, kann einer typischen Freizeitbeschäftigung aus dem letzten
Jahrzehnt nachgehen. Warum also nicht einen regnerischen Frühlingstag
(der nur so heißt, es aber in echt nicht ist, sonst würd's ja nicht
regnen) nutzen, an der 90er-Luft wieder ein bisschen schnuppern,
Nirvana-CD auflegen und im fast schon meditativen Zustand ein
Freundschaftsband knüpfen?
Außer zu viel Freizeit benötigt man zum lustigen
Freundschaftsbänderknüpfen Perlgarn und eine
Freundschaftsbänderknüpfanleitung, die am Besten aus einem
Freundschaftsbänderknüpfanleitungsbuch zu entnehmen ist. Erster
Schritt: In der Anleitung nachlesen wie viel Perlgarn benötigt wird,
Perlgarn entwirren, Perlgarn schneiden, Perlgarnbänder verknoten,
Perlgarnfäden nach Anleitung und nach Farben sortieren.
Zweiter Schritt: Anleitung entziffern. F1 (das F steht in der
Knüpffachsprache für Faden, die Zahl für die Position des Fadens) zwei
Mal über F2, mit F2 doppelten Wechselknoten über F3, neues F3 links
über F2 knüpfen, sodass F3 nun F2 wird und somit gelb ist. Dritter
Schritt: Sich darüber ärgern, dass F2 eben nicht gelb ist, sondern rot.
Herausfinden, ob F2 rot ist, weil man zu blöd für die Anleitung ist
oder ob der Autor den Unterschied zwischen F2 und F3 oder/und zwischen
gelb und rot nicht kennt.
Vierter Schritt: Alles aufknüpfen und von Neuem beginnen.
Währenddessen: Sich fragen, ob wohl der Lektor eines
Freundschaftsbänderknüpfanleitung-buches auch die Anleitungen praktisch
ausprobiert, um auf Fehler zu stoßen, die ja offensichtlich gemacht
wurden. Fünfter Schritt: Noch einmal F1 zwei Mal über F2, mit F2
doppelten Wechselknoten über F3 und so weiter. Sechster, siebter,
achter, …, einhunderterster Schritt: Fünften Schritt wiederholen bis
das Band eine passende Länge hat, sich also grazil über das Handgelenk
wirft und der Welt da draußen zeigt, dass man ein verdammt cooler Typ
ist.
Resümee: F2 war zwar nicht wirklich immer gelb, wenn F2 hätte gelb sein
müssen. Aber das wird wohl am farbblinden Autor liegen. Oder eben an
dem Lektor, der es nicht für nötig hielt, die Anleitungen nicht nur
nach Grammatik- und Rechtsschreibfehlern zwischen den ganzen F's zu
suchen, sondern die Anleitung auch mal am eigenen Leib über sich
ergehen zu lassen, d.h. einmal auszuprobieren, ob F2 auch wirklich gelb
ist, nachdem man den F2-Doppel-Wechselknoten gemacht hat und das neue
F3 links über F2 geknüpft hat! Egal, das vorliegende Freundschaftsband
würde man ohnehin nicht einmal seinen schlimmsten Feind zumuten wollen,
aber die Erkenntnis, die man in den letzten Stunden (inkl. einem
Wechsel von der 45-minütigen-Nirvana-CD auf den
12-stündigen-Musik-iPod) erhalten hat, zählt doch viel mehr. Die 1990er
sind halt auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Vergeudete Zeit: Einige Stunden
Langeweilefaktor: Eigentlich enorm, aber wenn man erst in
den meditativen Halbschlaf gefallen ist, merkt man die Langweile gar
nicht mehr so, also 3 von 5 Punkten.
Peinlichkeitsfaktor: Gering, wenn zu Hause geknüpft wird.
Im Pub oder im Hörsaal schießt der Peinlichkeitsfaktor in die Höhe. Für
Weicheier, die daheim knüpfen: 1 von 5 Punkten. Für
Hardcore-Outdoor-Knüpfer: 4 von 5 Punkten.
Wahrscheinlichkeit, dass der Satz „Nie mehr wieder“ fällt: Mäßig – der Halbschlafzustand könnte Schuld daran sein.
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