Archiv

mokant.at > foto: georg marlovics
„Frau und Mann sind im Islam gleichberechtigt“, meint Abuzahra

Amani Abuzahra im Interview über falsche Rollenklischees und Koran-Übersetzungen

 

Amani Abuzahra ist Österreicherin und gläubige Muslimin. Für sie kein Widerspruch, sondern gelebte Realität. Dass das nicht alle so sehen, erlebt Abuzahra immer wieder. Als Vorstandsmitglied von „Junge Musliminnen Österreich“ (JMÖ), einem unabhängigen Verein, möchte sie jungen Musliminnen Stärke zusprechen. JMÖ ist in seiner Art einzigartig – sie ist die einzige deutschsprachige Organisation, die sich speziell an Musliminnen ab fünfzehn Jahren wendet und falschen Rollenklischees entgegen wirken möchte, wie Abuzahra im Interview erzählt.

mokant.at collage > fotos: georg marlovics
Abuzahra: Das Kopftuch sei Ausdruck der religiösen Identität

mokant.at: Was kennzeichnet junge muslimische Frauen in Österreich aus der Sicht von „Junge Musliminnen Österreich“ (JMÖ)?
Amani Abuzahra: Wir sehen uns einerseits als Österreicherinnen und andererseits als Musliminnen. Für uns ist das kein Widerspruch. Mit der zweiten und dritten Generation ist eine neue Phase angebrochen. Es geht um einen Perspektivenwechsel. Es geht darum, dass man den Fokus wegführt von dem Migrantinnendasein, hin zu einem Dasein als österreichische Muslimin.

mokant.at: Auf der JMÖ-Website steht, euer Ziel ist, dass die muslimische Frau für Bildung, Stärke, Modernität und Aktivismus steht. In Österreich wird aber die muslimische Frau eher mit Rückständigkeit und Unterdrückung assoziiert.
Abuzahra: Das Bild der unmündigen, rechtlosen Muslimin wird großteils durch die Medien transportiert. Sie wird durch das Kopftuch als muslimische Frau erkannt und damit werden automatisch alle negativen Islam-Assoziationen, wie Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Terrorismus, auf sie übertragen. Wenn man sich die Realität von muslimischen Frauen ansieht, muss man auch sagen, dass es noch sehr viel innermuslimischer Aufklärungsarbeit bedarf. Wir versuchen mit Projekten muslimische Frauen dazu zu befähigen sich ein eigenes Bild über ihre Rolle im Islam zu machen. Dass sie sich überlegen: Was habe ich denn überhaupt für Rechte, wie ist meine Rolle? Ist es wirklich so, dass ich diejenige bin, die sich dem Mann unterzuordnen hat? Wir versuchen, muslimische Mädchen dazu zu befähigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

mokant.at: Und wie ist die Rolle der Frau im Islam?
Abuzahra: Frau und Mann sind gleichberechtigt. Es gilt das Prinzip der gegenseitigen Beratung, die Pflicht von Mann und Frau ist es, sich zu ergänzen. Ansonsten ist es aber eine sehr komplexe Frage: Es gibt nicht die muslimische Frau. Muslimische Frauen bewegen sich genauso in einem Spannungsfeld wie Frauen anderer Religionsbekenntnisse und Weltanschauungen. Sie müssen schauen, wie sie ihr Leben managen mit Beruf, Studium, Kindern, Familie, Karriere und so weiter. Da gibt's ganz unterschiedliche Lebenskonzepte.

mokant.at: Aus Ihrer Sicht sind Männer und Frauen im Islam vollkommen gleichberechtigt?
Abuzahra: Ja, sie sind gleichberechtigt.

mokant.at: Es gibt aber Stellen im Koran, aus denen hergeleitet wird, dass der Mann im Islam der Frau übergeordnet ist, etwa dass der Mann das Familienoberhaupt ist und die Frau ihm nur als Beraterin zur Seite steht.
Abuzahra: Wenn man den Koran liest, muss man die Stellen in einen aktuellen Kontext einbetten. Man muss sich fragen: Wie ist die Realität, in der wir leben und wie kann ich diese Stellen innerhalb dieser Realität verstehen? Ich verstehe die Rolle der Frau, auch aus dem Koran abgeleitet, überhaupt nicht als eine untergeordnete. In der Realität gibt es ganz unterschiedliche Familienzusammenstellungen, wo die Frau das Familienoberhaupt ist und das Sagen hat, wo die Frau vierzig Stunden arbeiten geht und der Mann auf das Kind aufpasst. Vor allem in meiner Generation, in der viele in Österreich aufgewachsen sind, gibt es ganz unterschiedliche Lebenskonzepte. Sie alle stimmen mit dem Islam überein.

mokant.at: Es gibt aber auch Frauen, die systematisch unterdrückt werden. Die Männer, die sie unterdrücken, beziehen sich dabei auf den Koran.
Abuzahra: Es gibt natürlich viele Frauen, die auf das Mutter- und Hausfraudasein beschränkt sind. Ich finde, wenn die Frau das möchte, dann soll sie auch so leben. Problematisch ist es, wenn die Männer, Väter oder Brüder hergehen und sagen: Du bist eine muslimische Frau und die Religion schreibt dir vor, dass du daheim bleiben musst. Da wird der Islam schlicht und einfach missbraucht.

mokant.at: Es gibt ja eine Stelle im Koran, die Gewalt an Frauen zu legitimieren scheint. Da steht: Wenn sie widerspenstig ist, dann müsse man sie zurechtweisen und wenn das nicht reicht, schlagen.
Abuzahra: Diese Stelle ist sehr oft mit dem Wort „schlagen“ übersetzt worden, womit ich nicht einverstanden bin. Es gibt im Arabischen für verschiedene Wörter unterschiedliche Bedeutungen. Der Übersetzer bringt immer seine Perspektive mit ein und das ist beim Koran meist eine männliche Perspektive. Hier tut sich aber sehr viel in der muslimischen Community. Die Frauen beginnen, sich selbst mit diesen Textstellen auseinanderzusetzen.

Das Wort für „schlagen“ lautet im Arabischen „daraba“. „Daraba“ bedeutet auch „loslassen“. Warum nimmt man in der Übersetzung das Wort „schlagen“? Es gibt jetzt viele Gelehrte, die sagen: Es macht doch viel mehr Sinn, die Stelle mit dem Wort „loslassen“ zu übersetzen. Nämlich in dem Sinn, dass, wenn die Ehe nicht mehr funktioniert, wenn das miteinander Sprechen nicht mehr funktioniert, es am meisten Sinn macht loszulassen und sich scheiden zu lassen.

mokant.at: Kann man auch eine richtige Muslimin sein, ohne das Kopftuch zu tragen?
Abuzahra: Sicher kann man das. Es ist eine Entscheidung, die jede Frau, jedes Mädchen für sich selbst treffen muss. Das ist nicht der Maßstab für eine gute Muslimin.

mokant.at: Die Islamkritikerin Seyran Ates meint, das Kopftuch sei ein politisches Symbol, es demonstriere die Unterordnung der Frau und reduziere sie zum Sexualobjekt.
Abuzahra: Wenn man sich mit dem muslimischen Kopftuch auseinandersetzt, dann sollte man sich auch anschauen, warum die Frauen es tragen und das kann aus ganz unterschiedlichen Gründen sein. Ein Motiv ist, dass das Kopftuch einen Teil der Identität der muslimischen Frau ausmacht. Es drückt die Zugehörigkeit zum Islam, zur Religiosität aus, stellt eine spirituelle Verbindung zu Gott dar. Es gibt im Koran zwei Verse, die über die islamische Kleidung sprechen und für viele Frauen ist es wichtig das umzusetzen. Manche Frauen tragen das Kopftuch auch aus Modebewusstsein, andere aus Gewohnheit. Es gibt Mädchen, die dazu von den Eltern oder sonst wem gedrängt werden. Aber das jetzt hochzupushen und zu sagen, das ist die Mehrheit der muslimischen Frauen, damit habe ich ein Problem.

mokant.at: Was bedeutet es für Sie persönlich?
Abuzahra: Für mich persönlich ist es Ausdruck meiner religiösen Identität. Als ich begonnen habe den Islam zu praktizieren, mich näher mit der Religion zu beschäftigen, war es so, dass ich mich Gott über den inneren Weg immer mehr genähert habe, aber äußerlich war das nicht erkennbar. Mir war wichtig, dass ich diese innere Veränderung auch nach Außen trage.

mokant.at: Also haben Sie es gemacht, um Ihre religiöse Identität zu zeigen?
Abuzahra: In erster Linie war's für mich. Es war eine Phase, wo ich mich sehr viel mit mir selber beschäftigt habe. Ich habe so eine starke Veränderung gespürt, dass ich mir dachte: Es fehlt noch was, ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und eben auch die islamische Kleidung tragen. Ich war damals 19 oder 20 Jahre alt und es war eine sehr bewusste Entscheidung. Es war für viele eine Überraschung, auch für meine Eltern. Meine Mutter trägt zum Beispiel kein Kopftuch. In der Arbeit haben alle gesagt: Was? Du?

mokant.at: Werden Sie seither anders behandelt?
Abuzahra: Die Leute gehen schon anders mit mir um. Teilweise sind sie interessierter, möchten wissen, warum man das macht. Man kommt auch viel schneller ins Gespräch über Religion und Kultur. Also ich erlebe das oft durchaus positiv. Aber es gibt auch negative Aspekte, wo es zu Diskriminierung oder Rassismus kommt. Ich persönlich erlebe es nicht so oft, aber höre viele Geschichten von anderen muslimischen Mädchen, die aufgrund des Kopftuchs diskriminiert werden.

mokant.at: Was für Diskriminierungen sind das?
Abuzahra: Teilweise glauben die Leute, dass ich nicht normal deutsch sprechen kann. Damit habe ich grundsätzlich kein Problem, aber ich habe dann ein Problem, wenn sie merken, ich kann Deutsch, und trotzdem so mit mir reden, als ob ich sie nicht verstehen würde. Manche Menschen gehen mit dir um, als ob du weniger Verstand hättest. Sie haben dieses Bild von der unmündigen muslimischen Frau und behandeln sie dann auch so. Sie behandeln dich wie einen Menschen, der weniger wert ist.

Diskriminierung passiert auf verschiedenen Ebenen. Es kann in der Uni bei mündlichen Prüfungen sein oder in der Arbeitswelt. Auf der gesetzlichen Ebene ist der Islam seit 1912 in Österreich eine anerkannte Religion. Es sollte eigentlich überhaupt keine Benachteiligungen geben, aber in der Gesellschaft gibt es sie.

 

Interview weiterlesen ...

„Probleme werden kreiert“


Interview führte

Fotos von


Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: