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Gärtner erklärt aus politikwissenschaftlicher Sicht die rassistische Tendenz in Österreich
Reinhold Gärtner beschäftigt sich sowohl in Theorie als auch Praxis mit
Rechtsradikalismus. Als Politikwissenschaftler lehrt er an der
Universität Innsbruck und unterstützt junge Menschen dabei, aus dem
Rechtsradikalismus auszusteigen.
mokant.at: Wieso machen Politiker aus ihrer rechten Gesinnung kein Geheimnis?
Reinhold Gärtner: Seit den 1990ern gibt es in Österreich einen
steten Rechtsruck in der Politiklandschaft. Seitdem rückt die
politische Mitte immer weiter nach rechts und macht es möglich, dass
Martin Graf, Angehöriger der als rechtsextrem eingestuften
Burschenschaft Olympia Wien, als Dritter Nationalratspräsident agiert.
mokant.at: Auch Barbara Rosenkranz initiierte mit ihrer Haltung
zum Verbotsgesetz eine hitzige Debatte. Sie sieht darin eine
Einschränkung der Meinungsfreiheit und auch bürgerliche Politiker gehen
mit dieser Meinung konform. Ist diese Diskussion legitim?
Reinhold Gärtner: Man muss festhalten, dass das Verbotsgesetz
die Meinungsfreiheit schützt. Die Frage ist, was will man mit einem
Ende dieses Gesetzes bezwecken? Diskutieren kann man darüber, der
Hintergrund beziehungsweise Zweck ist aber ausschlaggebend. Und genau
hier besteht Gefahr, dass Personen, die mit dem Nationalsozialismus
sympathisieren und mit der Meinungsfreiheit argumentieren, letztlich
die freie Meinung jedes einzelnen einschränken wollen.
mokant.at: Wie wird Barbara Rosenkranz bei der Bundespräsidentschaftswahl abschneiden?
Reinhold Gärtner: Das ist schwer abzuschätzen und hängt von
verschiedenen Faktoren ab: Wie unterstützt sie beispielsweise die
Kronen-Zeitung? Wer sympathisiert damit? Wie reagieren andere Politiker
und Politikerinnen?
mokant.at: Wie nahe am Abgrund zum Rechtsextremen bewegt sich der Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ)?
Reinhold Gärtner: Schauen wir in die Steiermark, wo innerhalb
des RFJ Michael Winter, Sohn von Susanne Winter, federführend agiert.
Er wurde im Oktober 2008 nicht rechtskräftig wegen Verhetzung zu drei
Monaten bedingter Haft verurteilt. In Wien agiert wiederum Johann
Gudenus. Tatsächlich bewegt sich der RFJ am rechten Rand.
mokant.at: Und wie schaut es innerhalb der FPÖ aus? Gibt es dort überhaupt noch einen liberalen Flügel?
Reinhold Gärtner: Wenn es einen liberalen Flügel innerhalb der
FPÖ gibt, dann hält dieser sich gut versteckt. Tatsache ist, dass
Liberale innerhalb der FPÖ im Moment keine Stimme haben.
mokant.at: Sie unterstützen straffällig gewordene rechtsextreme TäterInnen beim Ausstieg aus der Szene. Wie erfolgreich ist ihre Arbeit?
Reinhold Gärtner: Ich biete Kurse an, in denen es darum geht,
den straffällig gewordenen Jugendlichen, neue, andere Perspektiven
abseits rechtsextremer Theorien und Bilder aufzuzeigen und Sichtweisen
darzulegen, was Demokratie und Politik sein kann. Weniger geht es
darum, ihnen eine „gute“ Meinung aufzuzwingen. Das wäre falsch und
kontraproduktiv. Ich werte es als Erfolg, dass niemand meiner Klienten
und Klientinnen nach den Kursen wieder straffällig geworden ist.
mokant.at: Wie alt sind ihre Klienten und Klientinnen? Aus welchem sozialen Umfeld kommen sie?
Reinhold Gärtner: Sie sind zwischen sechzehn und zwanzig Jahre
alt und kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Ein sehr
großer Teil davon ist männlich. So unterschiedlich ihre Herkunft ist,
so gemeinsam ist ihr Motiv: Alle sind auf der Suche nach einer sozialen
Heimat, nach Akzeptanz und Gruppenzugehörigkeit. Diese finden sie in
rechtsradikalen Vereinigungen.
mokant.at: Wie kann man Rassismus und Fremdenfeindlichkeit effizient begegnen?
Reinhold Gärtner: Hierfür braucht es ein Langzeitkonzept.
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kann man nicht von heute auf morgen
bekämpfen. Ein Mehrebenenkonzept kann ein Mittel sein, um Fremdenhass
einzudämmen: Medien, Politik und Gesellschaft müssten nachhaltig
sensibilisieren.
mokant.at: Kann diese Angst vor „dem Fremden“ auch auf
mangelndem Integrationsverständnis beziehungsweise nicht getaner
Integrationsarbeit beruhen?
Reinhold Gärtner: Das ist sicher ein Problem. Lange Zeit
verwechselte man Integration mit Assimilierung. Man ignorierte Probleme
über Jahrzehnte und forderte eine „einseitige Integration“ von seinen
„Gästen“. Integration ist aber ein beidseitiger Prozess, ein Dialog.
mokant.at: Gibt es so etwas wie einen „typischen Rechtsextremen“?
Reinhold Gärtner: Rechtsextremismus zeigt sich in vielen
unterschiedlichen Facetten. Es ist nicht eindeutig feststellbar, was
sich in der Gesellschaft abseits des öffentlichen Raumes abspielt.
Tatsache ist, dass Abgeordnete im österreichischen Parlament sitzen,
die eindeutig mit rechtsextremen Gedankengut sympathisieren. Der harte
rechte Kern in Österreich, der seine Gesinnung offen zur Schau trägt,
ist aber ein kleiner. Man muss die Breite sehen.
mokant.at: Wie gut ist die rechtsextreme Szene in Europa vernetzt?
Reinhold Gärtner: Die Vernetzung der einzelnen rechtsradikalen
Gruppierungen scheint gut zu sein. Besonders in ehemals kommunistischen
Ländern blühen solche Gesinnungsgemeinschaften auf. Auch gibt es immer
wieder grenzübergreifende Zusammenkünfte rechtsextremer Gruppierungen.
Man muss die Zahl der einzelnen Gruppierungen aber relativieren.
mokant.at: Gibt es Parallelen zwischen Rechts- und Linksextremen?
Reinhold Gärtner: Es gibt teilweise Parallelen zwischen
rechtsextremem und linksextremem Gedankengut. Keinesfalls darf man die
extreme Linke mit der extremen Rechten gleichsetzen. Im Gegensatz zur
extremen Linken bricht die extreme Rechte in Österreich Tabus,
überschreitet Grenzen und bewegt sich im Bereich des Illegalen.




















