Archiv

pixelio.de/Torsten Lohse
Werden die Jugendlichen in Österreich immer rechtsextremer?

Während die rechtsextreme Szene zerbröselt, wird Rassismus in der Jugend alltagstauglich

 

„A harte Hand brauch'n ma, de mit dem G'sindel auframt!“, antwortet ein Mittdreißiger auf die Frage, wie es denn um die Integration von Ausländern bestellt ist. Ein Ruf, der immer öfter auch von Jugendlichen erschallt, meint Katharina, die an einer höher bildenden Schule lehrt. Immer wieder würden ihre Schülerinnen und Schüler mit „menschenfeindlichen Äußerungen“ ihrem Frust Ausdruck verleihen. Ein subjektiver Eindruck oder steigt tatsächlich die rechtsradikale Tendenz bei der österreichischen Jugend?

mokant collage > pixelio.de (2)/RainerSturm, M.E., flickr.com (2)/sutherland, lin zhizhao, pixelio.de (2)/TaschaKlick, RS
Extremismus: Die Szene schrumpft. Rassismus: Alltäglich.
Auf der Suche nach Heimat
„Über Jahrzehnte hinweg verwechselte man Integration mit Assimilierung“, ist sich Reinhold Gärtner, Politikwissenschafter an der Universität Innsbruck, sicher. Jahrzehntelang habe man in Österreich eine einseitige Integration vonseiten der „Gäste“ gefordert und Probleme ignoriert – das habe die Angst vorm „Fremden“ zusätzlich geschürt. Nicht nur in der Theorie beschäftigt sich Gärtner mit Rassismus und Rechtsextremismus – er hält Kurse für rechtsextrem auffällige Jugendliche und hilft ihnen beim Ausstieg aus der Szene. So etwas wie einen „typischen Rechtsradikalen“ gibt es nicht, weiß Reinhold Gärtner aus seiner Erfahrung zu berichten. Jugendliche aus allen sozialen Schichten seien für rechtsradikales Gedankengut zu begeistern: „So unterschiedlich ihre Herkunft ist, so gemeinsam ist ihr Motiv: Alle sind auf der Suche nach einer sozialen Heimat, nach Akzeptanz und Gruppenzugehörigkeit. Diese finden sie in rechtsradikalen Vereinigungen.“

Niedriges Niveau
So gut große rechtsradikale Vereinigungen international vernetzt sein dürften, der Zulauf zu heimischen rechtsradikalen Organisationen nimmt bereits seit Jahren ab – das belegt zumindest der jährlich erscheinende Verfassungsschutzbericht. Im Bericht 2009 ist da etwa zu lesen: „Im internationalen Vergleich bewegte sich der Rechtsextremismus in Österreich sowohl in Bezug auf vorhandene rechtsextreme Strukturen und die Anzahl der Szenemitglieder als auch in Hinblick auf Anzahl und Art der gesetzten Tathandlungen weiterhin auf vergleichsweise niedrigem Niveau.“ Und: Die heimische Skinheadszene habe erhebliche Strukturierungsprobleme.

Während die alteingesessene, zum Teil noch aus der Kriegsgeneration stammende Riege „traditioneller“ Szeneorganisationen sich aufgrund des Alters immer mehr zurückzieht, kommt „geeigneter“ Nachwuchs nicht nach. Die Skinheadszene in Österreich? Nach Verfassungsschutzbericht regionale, unstrukturierte Kleingruppen, deren Mitglieder weder ein historisch noch ein ideologisch fundiertes Wissen besitzen. Und die seit Jahren kaum Zuwachs aufweisen. Trotz diversen Versuchen etwa in Tiroler und Wiener Fußballvereinen um Mitglieder zu werben.

Je jünger, desto eher rechts
Kein Wunder, dass da der Verfassungsschutzbericht das Resümee zieht: „Die Aktivitäten des rechtsextremen Milieus stellen keine akute Bedrohung für die demokratische Grundordnung in Österreich dar.“ Während also die rechtsextreme Szene in Österreich aufgrund von Strukturierungs- und Nachwuchsproblemen zerbröselt, rückt die „politische Mitte immer weiter nach rechts“ sagt Politikwissenschaftler Reinhold Gärtner. Rassismus scheint offen ausgelebt zu werden. Auch bei der Jugend, meint Oberstufenlehrerin Katharina: „Mir fällt auf, dass bei einigen Jugendlichen Emotionen überwiegen und über den Intellekt stehen. Sie sind sich zwar über die Gräueltaten der Nationalsozialisten bewusst, aber ‚Islamophobie' überwiegt bei ihnen trotzdem.“ Eine Erklärung dafür kann Katharina nur schwer finden, aber: „Meine Schülerinnen und Schüler vermissen Werte. Geprägt von den 1968ern haben es deren Eltern verabsäumt statt der bekämpften, alten Werte neue zu schaffen. H.C. Strache gibt ihnen genau diese Werte und ein Gefühl von Sicherheit, verstanden zu werden.“

Bei der letzten Nationalratswahlen konnte sowohl die FPÖ als auch das BZÖ bei den Jungwählern und Jungwählerinnen punkten: Das Institut für Strategieanalysen SORA stellte 2009 fest, dass 31 Prozent der Erstwähler der FPÖ oder dem BZÖ ihre Stimme gaben und kam zum Schluss: Je jünger der Jugendliche, desto eher wählt er rechts.

Rassismus im Alltag
Während hier Politikwissenschaftler wie Reinhold Gärtner einen Rechtsruck in der politischen Landschaft orten, meldet auch der antirassistische Verein ZARA eine Zunahme an rassistischen Vorfällen. An ZARA können sich Opfer und Zeugen von Rassismus wenden, jedes Jahr veröffentlicht der Verein einen Rassismus-Report, in dem alle gemeldeten Vorfälle zusammengefasst werden. Von Beschimpfungen auf der Straße bis hin zu gewalttätigen Vorfällen: ZARA dokumentierte im Vorjahr 798 Vorfälle. Und damit mehr als je zuvor.

Rechtsextremismus in Österreich ist zwar kaum vernetzt, Rassismus ist aber alltäglich geworden. „Der harte rechte Kern in Österreich, der seine Gesinnung offen zur Schau trägt, ist ein kleiner. Man muss die Breite sehen“, resümiert Reinhold Gärtner.

 

 

 


Passend dazu ...

 

 

 

Fotos: pixelio.de (2)/RainerSturm, M.E., flickr.com (2)/sutherland, lin zhizhao, pixelio.de (2)/TaschaKlick, RS

 

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: