Archiv
Immer mehr Jugendliche verfallen der Spielsucht. Ein Betroffener spricht darüber
Thomas war vierzehn Jahre als er das erste Mal vor blinkenden Automaten stand. Ab da war es um ihn geschehen: Spielhallen zogen ihn magisch an. So sehr, dass er in die Spielsucht glitt und nicht mehr aufhören konnte, sein gesamtes Geld in die Automaten zu stecken. Heute ist Thomas „spielfrei“ und betreibt den Blog spielsucht.at, auf dem er seine Besucher rund um das tabuisierte Thema aufklären möchte. Denn Thomas ist bei weitem kein Einzelschicksal: Die österreichische Spielsuchthilfe gibt an, dass jeder dritte Spielsüchtige noch vor seinem 19. Geburtstag zu spielen beginnt. Die Zahlen stagnieren dabei nicht: Immer mehr Jugendliche rutschen in die Spielsucht. Thomas kann heute offen über seine Spielsucht sprechen, anonym möchte er trotzdem bleiben.
mokant.at: Wieso hast du als Jugendlicher zu spielen begonnen?
Thomas: Diese blinkenden Automaten haben mich magisch angezogen.
Am Anfang war es sicher nur aus reiner Neugier und Spaß. Natürlich auch
dieser Nervenkitzel, Geld gewinnen zu können. Die Erinnerung daran ist
sehr emotional, ich habe ziemlich schnell viel Geld gewonnen, so einen
Art Jackpot mit zweitausend Schilling, das war für mich als 14-Jähriger
damals wie ein Sechser im Lotto. Aber in den nächsten Tagen habe ich
wieder alles verzockt.
mokant.at: Hast du damals schon abschätzen können, dass Glücksspiele gefährlich sein können?
Thomas: So richtig wurde es mir erst bewusst, wie ich angefangen
habe, deswegen zu lügen – in der Schule, zuhause, in der Bank. Ich hatte
immer eine Ausrede parat, damit ich spielen gehen kann und dann, um mir
irgendwie Geld zu beschaffen. In dem Moment kriegst du das nicht mit,
wenn im Kopf alle Lampen leuchten und du willst nur zocken gehen. Erst
nachher, wenn du heimgehst und das letzte Geld im Automaten verschwunden
ist.
mokant.at: Spielsüchtige isolieren sich ja oft von ihrer Umwelt, um spielen zu können. War das bei dir auch so?
Thomas: Spieler werden zu Weltmeistern der Tarnung. Es wird immer
mehr gelogen, man braucht eine Lüge um eine andere Lüge aufrecht zu
erhalten. Die Isolation beginnt halt langsam und unbemerkt, aber wenn du
schon zum x-ten Mal nicht ans Handy gehst, weil du grad in der
Spielhalle sitzt, hören die Anrufe irgendwann auf. Die Familie kriegt
gar nichts mit, erst, wenn du es ihnen beichtest, und das meistens, weil
du so viele Schulden hast, dass du ohne Hilfe nicht mehr rauskommst.
Die meisten können damit nicht umgehen, es nicht verstehen. Ein
prägendes Erlebnis war ein Freund, der ein Drogenproblem hatte. Er hat
als einziger erkannt, dass ich ein Problem mit solchen Automaten habe.
Das Verhalten ist ähnlich wie bei Drogensucht, nur fehlt halt die
Substanz.
mokant.at: Hat die Spielsucht auch dein Verhalten oder deine
Persönlichkeit verändert? Wurdest du unruhig oder aggressiv, wenn du
nicht spielen konntest?
Thomas: Ich bin unruhig geworden, sobald der Drang zum Spielen da
war – da wird alles andere ausgeblendet und man wird hektisch, bis man
endlich zocken kann. Aggressivität war bei mir eigentlich nicht der
Fall, eher das Gegenteil: Depression.
mokant.at: Wie bist du denn mit Verlusten und Verlieren umgegangen?
Thomas: Umgegangen gar nicht, gespielt bis gar nichts mehr da
war. In den Automatenhallen bekommt man oft gratis was zu trinken, weil
die meisten sonst nicht zahlen können, wenn sie heimgehen. Mehr braucht
man nicht dazu zu sagen. Man fällt in ein tiefes Loch und wird
depressiv, wenn man verliert.
mokant.at: Musste man früher noch in eine Spielhalle um
Glücksspiele spielen zu können, müssen Jugendliche heute nur zuhause ins
Internet gehen. Hat sich dadurch der Umgang mit Glücksspielen bei
Jugendlichen gewandelt?
Thomas: Ein Spielsüchtiger hat einmal treffend formuliert: „Die
Schläge heutzutage sind viel härter und schneller als früher". Du kannst
virtuell auf deinem Bildschirm zuhause ohne Probleme in wenigen Minuten
tausende Euros verballern, ohne jemals einen Euro in den Händen
gehalten zu haben, dadurch wird es noch viel gefährlicher meiner
Einschätzung nach. Du verlierst jeden Bezug zum Geld. Und keiner kann
dich kontrollieren, höchstens die Kreditkarte die irgendwann Nein sagt,
und das dauert oft viel zu lange. Gewandelt hat sich vor allem dieses
scheinheilige Poker, das sie als Sport und Strategiespiel zu verkaufen
versuchen. Beim Poker müssen ziemlich viele Leute verlieren, damit einer
ordentlich was gewinnen kann.
Thomas: Verbot von jeglicher Werbung für Glücksspiel, genauso wie bei Zigaretten und Alkohol. Kein „Pokern“ mehr im Fernsehen. Verbot dieser Automaten außerhalb von Casinos. Aber da werden die Casinos Austria nicht mitspielen. Da hängt ja alles dran, vom Rubbellos bis zum Casino. Und der Staat verdient ja ziemlich gut an den Steuern. Aufklärung wird immer wichtiger, Verbote bringen nur begrenzt etwas, wer unbedingt zocken will, fährt dann über die Grenze oder zockt zuhause im Internet. Raten würde ich Jugendlichen, so früh wie möglich eine Beratungsstelle aufzusuchen. Drogenberatungsstellen und ähnliche können auch helfen, das Verhalten ist ja ähnlich, oder vermitteln an die richtige Adresse weiter.
mokant.at: Wie hast du es denn schlussendlich geschafft, deine Spielsucht unter Kontrolle zu bringen?
Thomas: Spieler sind süchtig nach dem Kick im Gehirn, nicht nach der Kohle. Das muss man akzeptieren und versuchen, sich eine Ersatzbefriedigung zu suchen. Man bleibt der kickgesteuerte Mensch, aber man geht bewusster damit um. Bei mir war es der Sport, Mountainbiken war eine gute Therapie. Und vor allem die Hilfe meiner Therapeutin, zu der ich heute noch unregelmäßig gehe. Es war ein langer Weg, auch mit Rückfällen. Für mich persönlich gibt es nur die Null-Lösung, also nicht einmal ein Rubbellos oder ein Lottoschein ist drin. Solche Kleinigkeiten haben bei mir schon Rückfälle ausgelöst. Ist wie beim Alkoholiker. Aber heute kann ich ohne Stress und Emotionen an den Spielhallen vorbeigehen. Ich habe wieder ein „normales“ Leben und schuldenfrei bin ich auch – lange hat's gedauert ...




















