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Nicht erst seit der Wirtschaftskrise gilt für viele: Ohne Geld wäre die Welt viel schöner
Kopf an Kopf, Fuß auf Fuß, stolpert ein unentwirrbares Menschenknäuel den goldenen Toren des Tempels entgegen. Jeder will das Spektakel mit eigenen Augen sehen. Aus dem Inneren dröhnen Schreie, Poltern, Fluchen. Kurz zuvor sei ein bärtiger Mann hinein gestürmt, habe Tische und Stühle umgetreten und jage nun die Händler fort, denn sie hätten aus dem Ort des Gebets eine Räuberhöhle gemacht. Wenn es um's Geld geht, wird selbst der gutmütige Jesus zornig. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, bleibt dahingestellt. Fakt ist: Von der Bibel über den Mitbegründer der Volkswirtschaftslehre Adam Smith bis hin zum „Kapital“ von Karl Marx – die ganze Welt dreht sich um's Geld. Für Geld wird gemordet und geheiratet. Auch wer es hasst, kann meist nicht ganz ohne. Könnte eine Gesellschaft ohne Geld funktionieren?
Für Hannes Sucher, den Betreiber des Innsbrucker Kost-Nix-Ladens, ist die Sache klar. Die geldlose Gesellschaft muss her. „Der Kapitalismus ist gescheitert. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind, die ganze Umwelt ist im Arsch und in weiten Teilen der Welt herrscht Chaos!“ Um ein politisches Zeichen zu setzen und die Menschen zum Umdenken zu bringen, gründete er daher vor drei Jahren den Kost-Nix-Laden. Pro Tag darf jeder Besucher drei Gegenstände mitnehmen – Bezahlung oder direkter Tausch sind unerwünscht. Die einzige Bedingung: die Leute müssen die Dinge auch brauchen können.
Ein Konzept, das für den Wirtschaftsstudenten Alexander Gruber zum Scheitern verurteilt ist. Denn: „Wenn zu viele Leute das wissen, oder einfach hingehen und sich drei Dinge nehmen, dann bricht das System zusammen.“ Persönlich würde er das Angebot des Ladens zwar nutzen, aber nur, wenn es im Gegenzug auch etwas zum Tauschen gäbe. „Auf Dauer einfach nur weggeben, ohne etwas dafür zu bekommen, da findet man sich selber sehr schnell ohne Geld wieder. Darum würde ich wohl eher etwas über eBay verkaufen.“ Aber auch Alexander sieht im Projekt einen interessanten Anstoß, um auf die Probleme einer Gesellschaft im neoliberalen Würgegriff hinzuweisen. Nur liege das Übel eben nicht im Geld, sondern in der Politik begraben.
Faule Eier für's dumme Huhn
Geld stinkt. Zumindest hat es den Anschein, denn kaum ein Wirtschaftsstudent war bereit, öffentlich dafür Partei zu ergreifen. Dabei gibt es durchaus schlagende Argumente. Als „tertium comparationis“, als Mittler zwischen anderen Gütern, ermöglicht Geld ein komplexes Handels- und Produktionssystem. So muss der Fischer beispielsweise nicht tonnenweise Fisch herbeikarren, um den Bau seines Hauses zu bezahlen, wie Alexander betont. Zudem kann es als Wertaufbewahrungsmittel angehäuft und jederzeit in Waren oder Dienstleistungen umgetauscht werden. Dass die Theorie in der Praxis nicht immer hält, zeigt sich etwa 1918 an der Zigarettenwährung der Nachkriegszeit. Als das Geld im Zuge einer horrenden Inflation nichts mehr wert war und man für eine Goldmark eine Billion bedruckte Papiermark zahlte, nutzten die Menschen Zigaretten und Nylonstrümpfe als neues, stabiles Tauschmittel. Die Rechenfunktion des Geldes vervollständigt das Dreigespann, denn Geld vereinfacht Umrechnungen enorm. Zehn faule Eier für einen sturen Esel, oder doch lieber ein feiges Huhn? Den Waren wohnen zu viele Eigenschaften inne, um standardisiert umrechnen zu können. Das charakterlose Geld erfüllt diesen Zweck deutlich besser.
Die Befürworter einer geldlosen Gesellschaft gehen allerdings auch nicht davon aus, dass die Logik des Geldes die menschliche Natur widerspiegelt. „Das ist neoliberales Gewäsch. Ein geschichtliches Übergangsphänomen und in hundert Jahren lacht man wahrscheinlich darüber“, sagt Wilfried Hanser-Mantl, Geschäftsführer des Sozialprojekts Ho&Ruck, das Langzeitarbeitslose unterstützt. In der kommenden Solidargemeinschaft mit bedürfnisorientierter Produktion lässt sich der Architekt nicht jeden Ziegelstein in Fisch aufwiegen. Grundbedürfnisse wie Wohnen, Nahrung, Bildung und Gesundheit sind Menschenrechte und stehen jedem zu, ohne Personen rein auf deren Leistung, Status oder Geldbeutel zu reduzieren. „Dann geht es nur noch um das ‚Darüber-hinaus'. Wie weit man es sich leisten kann, das auch auf anderen Gebieten zu verwirklichen, hängt vom Reichtum der Gesellschaft ab. Das setzt aber natürlich eine hohe Produktivität und Solidarität voraus“, meint Hanser-Mantl.
Ein Schuss ins eigene Knie
Nicht alle Wege führen nach Rom. Und die Wenigsten auch wirklich zum Ziel. Sowohl der Kost-Nix-Laden als auch das Sozialprojekt Ho&Ruck können sich eine Welt ohne Geld durchaus vorstellen. Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ versucht man bei Ho&Ruck Akzente zu setzen und Langzeitarbeitslosen einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Im Rahmen des Geschäftkonzeptes werden gebrauchte Möbel günstig weiterverkauft. Für Kostnix-Laden-Gründer Sucher ist das zwar ein löbliches Projekt, aber prinzipiell ein Schuss ins eigene Knie. Dadurch würden die Fehler des Systems ausgebessert und abgefedert, was den Kapitalismus am Ende nur verfestige. Die Abschaffung des Geldes verlange drastischere Wege. Dass auch der Kost-Nix-Laden, zur Deckung der Fixkosten, so ganz ohne Geld nicht auskommt, gesteht Sucher als internen Widerspruch ein. Aber „eine Alternative kann man eben nicht einfach postulieren und, zack bumm, so machen wir es. Das muss im Kleinen entstehen.“
Link dazu ...
Kostnix-Läden in Österreich
Sozialprojekt Ho&Ruck
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