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Finanzwissenschaftler Rupert Sausgruber über die Utopie einer geldfreien Welt
Rupert Sausgruber kennt sich mit Geld aus. Als Finanzwissenschaftler setzt er sich in seiner Forschungstätigkeit an der Universität Innsbruck tagtäglich mit der Rolle des Staates in der Wirtschaft auseinander. In seinen etlichen Publikationen beschäftigt sich Sausgruber unter anderem mit der Finanzillusion und der verhaltensorientierten Finanzierungslehre, die dem irrationalen Verhalten auf Finanz- und Kapitalmärkten auf den Grund geht. Kann sich ein Wissenschaftler wie Sausgruber eine Welt ohne Geld denn überhaupt vorstellen? Ja, zumindest teilweise.
mokant.at: Welche Funktionen erfüllt eigentlich Geld?
Rupert Sausgruber: Die Rolle des Geldes in der Wirtschaft hat
drei Funktionen: Zum einen die Tauschfunktion – Geld dient dazu, dass
die Menschen untereinander Tausch ausüben können mit relativ geringen
Transaktionskosten. Geld ist also ein Mittel, um Güter auszutauschen
und man einigt sich darauf, Geld zu akzeptieren. Das andere ist eine
Informationsfunktion – der Preis eines Gutes signalisiert Knappheit.
Und die dritte Funktion: Geld senkt Transaktionskosten – wenn jemand
etwas haben will und der andere will was hergeben, muss man sich auf
ein Tauschmedium einigen. Und da hilft es natürlich, wenn dieses
Tauschmedium auch von anderen in dritten Tauschaktionen akzeptiert
wird. Was noch dazu kommt: Geld hat auch eine Werterhaltungsfunktion.
Wenn Sie sparen und das Geld anlegen, können sie das Geld auch in der
Zukunft verwenden.
mokant.at: Ist die Werterhaltungsfunktion nicht eine
vorgestellte Funktion, die auf dem Vertrauen und auf der Zuversicht der
Menschen beruht?
Rupert Sausgruber: Das ist natürlich richtig. Wenn Sie Ihr
Vermögen in Geld halten – die Alternative wäre, dass Sie es in
Realvermögen halten, beispielsweise sich eine Immobilie kaufen – dann
müssen Sie darauf vertrauen, dass Ihr Geldvermögen den Wert nicht
verliert. Das beruht auf Vertrauen, wobei natürlich dieses Vertrauen
institutionalisiert wird, in dem Sinne, dass wir Notenbanken haben, die
Geld emittieren (Geldschöpfung – Geld wird erzeugt und dem
Wirtschaftskreislauf zugefügt, Anmerkung der Redaktion) und dass die
Sorgen um den Geldumlauf beschränkt bleiben, sodass die Inflation nicht
ansteigt. Das wird über Geldpolitik geregelt. Und das gibt Ihnen das
Vertrauen, dass Ihr Geld auch in zwanzig Jahren noch etwas wert ist,
wenn Sie es heute aufs Sparbuch legen.
mokant.at: Und die Menschen müssen auf die Verhältnisse
vertrauen können, wie man etwa bei Wirtschaftskrisen oder bei hoher
Inflation sieht …
Rupert Sausgruber: Ja, natürlich. Denn der Geldschein, den Sie
in der Hand halten, ist ja nichts wert, in dem Sinne, dass der
Papierwert des Geldes praktisch Null ist. Aber was Ihnen den Wert des
Geldes garantiert, ist die Tatsache, dass jemand dieses Geld als
Tauschmedium akzeptiert und der akzeptiert es deshalb, weil er darauf
vertrauen kann, dass auch er es wieder als Tauschmedium akzeptiert
bekommt.
mokant.at: Könnten Sie sich denn grundsätzlich eine Welt ohne Geld vorstellen?
Rupert Sausgruber: Das hat's natürlich zum Teil gegeben. Es gibt
kleine Gesellschaften, Stämme auf Inseln, die kein Geld haben so wie
wir es kennen, sie haben keine Münzen oder Scheine. Dennoch verwenden
diese Gesellschaften etwas, das man als Geld bezeichnen kann.
Beispielsweise sagt man, auf dem Dorfplatz gibt es fünf große Steine
und wenn ein Haus den Besitzer wechselt, wird ein Stein als Kaufmedium
verwendet. Der Stein hat eigentlich keinen Wert, aber jeder kann darauf
vertrauen, dass dieser Stein, wenn er den Besitzer wechselt, wieder als
Wert eingesetzt werden kann. In Zeiten ganz hoher Inflation hat es auch
Ersatz für Geld gegeben, beispielsweise war im Krieg Saccharin
(Synthetischer Süßstoff, Anm. d. Red.) eine knappe Ware, die sich
dadurch ausgezeichnet hat, dass sie nicht beliebig herstellbar oder
vermehrbar ist, und damit als Tauschmedium akzeptiert wurde. Ähnlich
war es mit Zigaretten. Es muss also etwas sein, das alle akzeptieren
und etwas, das den Wert erhält. Aber es gibt natürlich eine Nachfrage
in der Wirtschaft nach Geld.
mokant.at: Gibt es die Gefahr, dass der Mensch innerlich verarmt, wenn durch Geld alles messbar und wertbar wird?
Rupert Sausgruber: Wenn man den Wert des Geldes so nüchtern
sieht, wie ich ihn jetzt dargestellt habe, dann wird das natürlich
nicht der Fall sein. Aber wenn Sie meinen, dass der Mensch sich zu
stark an materiellen Werten und an der Anhäufung von Geld orientiert,
und dass der Erfolg zu stark in Geld gemessen wird, kann das durchaus
in Fallbereichen zutreffen. Da würde ich nicht ganz widersprechen – es
gibt eine Tendenz, Wert zu sehr in Geld zu bemessen.
mokant.at: Der Soziologe Georg Simmel meint, dass sich Geld
durch Charakterlosigkeit und Objektivität auszeichnet. Sind vorm Geld
wirklich alle gleich?
Rupert Sausgruber: Es gibt Unterschiede in ihrem Potenzial,
Einkommen zu erzielen. Und diese Unterschiede sind uns zum Teil
angeboren, zum Teil wird Bildung und Einkommen erworben. Das wird Ihnen
nicht nur in die Wiege gelegt, das ist etwas, dass im Zuge Ihrer
Sozialisation und Ihres Familienumfelds generiert wird. In dem Sinne
sind nicht alle Menschen gleich.
mokant.at: Ist Ihrer Einschätzung nach der Mensch eher ein soziales oder egoistisches Wesen?
Rupert Sausgruber: Hier gibt es eine massive Forschung und die
Message ist eigentlich folgende: Es gibt Menschen, die überwiegend
egoistisch sind. Das heißt, wenn es zu einem Konflikt zwischen dem
eigenen und dem anderen Interesse kommt, handeln sie nach eigenem
Interesse. Es gibt aber auch einen substanziellen Anteil von Menschen,
die sich sozial orientieren. Das ist natürlich eine Frage des Preises.
Nehmen Sie an, Sie können jemandem helfen und es ist klar, dass es ihm
helfen würde, aber es hat für Sie Kosten. Wenn nun diese Kosten
ansteigen, zeigt sich, dass gleichzeitig die Bereitschaft zu helfen
abnimmt. Die Ökonomen würden sagen, es gibt eine systematische
Präferenz, zu helfen und sozial zu sein.
mokant.at: Könnte denn eine Gesellschaft funktionieren, die
bedürfnisorientiert produziert und organisiert ist und auf dem
Grundprinzip einer Solidargemeinschaft fußt?
Rupert Sausgruber: Es funktioniert, allerdings brauchen Sie
schon auch Sanktionsmechanismen, die sicherstellen, dass eine
Solidargemeinschaft nicht von Egoisten ausgenützt wird.






































