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Feo Aladag hat für ihren Film mehr als ausführlich recherchiert

Regisseurin Feo Aladag über Emotionen beim Film und die Notwendigkeit von Recherche

 

Dass Regisseurin Feo Aladag jahrelange Recherche in ihren Kino-Erstling „Die Fremde“ gesteckt hat, wird innerhalb des Gespräches mit ihr schnell klar. Tiefgehend beschreibt sie die Problematik, die sie auf die Leinwand bringen wollte. Bei der Frage nach ihrer Meinung zu den studentischen Protestbewegungen muss die Publizistik-Absolventin jedoch abwinken – die Arbeit habe sie zu sehr in Anspruch genommen, als dass sie davon etwas mitbekommen hätte. Viel lieber spricht sie über die emotionalen Reaktionen, die ihr Film bei den Zusehern ausgelöst hat und sie berühren. Ob die von ihr gedrehten „Tatorte“ ähnliche Resonanz verursacht hat, ist zu bezweifeln.

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Feo Aladag meint, man muss die Welt kennen, über die man erzählt
mokant.at: Welche Botschaft möchten sie mit „Die Fremde“ an die Zuseher vermitteln?
Feo Aladag: Ich möchte in erster Linie Fragen stellen in dem Film, Fragen, die der Zuschauer sich emotional stellt. Ich wünsche mir, dass Menschen jenseits ihrer Herkunft sich in Momenten des Films wiederfinden und emotional spiegeln können. Ich bin gerade auf Kinotour unterwegs in Deutschland, und was ich gemerkt habe, ist, dass Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ganz intensive Emotionen teilen. Ich würde gerne für den Zuseher spürbar machen, wo die Lösung liegen könnte. Und die Lösung kann da liegen, wo wir uns aneinander annähern und wo wir unsere Liebe nicht an Bedingungen knüpfen.

mokant.at: Aber gerade die Frage, wie der Konflikt denn zu lösen ist, bleibt im Film unbeantwortet.
Feo Aladag: Das sehe ich natürlich insoweit genauso, als dass ich keinen Fingerzeig-Film machen wollte. Ich will keinen Lösungsansatz runterdeklinieren. Mich interessiert, ihn spürbar werden zu lassen in der Möglichkeit, wie nahe die Menschen, die in den Konflikten stecken, vielleicht den ersten Schritt sehen, sich aus den Zwängen zu lösen, es aber nicht können, weil das viel mehr für mich in Gang setzt. Es geht mir darum Räume zu öffnen, Fragen zu stellen und Emotionen zu wecken.

mokant.at: Warum gerade die Thematik der „Ehrenmorde“? Weil sie in den Medien so präsent ist?
Feo Aladag: Ich wurde gefragt vor über sieben Jahren, Spots für eine Kampagne „Gewalt gegen Frauen“ zu entwickeln und zu inszenieren. Ich fand das spannend, und wie leicht nachzuvollziehen ist, ist das Thema bei einer globalen Kampagne riesig. Ich habe ein paar Monate recherchiert, die Filme gedreht und als es vorbei war habe ich gemerkt, dass mich viele Dinge so wütend gemacht und verstört haben, dass es mich nicht losgelassen hat. In den deutschen Medien hat sich zu dem Zeitpunkt gerade die Berichterstattung über so genannte Ehrenmorde gehäuft, was ich übrigens für eine schreckliche Bezeichnung halte. Was mich daran gestört hat, war die harte Aufteilung in Täter und Opfer, die nicht empathischen Innensicht auf alle Beteiligten. Ich habe gemerkt, dass ich ständig weiterrecherchierte, und deswegen ist irgendwann der Wunsch entstanden, dazu einen Film zu machen.

mokant.at: Sie haben sieben Jahre in das Projekt gesteckt, eine sehr lange Zeit für einen einzigen Film.
Feo Aladag: Es war mir bewusst, dass ich die nächsten Jahre damit verbringen werde, wenn ich mich einem solchen Projekt widme. Ich habe für mich überprüft, was sind die universellen menschlichen Mechanismen, über die ich erzählen möchte: Einerseits musst du das Milieu, die Welt, von der du erzählst, ganz genau recherchieren, aber auch die gefühlsmäßige Welt.

mokant.at: Die Rolle der Umay ist teilweise fast schon unsympathisch.
Feo Aladag: Das war beabsichtigt, weil ich glaube, dass wir nicht so sind: Ich mache auch nicht immer das, was vernünftig oder sympathisch ist. Es ging mir bei der Figur darum, zu zeigen, wo ihre Ambivalenz ist, dass sie zerrissen ist zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung, dass sie ganz vehement einfordert, und ihrer unendlich großen Sehnsucht nach der Zuneigung ihrer Familie. Das ist sehr bipolar, das zehrt ja an dir. Ich wollte eben nicht schwarz-weiß malen. So ist nicht das Leben. Das Leben ist in Graustufen.

mokant.at: Ist es überhaupt möglich der Problematik gerecht zu werden, ohne die dargestellten Situationen erlebt zu haben?
Feo Aladag: Ja, durch das Reden mit Menschen, Forschen und Recherchieren. Ich habe zwei Jahre geforscht bevor ich begonnen habe, eine einzige Zeile zu schreiben. Man spricht einfach mit den Menschen. Nach zwei Jahren habe ich gesagt, jetzt habe ich so viel darüber aufgesogen und kann der Sache gerecht werden, darüber zu erzählen. Ich finde es ist unsere Verantwortung, dass wir zumindest die Welt kennen, die wir da erzählen.

mokant.at: Ist der Film auch ein Versuch, ausländerfeindlichen Tendenzen bewusst entgegenzuwirken?
Feo Aladag: Ja. Es ging mir einerseits um Entstigmatisierung und Entethnisierung, ich wollte zeigen, wie zerrissen alle Beteiligten sind, auch der Vater, der unter einem immensen Leidensdruck steht. Andererseits wollte ich im Kern sagen, knüpfe deine Zuneigung nicht an Bedingungen. Ich glaube, wenn wir als Mehrheitsgesellschaft die Probleme unserer Minderheiten als unserer Probleme anerkennen und dem anderen immer das Gefühl geben, du bist eigentlich nicht Teil dieser Gesellschaft, dann werde ich es nicht sehr einfach haben, mich mit ihm an einen Tisch zu setzen und zu sagen, wir sind eine heterogene Gesellschaft und das ist eine Bereicherung auf Basis unserer Grundwerte. Wenn ich dem anderen das Gefühl gebe, du bist per se gewollt und ich freue mich, dass du hier bist, dann kann ich tabufrei die Dinge ansprechen, die nicht okay sind.

mokant.at: Kann so ein Film in Migrationsfamilien funktionieren?
Feo Aladag: Man hat die Sorge, dass vor allem Männer sich negativ dargestellt fühlen. Ich kann nur sagen, was momentan an Feedback zurückkommt: Im Publikum sitzen Menschen mit Migrationshintergrund, in allen Altersstufen, die den Film positiv aufgenommen haben. Es sind auch ganz viele Männer auf mich zugekommen, und das ist genau das, was mir so viel zurückgibt.

Das heißt nicht, dass man was verändern kann. Aber ein Film kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass ein Dialog in Gang gesetzt wird und du Menschen berührst. Das ist schon sehr viel, der Rest ist Politik. Das ist mein Beitrag dazu.

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