Arash T. Riahi: „Ich bin Iraner – wen kümmert’s?“

Regisseur Arash T. Riahi über Flüchtlinge und die Bewegkraft von Filmen

Foto: Stefan Olah

Foto: Stefan Olah

„Es ist wichtig, dass Menschen ihre Geschichte selbst erzählen können“, meint Arash T. Riahi. Das sei auch eines der Ziele des internationalen Filmfestivals der Menschenrechte Anfang Dezember in Wien gewesen, bei dem er Jury-Mitglied war. Der Regisseur hat selbst eine bewegende Geschichte: er wurde im Iran geboren und kam mit neun Jahren als Flüchtling nach Österreich: sein Vater saß davor als politischer Häftling im Gefängnis. In seinen vielfach prämierten Spielfilm „Ein Augenblick Freiheit“, hat Riahi unter anderem die Flucht seiner Geschwister aus dem Iran porträtiert. Im Interview mit mokant.at spricht er über „leiwande“ Ausländer, die Berichterstattung der Kronenzeitung und Einzelschicksale, die bewegen.

mokant.at: Von zweiten bis zehnten Dezember fand das internationale Filmfestival der Menschenrechte in Wien statt. Was für eine Rolle kann so ein Festival spielen? Was kann es bewirken?
Arash T. Riahi: Im besten Fall kann ein Menschenrechtsfestival aufrütteln und die Augen öffnen für das was außerhalb von unserem Blickfeld und außerhalb der Kurznachrichten passiert. Die Filme, die da laufen, zeigen den Einblick hinter die Türen, hinter die Fenster, hinter die Gesichter, die man kurz in den Nachrichten sieht. Nur so kann man auch die Welt besser verstehen.

Es gibt auch noch einen anderen Aspekt: Die Macher des Films, den wir mit dem Hauptpreis prämiert haben, ein kongolesischer Film, haben in ihrer Dankesnachricht betont, dass es für sie wichtig war, dass sie selbst beginnen, ihre Geschichte zu erzählen. Nicht immer nur irgendein Regisseur, der von außen kommt, ein paar Wochen da ist, das Elend abfilmt und dann zurückgeht und Erfolg hat.

mokant.at: Also geht es bei so einem Festival vor allem auch darum, dass Betroffene selber etwas mitteilen können?
Arash T. Riahi: Ja, es ist ein wesentlicher Punkt, wenn man seine Geschichte erzählen kann. Und oft sind es diese Filme, die das machen, wo Menschen miteinbezogen werden und ihnen zugehört wird.

mokant.at: Gehen zu diesen Festivals nicht vor allem Menschen, die sich sowieso dafür interessieren und die man gar nicht mehr aufrütteln muss?
Arash T. Riahi: Das stimmt. Prinzipiell gehen zu solchen Festivals meistens Leute, die ohnehin für Menschenrechte sind und viel Wissen darüber haben. Aber man muss sich überlegen: was ist die Alternative? Dass man das überhaupt nicht macht? Man muss solche Filme machen. Es gibt Ewiggestrige und Leute, die sich nicht verändern wollen, die die Augen verschließen. Bei denen ist es hoffnungslos, um die braucht man sich auch nicht bemühen. Es gibt aber immer fünf bis zehn Prozent „neuer“ Leute, die man erreichen kann. Es gibt zum Beispiel Schulvorstellungen. Viele Jugendliche sind offener, hätten sich einen solchen Film aber sonst vielleicht nicht angeschaut.

mokant.at: Denken Sie, dass Filme Einstellungen verändern könnten?
Arash T. Riahi: Filme verändern definitiv Einstellungen. Filme können zwar nicht die Welt verändern, aber sie verändern etwas im Bewusstsein. Ich habe es selbst durch meine Filme erlebt. Menschen haben mir bei persönlichen Begegnungen, aber auch in Briefen oder E-Mmails gesagt, dass sich etwas bei ihnen verändert hat. Wenn man über Themen spricht, die tabuisiert sind, hat das eine Art Vorbildwirkung für andere Leute. Wenn jemand über etwas spricht, trauen sich auch andere darüber zu sprechen. Das allein ist schon verdammt viel wert.

mokant.at: In den Nachrichten wird viel über das Leid der Menschen in verschiedenen Ländern berichtet. Dennoch scheint es nicht viel Verständnis gegenüber den Menschen, die aus diesen Ländern nach Österreich kommen, vorhanden zu sein. Warum nicht?
Arash T. Riahi: Ich glaube die Berichterstattung über das Elend woanders wirkt schon. Die Österreicher sind Spendenweltmeister, gespendet wird schnell und viel.
Aber der Grund, warum das bei den Ausländern, die hier leben nicht funktioniert, ist, dass man einfach viel zu wenig Kontakt hat. Die rassistischsten Menschen sind die, die überhaupt keinen Kontakt haben mit Ausländern. Ich habe selbst erlebt, dass jemand zu mir gesagt hat: „Du bist eh leiwand, aber die anderen …“. Wenn Menschen Nachrichten sehen, sehen sie nur Schlagzeilen. Wenn die Kronenzeitung beschließt, es ist gut für die Quote, wenn man hauptsächlich Negativschlagzeilen mit Ausländern in Verbindung bringt, beeinflusst das natürlich auch die Meinung ihrer Leser. Wahrscheinlich wäre es langweilig, wenn die Krone jeden Tag die Meldung bringen würde: dieser Ausländer hat das erreicht. Man will lieber wissen, dass zwei sich die Köpfe eingeschlagen haben.Wenn man sich aber mit Filmen beschäftigt, beschäftigt man sich mit Menschen und nicht nur mit Schlagzeilen. Das hat man gesehen bei den letzten Abschiebungsfällen. Man hat erfahren, dass die Menschen Kinder hatten und voll integriert waren. Plötzlich war auch die Kronenzeitung gegen die Abschiebungen. Da ist eine Veränderung.mokant.at: Auf Personen zu Fokussieren ist ja generell üblich. Gerade die Kronenzeitung hat etwa auch beim Fall Arigona Zogaj ausführlich über ihre Geschichte berichtet. Nur weil einmal Kinder Mitleid auslösen, ist das wirklich eine grundlegende Veränderung?
Arash T. Riahi: Ich glaube nicht, dass sich das von einem Tag auf den anderen ändert. Aber es ändert sich Schritt für Schritt. Je mehr solche Sachen kommen, umso mehr sehen die Menschen eine andere Seite. Jetzt hat man Ausländer gesehen, die nicht kriminell sind und deren Kinder, die sich in Österreich zuhause fühlen. Man kann nicht so blauäugig sein, und denken, dass es von einem Tag auf den anderen die Gesellschaft in Österreich verändert. Aber es schadet auch nicht.

mokant.at: Glauben Sie, dass Berichterstattung über persönliche Schicksale langfristig auch strukturell etwas verändern könnte?
Arash T. Riahi: Ja, wenn Migranten sichtbar in den Medien vorkommen und man unterschiedliche Aspekte sieht, dann verändert es Schritt für Schritt etwas. Im Moment kommen Ausländer hauptsächlich mit den Themen Asylproblematik, Abschiebung, Kriminalität vor. Je mehr man Beispiele von „normalen“ Migranten hat, desto mehr wird das auch zur Normalität für die Bevölkerung. Keiner kann mir weismachen, dass es besser wäre, die persönlichen Geschichten nicht zu zeigen.

mokant.at: Ein Mitarbeiter im Integrationshaus hat erzählt, er könne von hundert rührseligen Einzelschicksalen erzählen, ändern würde das nichts.
Arash T. Riahi: Es ist ein Unterschied, ob jemand darüber erzählt, oder ob die Menschen selbst zu Wort kommen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Migrantenmüssen selbst beginnen sich zu emanzipieren und zu Wort kommen. Sie dürfen sich nicht immer nur einvernehmen lassen, von keiner Seite, nicht von Rechten, nicht von Linken. Man kann nicht alles auf die anderen schieben. Die Sprache ist ein wichtiger Faktor, um sich in der Gesellschaft zu artikulieren. Migranten müssen mit Selbstbewusstsein auftreten und zeigen, dass sie da sind.

mokant.at: Würde die Mehrheitsgesellschaft Migranten mehr akzeptieren, wenn die sich stärker positionieren würden?
Arash T. Riahi: Ich glaube schon. Migranten werden immer von den anderen positioniert und in irgendwelche Schubladen gesteckt. Sie wollten aus dieser Opferrolle herauskommen.

mokant.at: Und wie sollte diese Positionierung konkret aussehen?
Arash T. Riahi: Ich kann nicht sagen, wie die Positionierung jedes einzelnen ausschauen sollte. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich bin im Iran geboren, war bis ich neun Jahre alt war dort. Es wäre absurd, dass ich plötzlich ein Österreicher sein sollte. Ich bin im Iran geboren und bin ein Iraner, und ich bin auch zwischen den zwei Kulturen und versuche mir das Beste aus beiden rauszuholen und mich weiter zu entwickeln. Ich bin hier, bin ein Teil der Gesellschaft und versuche mein Bestes zu tun.

Oft ist es so, dass wir Migranten von außen gefragt werden: als was fühlt ihr euch?
Uns interessiert das eigentlich überhaupt nicht. Man ist da, man macht seine Sache, man versucht sein Leben zu meistern. Und okay, ich bin Iraner und jemand anderer Österreicher mit Migrationshintergrund, wen kümmert’s? Vielleicht sollte man aufhören, das Ganze überhaupt zu einem Thema zu machen, sondern einfach ganz selbstverständlich als Menschen miteinander leben. Ohne dass die Rechten versuchen, die Migranten schlecht zu machen und ohne dass die sich immer als Opfer sehen.

mokant.at: Aber gerade in einem Film, wie ein „Augenblick Freiheit“ sind die Flüchtlinge auch Opfer …
Arash T. Riahi: Nein, ich sehe das ein bisschen anders. Sie sind natürlich Opfer eines Systems, von dem sie wegwollen, aber sie sind in einem Zwischenstadium, wo sie versuchen, zu einer neuen Emanzipation zu kommen. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dass sie an der Bürokratie oder an diversen Dingen scheitern, für die sie nichts können, macht sie nicht zu Opfern. Die geistige Haltung macht einen zum Opfer. Man kann in vielen Situationen anders reagieren und dadurch die Situation ändern. Wenn man in einer Diktatur lebt, dann gibt man irgendwann auf, versucht sich in das Private zurückzuziehen und das private Leben gut zu führen, aber das System denkt für dich. Und wenn du dann raus kommst, ist das auch ein Emanzipationsprozess, ein Lernprozess, wie man sich in der Gesellschaft etablieren kann.

mokant.at: Eine Protagonistin des Films kehrt in den Iran zurück, wie könnte ihr Schicksal aussehen?
Arash T. Riahi: Sie kann durch diese ganze Sache politisiert worden sein und zurückgehen, um den Kampf, den ihr Mann geführt hat, weiter zu führen. Ihre Rückkehr ist ein Statement dafür, dass man unbedingt fliehen muss, sondern dass es auch Menschen gibt, die ihre Umgebung nicht verlassen wollen. Sie bleiben dann dort und kämpfen von innen oder sie leben einfach ihr Leben. Es gibt eine Szene im Film, wo sie und ihr Mann diskutieren undsie fragt: „Warum sind wir nicht dort geblieben und haben versucht, dort etwas zu ändern?“ Und dann sagt er: „Was haben die, die dort geblieben sind, verändert?“

mokant. at: War der Film auch eine Art Verarbeitung Ihrer eigenen Vergangenheit?
Arash T. Riahi: In dem Film geht es mehr um meine Geschwister und um andere Geschichten, weniger um meine persönlicheGeschichte, aber natürlich ist jeder solche Film auch eine Art von Verarbeitung. Diese Verarbeitungen dürfen halt nicht zu persönlich sein sondern sollten universell sein und ich hoffe, dass es gelungen ist, dass es nicht nur meine Familie interessiert.

Titelbild: (c) David Oliveira

Link dazu …
Filmfestival „This Human World“

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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