Garage X: Feuchtgebiete

feuchtgebiete

Österreichische Erstaufführung: Feuchtgebiete von Charlotte Roche als Theaterstück

Foto: (c) Yasmina Haddad

Foto: (c) Yasmina Haddad

Die Protagonistin Helen ist jung, neugierig, rebellisch und alles andere als mädchenhaft. Da sie sich während des Rasierens eine Analfissur zugezogen hat und wegen ihrer Hämorrhoiden operiert werden muss, liegt sie in der proktologischen Abteilung im Krankenhaus. Von dort aus berichtet die achtzehnjährige provokativ und ungeniert von ihren Leiden, erzählt von Selbstbefriedigungspraktiken, sexuellen Erfahrungen und davon, dass sie zur Erforschung des weiblichen Geschlechts oft in einen Puff geht. Für übertriebene Hygiene hat Helen wenig übrig:  „Muschihygiene“  ist für sie „ein dehnbarer Begriff“. Stattdessen versteht sie ihren natürlichen Körpergeruch, als individuelles leicht betörendes Parfüm. Wenn alle Frauen sich in ihrem Körper wohlfühlen würden, so überlegt sie, dann würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.

Was wäre wenn Frauen sich nicht mehr schminken, rasieren und parfümieren würden? Wenn sie nicht mehr alles Mögliche konsumieren müssten, um zu gefallen? Die Heldin des Romans kommt zu dem Schluss, dass die moderne Frau von heute eine Erfindung der Konsumindustrie ist und dass „der Kapitalismus dem weiblichen Körper zusetzt“.

Puff Erfahrungen? Traut euch!
Die österreichische Erstinszenierung der Regisseurin Angelica Zacek des berühmten Romans Feuchtgebiete von Charlotte Roche ist turbulent und unverblümt. Das Bühnenbild, ein Krankenhauszimmer, ist einfach und schlicht gehalten. Auf der Bühne kommt eine Handkamera zum Einsatz, deren Bilder auf eine Wand projiziert werden, man sieht Werbevideos aus den achtziger Jahren und zum Thema Periode ist „bleed it out“ von Linkin Park zu hören. Die drei Schauspielerinnen Nina Horvath, Nicola Schössler und Anna Franziska Srna überzeugen mit Scham, Direktheit und viel Bühnenenergie. Zu dritt stellen sie den vielschichtigen Charakter der jungen Protagonistin dar. Was anfangs leicht irritierend und paranoid wirkt, wird im Laufe des Stückes als die verschiedenen Persönlichkeitsmerkmale der Heldin deutlich. Denn Helen ist sich bei allen Erinnerungen nicht sicher, ob sie tatsächlich so stattgefunden haben (wie zum Beispiel der Selbstmordversuch der Mutter) oder ob sie in ihrem Kopf entstanden sind. Dies ist auf ihr turbulentes Leben, den Drogenkonsum und Traumata zurück zu führen.

Die Schauspielerinnen sind näher als sonst, sie gehen unter das Publikum, beziehen es mit ein (Srna: „Wer möchte sonst noch von seinen Pufferfahrungen erzählen? Seid doch nicht so verklemmt, traut euch!“) und konfrontieren es mit ihrer eigenen Scham und Verklemmtheit. Horvath, Schössler und Srna schlecken lasziv Joghurt oder Schokoladenpudding während sie über Analsex sinnieren, experimentieren mit blutigen Tampons und sprechen scheinbar hemmungslos über Tabuthemen.

Laute Lacher und verklemmtes Gekicher
Der Bestseller-Roman von Charlotte Roche hat mit der Zeit eindeutig an Skandal-Potential verloren. Trotzdem schafft es die Produktion der Garage X, zu provozieren und überschreitet die eine oder andere Grenze. Doch gerade das macht das Stück so interessant.

Roches Umgang mit bestimmten Themen, sowie ihre Auffassung von Emanzipation wird wohl nicht jeder teilen, doch wer neugierig hinhört und hinsieht wird zwischen lauten Lachern, verklemmtem Gekicher und peinlichem Schweigen auch einige nachdenkliche Momente erleben. Und danach vielleicht die Handhabung der Gesellschaft mit einigen Themen in Frage stellen, oder sogar eigene Einstellungen überprüfen. Wer sich bei Themen wie Muschihygiene oder Analsex unwohl fühlt, über Hämorrhoiden lieber nichts hören möchte, anfällig für Fremdschämen ist oder sich schnell ekelt, der sollte dieses Stück vielleicht lieber meiden. Alle anderen können sich auf einen unterhaltsamen und interessanten Abend gefasst machen.

Rezension von Hanna Winterfeld
Die Autorin absolvierte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Praktikum bei mokant.at

Titelbild: (c) Yasmina Haddad

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