Naturschützer sind Egoisten

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Wir schützen die Natur, weil sie uns so am Herzen liegt? Blödsinn. Nennen wir den wahren Grund für den Naturschutz doch beim Namen.

Blase_rotDieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Was machen wir beim Anblick einer riesigen abgeholzten Regenwaldfläche am Amazonas? Wir empören uns. „Die armen Bäume!“, rufen wir dann. Oder, wenn wir besonders pathetisch klingen wollen: „Das ist doch die Lunge der Erde!“

Was für ein Blödsinn. Ich weiß, wir Menschen klopfen uns wahnsinnig gerne selbst auf die Schulter. Uns gefällt diese Vorstellung: die Natur als schutzbedürftiges Opfer, das allein durch unsere Gnade bestehen kann. Wir als ihre Eroberer, Beherrscher oder Retter. Dabei ist der Mensch nicht das Zentrum des Universums und auch nicht das Zentrum der Erde. Er ist vielmehr ein zunehmend lästiger werdender Besucher.

Treffen sich zwei Planeten.
Sagt der Erste zum Zweiten: „Du siehst aber gar nicht gut aus, bist du krank?“
Sagt der Zweite: „Ja, ich fühl mich echt mies. Ich habe Menschen!“

Ja, wir können eine wahre Plage sein. Wir führen Krieg gegen uns selbst, Krieg gegen die Natur, kriegen nicht genug. Wir holzen Wälder ab, rotten Arten aus, verseuchen ganze Landstriche mit radioaktiver Strahlung, reißen Löcher in die Ozonschicht und bedecken die Ozeane wahlweise mit Öl oder Plastikmüll. Wir überfischen, überzüchten, überwältigen. Wir haben die Erde nicht nur bevölkert, sondern befallen. Unsere Ignoranz, unsere Skrupellosigkeit und unsere Gier sind nicht zu unterschätzen. Trotzdem: Woher nehmen wir die Arroganz zu denken, die Natur sei von uns abhängig?

(c) Rebecca Steinbichler

(c) Rebecca Steinbichler

In Wahrheit braucht die Natur unsere Gnade nicht. Sie ist älter, weiser und mächtiger. Sie war schon viereinhalb Milliarden Jahre vor uns da und wird uns schnell vergessen haben, wenn wir wieder weg sind. Würde die Spezies Homo sapiens morgen von der Erde verschwinden, könnte sich die Natur vollends regenerieren. Wissenschaftler, Ingenieure und Ökologen haben genau dieses Szenario erforscht und durchgespielt:

Die Menschen sind weg. Zuerst wird es ruhig, dann dunkel. Nach und nach muss die Maschinerie der Menschen dran glauben – Ampeln, Kläranlagen und Tankstellen stehen still. Die ersten Kernkraftwerke fallen nach ein bis zwei Tagen aus. Bei einigen Reaktoren kommt es zu Bränden und Kernschmelzen, aber auch davon erholt sich die Natur schnell. Ein reales Beispiel dafür bietet Tschernobyl: Ronald Chesser, Umweltbiologe von der Technischen Universität im texanischen Lubbock, besuchte 20 Jahre nach der Katastrophe die evakuierte Zone und erwartete dort eine nukleare Wüste. Was er stattdessen vorfand, war eine „blühende Biosphäre“.

Gebäude halten üblicherweise 60 Jahre, Brücken 120 Jahre und Dämme 250 Jahre – doch ohne menschliche Wartung erobert die Natur sie schneller zurück. Die Wurzeln der Pflanzen brechen Fenster, Türen, Beton und Mauerwerke auf. Stürme, Insekten und Bakterien erledigen den Rest. In einigen Hundert Jahren ist von fast allen Gebäuden nur noch Schutt übrig. Besonders die bedrohten Arten profitieren vom Verschwinden der Menschen. Am längsten brauchen die Ozeane, um sich zu erholen, doch selbst das ist nur eine Frage der Zeit. Das CO2 in der Atmosphäre verbleibt noch eine Weile, aber Schadstoffe wie Ozon und Schwefeldioxid werden innerhalb weniger Wochen vom Regen aus der Luft gewaschen. In 10.000 Jahren sind fast alle Spuren der menschlichen Existenz verschwunden.

Jumanji in real life? Wenn Menschen aussterben, wird sich die Natur den Planeten eben zurückerobern. (c) Rebecca Steinbichler

Jumanji in real life? Wenn Menschen aussterben, wird sich die Natur den Planeten zurückerobern. (c) Rebecca Steinbichler

Was ich mit diesem post-apokalyptischen Gedankenexperiment sagen will? Die Natur braucht uns nicht. Aber wir brauchen sie. Wenn wir vom Naturschutz sprechen, geht es in erster Linie um uns selbst. Somit ist Naturschutz etwas höchst Eigennütziges. Wir schützen einerseits unser Verlangen nach Erholung, Reinheit, Abenteuer und hübschen Instagram-Fotos – und andererseits unser pures Überleben. Wir brauchen die Gaben der Natur zum Essen, zum Trinken, sogar zum Atmen. Zerstören wir sie, zerstören wir unseren Lebensraum und im Endeffekt uns selbst. Bleiben wir beim Beispiel des Regenwaldes: Er ist nicht die Lunge der Erde. Er ist unsere Lunge. Mit jedem Baum, den wir fällen, schnüren wir unsere eigene Luftzufuhr ein kleines bisschen mehr ab. Da stehen wir also, die Hände um unsere eigenen Kehlen und machen uns vor, die Erde aus purer Selbstlosigkeit zu schützen.

Warum es wichtig ist, beim Naturschutz zwischen Altruismus und Egoismus zu unterscheiden? Vielleicht ist es das gar nicht. Vielleicht tut es uns aber gut, uns in Erinnerung zu rufen: Naturschutz ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung und kein Hobby, mit dem sich ein paar gelangweilte Studenten profilieren. Es gibt mehr zu verlieren als ein bisschen hübsch anzusehendes Grünzeug. Naturschutz ist ein Muss, wenn wir unseren Lebensraum und letztendlich unsere Existenz sichern wollen. Weil unser Verhalten nicht nur andere Arten, sondern uns selbst gefährdet.

Der Planetenwitz geht noch weiter:

Treffen sich zwei Planeten.
Sagt der Erste zum Zweiten: „Du siehst aber gar nicht gut aus, bist du krank?“
Sagt der Zweite: „Ja, ich fühl mich echt mies. Ich habe Menschen!“
Daraufhin der Erste wieder: „Keine Sorge, die hatte ich auch mal. Geht vorbei!“

(Autor unbekannt)

 

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Rebecca Steinbichler

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Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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