Reportagereihe: Die Fremden in meinem Haus (2)

Christine hatte ganz konkrete Vorstellungen, als sie sich entschlossen hat, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen: weiblich, fortgeschrittenes Alter, selbstständig. Dann zog die 18-jährige Fatemeh bei ihr ein.

Seit gut drei Monaten wohnen die beiden jetzt schon beisammen. Vor zwei Jahren ist die damals 16-Jährige aus dem Iran nach Österreich gekommen – ganz allein. Die Gründe für ihre Flucht möchte Fatemeh nicht nennen. „Zuerst war ich für sieben Monate in Traiskirchen. In einer Kirche bin ich dann auf eine Frau getroffen und kam mit ihr ins Gespräch. Sie hat angefangen, eine Wohngemeinschaft in Wien für mich zu suchen. Eigentlich bin ich nur durch Zufall in der Stadt gelandet“, erzählt die junge Frau. Anfangs habe sie sieben Monate in einer WG im zehnten Bezirk gewohnt, dann sei sie zu einer anderen Wohngemeinschaft in den neunten Bezirk gezogen. An die Zeit in Traiskirchen denkt Fatemeh ungern zurück. Nüchtern und mit huschenden Blicken erzählt sie vom Leben im Flüchtlingslager. Sie habe keine Chance gehabt Deutsch zu lernen, weil sie ständig unter anderen Flüchtlingen war. Aber auch sonst hatte es die junge Frau in einem Flüchtlingslager voller Männer alles andere als leicht. „Ich habe die meiste Zeit in meinem Zimmer verbracht, weil ich nicht rausgehen wollte. Ständig musste man sich irgendwelche dummen Kommentare anhören. Und das nicht nur von den Lagerbewohnern selbst, teilweise auch von den männlichen Betreuern“, sagt sie. Es habe öfters Einladungen „auf einen Kaffee“ zu den Betreuern nach Hause gegeben. Die Betreuerinnen hätten auf die Kommentare kaum reagiert, oder sie schweigend hingenommen. Wer allerdings glaubt, eine eingeschüchterte und traumatisierte junge Frau vor sich zu haben, der irrt. Fatemeh weiß genau, was sie will und hat fixe Pläne für ihre Zukunft. Genau wie ihre Mitbewohnerin will sie Medizin studieren und Ärztin werden – ganz zum Entsetzen von Christine. „Naja, die Arbeit habe ich schon gern gemacht, aber das Studium ist wirklich unheimlich zach. Ein Leben ohne Nachtdienst ist auch schöner“, meint diese und lacht. Kontakt zu ihrer Mutter und ihrem Bruder hat Fatemeh regelmäßig. Nach Österreich nachkommen wollen sie aber nicht. „Vielleicht einmal zu Besuch“, meint die junge Iranerin.

Wie lange die beiden zusammen wohnen werden, steht noch nicht fest. Vorerst wurde der Mietvertrag auf ein halbes Jahr festgesetzt, damit jeder problemlos seiner Wege gehen kann, sollte es plötzlich doch nicht mehr miteinander funktionieren. Darüber machen sich Christine und Fatemeh aber keine Sorgen. Streiten würden sie nicht, dazu sähen sie sich zu wenig. Da Fatemeh nicht unordentlich ist, sieht die pensionierte Ärztin auch keinen Grund dazu. Fatemeh selbst macht es nichts aus, die meiste Zeit alleine zuhause zu sein. „Ich bin eh viel unterwegs“, meint sie grinsend. Und in der Schule habe sie auch genug zu tun. „Wenn ich nach Hause komme, koche ich mir zuerst einmal was. Meistens etwas Einfaches. Nudeln oder so. Dann mache ich meine Hausaufgaben.“ Die wenigen Tage, die Christine in der Stadt ist, nutzen die beiden so gut es geht. Dann kochen sie gemeinsam, oder gehen ins Kino – Mittwochabend ist Kinoabend.
Christine hofft, dass Fatemeh bald ihren Bescheid kriegt, dann könne sie auch mal mit nach Ungarn kommen. „Ohne Bescheid ist ihr die Ausreise aus Österreich ja nicht erlaubt“, sagt Christine.

Momo hat aufgehört zu schnurren. Er richtet sich auf und streckt sich. Dann springt er vom Tisch und begibt sich gemächlich Richtung Futternapf. Fipsi hat die Küche mittlerweile wieder betreten und folgt ihm. „Noch jemand Tee?“, fragt Christine. „Danke, ich hab noch“, meint Fatemeh und winkt ab. „Wie spät ist es denn?“ „Kurz vor halb vier.“ „Schon so spät? Unglaublich dunkel ist es“, meint Christine mit Blick aus dem Fenster. Fatemeh ist am Abend auf den Geburtstag einer Freundin eingeladen. Sie wird achtzehn und Fatemeh muss noch ein Geschenk besorgen. Christine geht ins Kino, so wie jeden Mittwochabend. „Der heutige Film heißt ‚Welcome to Norway‘. Er handelt von der Flüchtlings-Willkommenskultur und wie die Norweger zu den Geflohenen stehen. Die Kritiken sind überwiegend positiv. Ich bin schon gespannt!“, sagt Christine und lächelt. Ein Fauchen ertönt aus jener Richtung, in der der Futternapf steht, gefolgt von einem beleidigten Miauen. „Oje, jetzt hat er schon wieder eine gekriegt“, sagt Christine, rollt mit den Augen und schüttelt schmunzelnd den Kopf. Fatemeh lacht.

 Von Iran nach Wien Alsergrund

Blase_rot-150x150Unsere Reportagereihe „Die Fremden in meinem Haus“erzählt von Österreicherinnen und Österreichern, die einen Flüchtling bei sich Zuhause aufgenommen haben. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wie war es für sie jemanden „Fremden“ bei sich aufzunehmen? Und ist er oder sie ihnen fremd geblieben? mokant.at hat sie besucht und sich ihre Geschichten angehört. Das sind sie.

 

Artikel von Amina Maria Aidi

Titelbild: (c) Amina Maria Aidi


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