Und Überhaupt: 9 to 5 who?

(c) Sabrina Freundlich

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina (semi-)regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben Lassen von der Seele.

Wir alle dachten doch, dass die Welt auf uns wartet. (Kommt, gebt es halt zu.) Und überhaupt würde sich alles fügen, Hauptsache gebildet und gut drauf. Aber damit lässt sich vier Jahre nach dem Uni-Abschluss nicht mal mehr die Oma beeindrucken. Denn nachgelegt haben wir nicht.

Und überhaupt haben wir’s zu leicht und gleichsam nicht leicht, wir Millennials. Wir haben alles und nichts. Wir sind der Überfluss. Und niemand hat auf uns gewartet.

Der Arbeitsmarkt ist für uns zu einer Festung geworden. Alles was wir kennen, ist der Umbruch, der Trendwechsel, das Zwischendrin und der Wettbewerb. Von Analog zu Digital, von Wirtschaftshoch zu -tief, von „Werde kein Lehrer“ zu „Wir brauchen Lehrer!“ – man treibt Spielchen mit uns.

Zwar war es neulich Balsam für unsere Seelen als sich herausstellte, dass selbst Rory Gilmore mit 32 auch tief in der Millennialfalle steckt, aber lange kann uns Fiktion nicht trösten. Denn auch unsere realen Vorbilder helfen dabei nichts – die Elterngeneration hatte alles anders und uns Millennials ist kaum etwas garantiert. Die Eltern besaßen im selben Alter bereits Eigenheim und hatten die Familienplanung abgeschlossen. Aber wir klettern mit 30 gerade erst aus dem Praktikumslimbo und müssen uns den Umständen anpassen. Mit 30 sind wir froh, die erste Fixanstellung zu haben. Höchstens ein Genossenschaftsanteil ist realistisch. Wir müssen uns verkaufen wie Marktschreier, müssen uns Skill um Skill autodidaktisch aneignen und sollen dankbar sein für unterbezahlte Einsteigerjobs. Wir sind es gewohnt, uns um Originalität zu prügeln, um Selbstverbesserung, um Rechtfertigung, und uns nebenher alleine etwas aufbauen zu müssen. Wir müssen und wollen Dinge anders machen – die Welt erwartet es.

Es ist die logische Folge, dass wir uns nicht so ganz in der traditionellen 9-to-5-Arbeitswelt zurecht finden. Dass wir unzufrieden sind mit den Umständen, mehr wollen als unterbezahlte Einstiegsjobs, frustriert sind ob der mangelnden (Aufstiegs-)Möglichkeiten. Wir sind immerhin das Produkt unserer Zeit und die Uhr tickt nicht mehr nur von 9:00 bis 17:00 Uhr MEZ.

Noch straucheln wir, sind noch works in progress. Doch wir sind viele. Wir können soviel wie nie zuvor, wir haben einen langen Atem. Und wir müssen uns auch einfach mal normal sein lassen.

Und überhaupt kann unser Leben nicht für immer Takeshi’s Castle sein:


Titelbild: (c) Sabrina Freundlich

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Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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