Kerzen gegen Trump: Love Trumps Hate

Der Sieg Donald Trumps bei den US-Wahlen war für viele in Österreich lebende US-Amerikaner ein Schock. Um diese Situation zu verarbeiten, trafen sich einige von ihnen vor der US-Botschaft zu einer „Candlelight Vigil“ für Demokratie und Toleranz.

Die Situation stumm hinzunehmen ist für die Democrats Abroad hingegen keine Option. Das politische Interesse der Mitglieder zeigt sich auch in den privaten Unterhaltungen. „Wie wissen die Behörden denn, wer wo abstimmt?“, fragt eine Frau mit roter Filzmütze in ihre Gesprächsrunde. Ein weißer, kreisrunder Button auf ihrer Brust trägt die Botschaft „Love Trumps Hate“, Liebe übertrumpft Hass. Ein populäres Wortspiel des Wahlkampfs. Sie und ein weißhaariger Mann lauschen den Ausführungen eines Manns mit braunem Bart und Schirmmütze über das „electoral college“, jenem Kollektiv an Wahlmännern- und Frauen, die in den USA den Präsidenten bestimmen. Demokratie und Engagement sind die Hauptthemen in sämtlichen Unterhaltungen. Sie ständen für Vielfalt, Menschenrechte und die Freiheit der Presse, erklärt der Vorsitzende der Democrats Abroad, Keith Jacomine. „Wir alle sind dazu aufgerufen, bei der Trump-Administration ganz genau hinzuschauen und sicherzugehen, dass die amerikanischen Werte nicht vergessen werden.“

Facebook-Postings reichen nicht
Antje Lewis, eine der beiden Bannerträgerinnen, denkt schon einen Schritt weiter. „Die Stimmung hat etwas von einem Begräbnis. Es soll aber eher wie auf einer Hochzeit sein. Wir wollen nicht, dass die Leute sich hilflos fühlen.“ Als Frau in einer gleichgeschlechtlichen Ehe befürchte sie, dass Trump die Entwicklungen für Homosexuelle wieder rückgängig machen könnte. Antje will bald wieder in die USA zurückkehren, um sich um ihre Mutter zu kümmern, die bereits älter ist. Dafür möchte sie aber auch ihre Frau mitnehmen. „Ich will nicht wieder ins Liebesexil gehen müssen. Warum muss ich mich zwischen meiner Mutter und meiner Frau entscheiden?“ Ihre Augen wirken entschlossen, wenn sie von der Verteidigung ihrer Rechte spricht. Nach der Wahl hatten sie und eine Freundin beschlossen, ihre Ablehnung gegenüber dem Wahlergebnis in einer Demonstration kundzutun. Zu zweit stellten sie sich mit Plakaten neben dem Deserteursdenkmal am Ballhausplatz auf. Es reiche nicht, nur auf Facebook zu posten, wie enttäuscht man sei, sagt sie. Man müsse auch etwas unternehmen. Den Democrats Abroad hilft sie nun, deren Aktivitäten auszuweiten, eine Basisbewegung aufzubauen, Workshops anzubieten und Events zu veranstalten. „Wir sind Auswanderer, ansässig zwischen fremden Menschen aus anderen Kulturkreisen. Die Leute müssen sehen, dass wir alle noch da sind und dass wir zusammenhalten. Das hilft ihnen.“

(c) Susanne Gottlieb

(c) Susanne Gottlieb

Kunst gegen Rassismus
Das Wort geht schließlich an Robbie Ierubino. Der junge Mann mit dem markanten Gesicht und den dunklen Haaren, durch die sich eine goldene Strähne zieht, gibt sich poetisch. Er hat ein Gedicht geschrieben und ein Kunstwerk gebastelt, das er der Runde vorträgt. Im Stil einer amerikanischen Flagge stehen die Verse kopfüber rot-weiß-blau auf schwarz. „We, the United. We, the Families. We the Native. We, the Foreign-Born“, beginnt er zu lesen. Mit „We, the Citizens“ endet seine Ausführung. Für den 18-Jährigen war es die erste Wahl, an der er teilnehmen durfte. Er ist schwer enttäuscht. Wütend, dass Trump von Betrug redet, wenn es um die Ergebnisse geht. „Wir müssen auch während seines Mandats protestieren. Dann haben wir eine bessere Chance, unsere Demokratie zurückzubekommen.“ Immer wieder hebt Robbie den Kopf in die Höhe, sein Blick verschwindet in einer anderen Welt. Als ein Gruppenmitglied ihn am Arm berührt, zuckt er zusammen. Für Menschen wie ihn habe Trump nicht viel übrig, sagt er. „Er hat zwar nichts gegen Autisten gesagt. Aber ich bin anders und Trump ist Rassist, der etwas gegen Menschen hat, die anders sind.“

Erst trauern, dann arbeiten
Auch andere Mitglieder der Runde lesen Zitate und Gedichte vor, manche von ihnen weinen. Niemand unterbricht, niemand redet dazwischen. Die Gruppe lauscht, alle Aufmerksamkeit gehört dem Redner. Trotz der Trauer, der Angst vor der Zukunft, finden alle Teilnehmer Versöhnliches zu sagen. Ein Lied wird angestimmt. „We shall overcome one day“, tönt es durch die Straße. „Obama hatte jedem in seinem Kabinett nach der Wahl zwei Wochen zum Trauern gegeben“, resümiert Antje, „danach sollten sie wieder an die Arbeit gehen.“ Der Angst vor einer Trump-Regierung müssen auch die Democrats Abroad entschlossen entgegentreten, sagt sie. „Wir sind immer noch da, nun müssen wir gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten.“

Nachdem die letzten Reden gehalten wurden, geht die Runde in den geselligen Teil über. Die Veranstalter reichen Punsch durch die Reihen. Die Gruppe beginnt sich zu zerstreuen. Manche gehen heim, andere beginnen im kleinen Kreis über ihren Alltag zu sprechen. Das Thema Trump gerät dabei erst mal wieder in den Hintergrund. Es wird die Auslandsdemokraten die nächsten vier Jahre noch oft genug beschäftigen.

Artikel von Susanne Gottlieb


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Diese Reportage entstand im Rahmen der mokant.at Akademie für Nachwuchsjournalismus.

Titelbild: (c) Susanne Gottlieb

Die mokant.at Akademie für Nachwuchsjournalismus ist ein Projekt, das sich an Nachwuchsjournalistinnen und Journalisten richtet, um ihnen eine fundierte, praxisnahe und leistbare Ausbildung zu ermöglichen.

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