Kommentar: Die Naturschutzlüge „Zoo“

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Tiergärten schreiben sich selbst die Aufgaben des Arten- und Naturschutzes auf die Eingangsschranken. Leider ist das in Wahrheit illusorisch.

Blase_rotDieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Es ist Sonntag, zehn Uhr vormittags. Herr und Frau Österreicher überlegen, was sie am Nachmittag mit den Kindern unternehmen können. Im Kino ist gerade die neue Verfilmung des Dschungelbuchs, „The Jungle Book“, angelaufen. Doch die dauert auch nur knapp zwei Stunden, außerdem ist man mit den Eintrittskarten, Nachos und Getränken schnell an der finanziellen Schmerzgrenze angelangt. Spannender wäre es doch, Schlangen, Panther und Bären in ihrer natürlichen Umgebung zu bestaunen. Statt dem Brüllen von Baghira in Dolby Surround möchte man das schwarze Fell des Panthera pardus bewundern. Statt Balu auf der 3-D-Leinwand beim Verspeisen von animierten Früchten zuzusehen, will man vielmehr die Eisbären beim Tauchen beobachten. Natur, Wildnis, das Konzept von Fressen und Gefressen-Werden soll auch einmal hautnah erlebt werden. Gleichzeitig lernen die Kinder dann auch noch etwas über Artenvielfalt und Naturschutz. Dem ist aus mehreren Gründen aber nicht so.

Die Vergnügungsparkmaschine
Leider haben sich über die Jahrzehnte die Rahmenbedingungen für Tiergärten verändert. Der Schweizer Zoodirektor und Begründer der Tiergartenbiologie, Heini Hediger, sah noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Zoo als eine kulturelle Institution. Seine Hauptaufgaben seien die Forschung, Erholung, Bildung und der Naturschutz. Doch überall, wo kommerzielle Interessen in den Vordergrund rücken, verschieben sich die anfänglich ehrenwerten Ziele. Tiergärten sind zu Vergnügungsparks verkommen, deren Attraktionen immer atemberaubender werden müssen, um die Besucher zu fesseln. Jeder Zoo braucht mittlerweile einen Löwen oder ein Eisbärenbaby, sonst wird der Kundschaft schnell langweilig. Die Aufgaben des Arten- und Naturschutzes weichen so den atemberaubenden Besuchszahlen: Jährlich besuchen 3,8 Millionen Menschen die Zoos der Österreichischen Zoo Organisation (OZO); 2014 davon 2,5 Millionen Menschen den dazugehörigen Tiergarten Schönbrunn. Übertrumpfen kann das in Österreich nur mehr der Wiener Prater (2,7 Millionen Besucher). Die beiden Sehenswürdigkeiten sind in ihrer ökologischen Verantwortung eigentlich nicht so weit auseinander, denn in den großen Tiergärten ist das Erleben von Fauna und Flora mittels Spaziergang durch Naturanlagen längst zu einer Hetzjagd von einem Lángos Stand zum nächsten geworden.

Die Illusion einer artgerechten Tierhaltung

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Artgerechte Tierhaltung hinter Gittern?

Artgerechte Tierhaltung hinter Gittern?

So beginnt das Gedicht Der Panther von Rainer Maria Rilke. Darin geht es um das Gefangenhalten von Raubtieren. Obwohl Zoos zwar immer wieder von „artgerechter“ Haltung sprechen, ist dies eine Illusion. Durch perfide Inszenierungen wird den Gästen ein möglichst natürlicher und authentischer Lebensraum vorgegaukelt: Im Wüstenhaus denkt man, man sei in der Sahara, im Regenwaldhaus fühlt man sich an den Amazonas versetzt und im Haus des Meeres träumt man sich mit Jules Verne 20.000 Meilen unter das Meer. Dass die Tiere dennoch zum Gaudium der Besucher eingesperrt sind, wird ausgeblendet. Das Argument, dass die Tiere doch genügend Platz hätten, darf dabei nicht durchgehen, denn lebt es sich in einem größeren Gefängnis besser?

Auch die Behauptung, Zoos würden über Arten- und Naturschutz informieren und für dieses Thema sensibilisieren, ist nicht haltbar. Die weltweite Population von Tigern oder Gorillas nimmt (auch seit der Existenz von Zoos) konstant ab. Würden sich die über 2 Millionen Menschen pro Jahr, die sich an der Scheibe vor dem Pandababy die Nasen platt drücken, mit der selben Intensität um den Erhalt von bedrohten Tierarten kümmern, müsste man sich 2016 nicht mehr um das Aussterben von Berggorillas Gedanken machen.

Vielleicht muss man sich auch mit dem System der Zoos als neuartigen Vergnügungsparks abfinden und andere Möglichkeiten suchen, wie Tiere möglichst artgerecht bestaunt werden können. Eine dieser Alternativen, die Naturschutz und faire Tierhaltung vereinen, ist der Bärenwald in Arbesbach.

Der Bärenwald: Ein Projekt zwischen Naturschutz und Ausflugsziel
Seit 1998 bietet der Bärenwald im niederösterreichischen Waldviertel Braunbären aus schlechter Haltung ein artgerechtes Zuhause. Im Moment können acht Bären auf insgesamt 14.000 Quadratmetern ihren Lebensabend verbringen. Das Besondere dabei: Die Bären werden ermuntert, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Das Futter wird zu Tagesbeginn im gesamten Areal versteckt, von den Pflegern gebastelte Vorrichtungen ermuntern die Tiere, ihre Instinkte auszuleben. Mehrere Höhlen bieten ihnen die Möglichkeit, sich vor den Besuchern zurückzuziehen. Seit 2016 gibt es im Gebiet um den Bärenwald außerdem einen eigenen Wanderweg, den sogenannten „Bärentrail“. Auf einer Strecke von über 60 Kilometern können hier Gäste in die umliegenden Naturschauplätze eintauchen. Von Mooren über Schluchten zu unterirdischen Wasserfällen wird die Natur bewusst und respektvoll durchwandert.

Natürlich muss man sich bei solchen Tierschutzprojekten damit abfinden, dass man nicht alle paar Schritte ein anderes Tier beim Mittagsschlaf beobachten kann. Eine sinnvolle und nachhaltige Alternative zu den schnelllebigen Zoos sind sie aber garantiert. Und für diejenigen, die weiterhin Raubtiere in weniger als drei Metern Abstand verfolgen wollen: Die DVD von „The Jungle Book“ ist mittlerweile zum Preis einer Tierpark-Eintrittskarte erhältlich.

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Maren Häußermann

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Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

1 Comment

  1. Gerd

    23. November 2016 at 15:13

    Leider muss ich dem Autor doch widersprechen, auch heute noch sind Forschung, Erholung, Bildung und Natur-/Artenschutz die Hauptsäulen der wissenschaftlich geführten Zoos.

    Recht muss ich dem Autor allerdings geben, dass auch heute die Zoos kommerziellen Interessen folgen müssen. Hier unterliegen die Zoos dem Zeichen der Zeit. Die Eintrittspreise sollen erschwinglich bleiben und die Besitzer der Zoos sind nicht mehr bereit die Zoos ausreichend subventionieren, obwohl die Zoos öffentliche Aufgaben übernehmen. Es käme kein Bürger auf die Idee Theater, Oper oder Museum nicht zu subventionieren, die ähnliche Aufgaben wahrnehmen.

    Dies sind Gründe warum Zoos andere Einnahmenquellen suchen müssen, zum Beispiel Gastronomie, ohne die Hauptaufgaben zu vernachlässigen. Wahrscheinlich gehören auch Jungtiere dazu, die allerdings nach strengen Richtlinien der Zuchtprogramme gezüchtet werden.

    Leider fällt dem Autor für seine Betrachtung nur als Beispiel das Gedicht “ Der Panther“ aus dem Jahr 1904 ein. In den letzten einhundert Jahren hat sich die Zootierhaltung wesentlich verändert, so das dieses Gedicht eigentlich nicht mehr als Beispiel dienen kann. Übrigens, ist Herr Rilke trotzdem regelmäßig in den Zoo gegangen. Der Jardin de Plantes in Paris hat auch wesentlich weniger zum Artenschutz beigetragen wie der Tiergarten Schönbrunn.

    Was an der Gestaltung der der Tierhäuser, die den Lebensraum der Tiere nachbildet perfide sein soll, erschließt sich mir nicht. Sie bilden die Bedürfnisse der Tiere nach, die sie zum Leben brauchen, nicht unbedingt weil der Besucher es so will.
    Das hier der Autor fragt ob es sich in einem größeren Gefängnis besser lebt und dann auf den Bärenpark als positives Beispiel verweist ist schon seltsam. Ist der Bärenpark mit seinen 14000 qm kein Gefängnis mehr?. Ist er kein Zoo im weiteren Sinne?

    Ja, die Population von Tigern und Gorillas nimmt ab, auch heute noch. Glaubt der Autor denn wirklich das die Besucher eines Zoos wirklich und tatsächlich etwas in Asien und Afrika ändern würde. Kann es nicht sein, dass gerade diese Zoobesucher Naturschutzorganisationen unterstützen, die sie so nie unterstützt hätten? Zoos arbeiten auf vielen Ebenen direkt oder indirekt mit Artenschützern in den Ländern zusammen. Der Tierpark Schönbrunn ist ein gutes Beispiel dafür. Kann es vielleicht sein, dass diese Artenschutzorganisationen ohne die Besucher der Zoos nicht soviel Zulauf hätten?

    Alleine durch die Wortwahl des Autors kommt seine grundsätzlich negative Haltung, analog eines Tierrechtlers, zum Ausdruck. Eine objektive Betrachtung scheint da ausgeschlossen. Das der Autors dies als persönlich Meinung vertritt muss man respektieren, jeder Mensch argumentiert auch einmal aus dem Bauch heraus, ohne Faktenwissen zu verwenden.

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