Naturschutz: Wen interessiert’s?

Foto: (c) Lukas Unger

Globalisierung, Aktienkurse, Wirtschaftswachstum – das heutige Credo heißt Fortschritt. Damit verglichen ist der Schutz der Natur nachrangig, oder?

Naturschutz – ein abgedroschenes Thema, oder nach wie vor relevant? Für die Ausstellung Natur in „Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen“ des Joanneum Graz haben Journalisten von mokant.at dargelegt, welche Bedeutung Naturschutz für sie hat.

Zwar habe ich meine Kindheit naturnah am Waldrand verbracht, doch bin ich alles andere als ein Experte. Bereits bei der genauen Bedeutung des Begriffes Naturschutz bin ich mir ein wenig unsicher, doch damit in guter Gesellschaft.

Viele verwechseln ihn mit dem Umweltschutz, oder setzen ihn damit gleich (auch Lehrpersonen an Schulen). Nur selten ist damit der Erhalt der „unberührten“ Natur gemeint, denn davon gibt es hierzulande nicht mehr sehr viel. In Europa werde damit eher der Schutz der Agrarlandschaft, also landwirtschaftlich genutzter Flächen bezeichnet, schreibt Klaus Dieter Hupke in seinem Werk über Naturschutz. Diese Landschaft biete Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten, die zwar nicht immer heimisch seien, jedoch die Biodiversität bereichern würden.

Müssen wir Pflanzen- und Tierarten schützen? Brauchen wir Naturschutz? Natürlich – „Naturschutz ist wichtig“, das ist leicht gesagt und sozial erwünscht. Aber wer setzt sich wirklich aktiv damit auseinander? Ich muss zugeben, ich tue dies selten, und aus Diskussionen entnehme ich, dass viele Gleichaltrige ähnlich denken. Es gibt Spannenderes, und in Österreich ist sowieso alles im grünen Bereich, oder?

Bewusstsein schaffen
Dieses Thema erscheint zwar nicht reizvoll – doch man darf nicht aufhören, Naturschutz zu thematisieren. Denn der Schutz der Natur beginnt meiner Meinung nach im Kopf – zu allererst muss der Wille gegeben sein – darauf folgt alles andere. Bewusstsein dafür braucht jede Generation wieder aufs Neue, bereits im Kindesalter. Ich stimme dem Erziehungswissenschaftler Ulricht Gebhard zu, wenn er sagt, dass sich Menschen, denen man nicht schon im Kindesalter ein Bewusstsein für die Natur mitgibt, keine Voraussetzungen hätten, sich später für deren Schutz zu engagieren.

Wichtig ist es auch, sich dieses Bewusstsein sein Leben lang zu erhalten, und nicht nur nostalgisch mit der „guten alten, naturverbundenen Zeit“ zu assoziieren. Auch wenn dies mitunter schwer ist, denn als erwachsener Mensch hat man oft andere Sorgen. Der Schutz der Natur erscheint nachrangig, wenn man in einem Job dem Konkurrenzdruck in einer globalisierten Welt standhalten muss, in der Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum und maximale Effizienz mehr gefragt sind als alles andere.

Foto: (c) Lukas Unger

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Naturentfremdung?
Doch zurück zu den Kindern – man hört oft, dass diese ohnehin keinen Bezug mehr zur Natur hätten. Stichwort Naturentfremdung – die Technik- und Informationsgesellschaft habe dazu beigetragen, dass Kinder von heute wenig mit der Natur anzufangen wüssten und sich lieber den angenehmen Ergüssen der Technikwelt hingäben.

Lässt sich das so einfach pauschalisieren? Das Bild der eigenen Kindheit wird gerne romantisiert. Heute heißt es: „Die Kinder schauen nur noch aufs Smartphone. Wir haben früher noch draußen Cowboy und Indianer gespielt.“ Vor zehn Jahren: „Die Kinder schauen nur noch in den Fernseher. Wir haben früher noch draußen Cowboy und Indianer gespielt.“ Vor fünfzig Jahren: „Die Kinder lesen nur noch in Büchern. Wir haben früher noch draußen …“ (Abgesehen davon, dass Cowboy- und Indianerspiele historisch gesehen doch sehr heftig sind).

So führt dieser Entfremdungs-Verdacht doch irgendwie ins Leere, oder? Mag sein, aber im Folgenden zwei Anekdoten, die diesbezüglich doch zum Nachdenken anregen:

Ein Nachmittag auf der Donauinsel in Wien. Nach einiger Zeit verabschiedet sich ein Mädchen, das Gesicht energisch zusammenkneifend: „Ich muss jetzt unbedingt in die Wohnung – duschen. Mich juckt es überall – so viel Natur.“ Das Mädchen hatte auf einer Insel aus Plastik gesessen, ins Wasser gegangen war sie nicht.

Ein Kollege, der für einen Gastronomiebetrieb designt, muss sich eine passende Abbildung für „Wild“ ausdenken. Letztlich entscheidet er sich für eine Geweih-Silhouette, ohne erkennbare Augen, weil das die Kunden abschrecke. Für einen anderen Betrieb erstellt er Herbstblätter und ein Jagdhorn anstelle von Tierbildern für den Wildgenuss. Denn die Konsumenten würden das Fleisch nicht bestellen, wenn sie zu detaillierte Vorstellungen davon hätten, meint er.

Die erste Geschichte mag dem einen oder anderen zwar schon in ähnlicher Weise widerfahren sein, lässt sich aber schwer verallgemeinern. Die zweite Geschichte hingegen ist kein Einzelfall. Viele haben von der Herkunft und Aussehen ihres Essens wenig Ahnung und wollen dies auch so. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Nahrung ist unerwünscht – Hauptsache, es schmeckt gut. Etwas wie „Wild“, das grundsätzlich aus der Natur stammt, verkommt so zu etwas sehr Künstlichem und Abstraktem. Und diese Abstraktheit lässt viele Menschen auch ihr eigenes Verhältnis zur Natur, und was es damit auf sich hat, vergessen.

Foto: (c) Lukas Unger

Foto: (c) Lukas Unger

Doch was sagen Experten zur Natur-Entfremdung? Hierbei dürfe man keine vorschnellen Schlüsse ziehen, meint Biologe Rainer Brämer. Die Natur sei den Menschen früher noch fremder gewesen, als in Zeiten einer „überwiegend selbstgeformten Hochkulturnation“. Zum Beispiel in der industriellen Revolution, in der zugunsten der Kohle- und Eisengewinnung viele Wälder abgeholzt wurden. Noch früher war die Natur der lebensbedrohliche Feind, den es zu besiegen galt. Mit der Zeit und fortschreitender Zivilisation hat der Mensch sich quasi zum Natur-Beherrscher erhoben und sich sein eigenes „Innen“ erschaffen, dass er gegen das „Außen“, die Willkürlichkeit der Natur, absichert.

Doch hat sich der Mensch nicht, indem er sich von dieser Willkürlichkeit abgegrenzt hat, immer mehr von der Natur entfremdet? Wie kann sich der Mensch überhaupt von etwas entfremden, dessen Teil, bzw. Untermenge er darstellt?

Ich denke, also bin ich
Evolution hat es immer gegeben und damit ständige Veränderung – das ist nun mal der Lauf der Dinge. Und dem Kulturpessimismus zu verfallen und zu sagen: „Früher war alles besser“, hilft auch nicht weiter, denn das stimmt so nicht. In den 60er-Jahren etwa hat sich noch niemand um Naturschutz geschert.

Dennoch bin ich gegen das in der Wirtschaft oft anzutreffende „short-term-thinking“, das Erzielen von raschem Profit, ohne über die paar Jahre, die für den einzelnen Menschen relevant sind, hinaus zu denken. Keine andere Spezies auf der Erde hat es geschafft, dermaßen übermächtig zu werden und in einen sich üblicherweise selbstregulierenden Kreislauf einzugreifen, wie das Säugetier Mensch. Hier liegt auch die Gefahr, dass Technik-, Wirtschafts- und Fortschrittsdenken zulasten der Natur überborden, was uns wiederum selbst schadet. Das eine kann ohne das andere nicht existieren, wir sind ein Teil der Natur und von ihr abhängig – dieses Wechselspiel sollte man sich im Hinterkopf behalten.

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Vor Ort kann er noch bis 29. Oktober 2017 diskutiert werden. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Lukas Unger

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