eSports: Emanzipation vor dem Bildschirm

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Das professionelle Videospielen gewann in den letzten Jahren enorm an Popularität. In der männlich dominierten Szene fassen auch Frauen langsam Fuß. Dabei sind sie nicht nur durchaus erfolgreich, sondern auch mit Sexismus konfrontiert.

Ein gefülltes Stadion, ein Gewusel auf den Bildschirmen. Die Menge verharrt in angespannter Stille. Die Kommentatoren erheben ihre Stimme und mit ihnen beginnt das Publikum zu toben. Der Grund dafür ist weder ein Tor von David Alaba, noch ein Knockout von Wladimir Klitschko. Zentral im Stadion sitzen junge Männer mit Headsets ausgerüstet vor ihrem PC, klicken wild um sich und hämmern auf ihre Tastaturen ein. Sie liefern sich ein Duell in einem Videospiel. In einem Videospiel?

Es handelt sich um ein eSports-Tunier, bei dem professionelle Spieler aus der ganzen Welt gegeneinander antreten. Die Szene hat eine Entwicklung von einem nerdigen Randphänomen zu einer ernstzunehmenden Disziplin durchgemacht: Die Zuschauerzahlen wachsen genauso wie die ganze eSports-Branche beständig. 131 Millionen Menschen weltweit schauen mehr als einmal im Monat eSports-Turniere, wie eine Studie von Newzoo belegt. Die Erträge im Jahr 2016 werden auf 463 Millionen Dollar geschätzt. Das führt auch dazu, dass sich auch die Preisgelder erhöhen.

Insgesamt 20 Millionen Dollar, davon über 9 Millionen für das erstplatzierte fünfköpfige Team, wurden bei dem diesjährigen Turnier „The International“ verlost. Damit wurde ein neuer Rekord an möglichem Gewinn aufgestellt. Bei dem Wettkampf wurde Dota 2 gespielt, das neben League of Legends und Counter Strike: Global Offensive zu den beliebtesten Titeln zählt. Bei diesen und vielen anderen Spielen, für die Turniere veranstaltet werden, kämpfen nicht Einzelpersonen, sondern zwei Teams um den Sieg. Aufgrund der hohen Preisgelder haben manche Spieler das professionelle Videospielen zu ihrem Beruf auserkoren und können damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Von einem Moment auf den anderen wird der Sieg in der virtuellen Welt real. Vor wenigen Minuten in das Spiel vertieft, finden sich die Gewinner plötzlich mit einer Trophäe in der Hand und einem Mikrofon vor dem Mund wieder. Weder unter den Siegern, noch unter den anderen Teilnehmern war heute eine Frau.

Interessieren sich Frauen für Videospiele?
„Für Frauen ist es in der eSports-Welt schwieriger“, sagt eine Spielerin, die das Pseudonym Mid0na verwendet. Sie hat im Jahr 2015 mit ihrem Team im Spiel League of Legends das internationale Turnier „eSports World Convention“ in der Frauenliga gewonnen.  „Nur wenige Frauen spielen auf einem hohen Level. Die Leute denken, dass Videospiele von Männern dominiert sind“. 45 Prozent aller Gamer in Europa seien aber laut einer Studie von ISFE Frauen. Im Vergleich dazu ist der Anteil an Spielerinnen, die größere und prestigeträchtige Profi-Turniere gewinnen, an ihnen teilnehmen oder von eSports leben können sehr gering.

„Vielleicht liegt es an den Spielen, mit denen eSports betrieben wird. Auf der einen Seite mögen nicht alle Frauen Spiele wie den Ego-Shooter Counter Strike. Auf der anderen Seite sind auch nicht alle Frauen daran interessiert Turniere zu spielen“, sagt eSports-Spezialistin Ana Oliveras Daví. Seit 20 Jahren ist sie in der eSports-Branche beheimatet und spielt auch selbst unter dem Namen „aNouC“. Bloßes Desinteresse mancher Frauen an eSports ist aber nicht der einzige Grund für die niedrigere Beteiligung. „Es passiert viel unbegründete Diskriminierung“, beklagt Ana Oliveras Daví.

Banale Vorurteile und Hass im Netz
Ständige Diskriminierung online sowie offline führe laut Anykey dazu, dass sich Frauen aus der Branche zurückziehen. Die Organisation Anykey setzt sich für eine faire Gaming-Community ein – mit einem Fokus auf Gamerinnen. Diskriminierung  konzentriere sich meist auf Social-Media, Community-Plattformen und Seiten, auf denen Wettkämpfe live übertragen werden. Viele Organisationen würden ihre Websites und Channel nicht moderieren, wodurch Hasspostings ohne Einschränkungen möglich sind. Außerdem wäre Publicity ein wichtiger Faktor für professionelle Gamerinnen. Als öffentliche Personen erhöhe sich die Frequenz an Schikanierung.

„Der Großteil der Diskriminierung passiert online. Alles was online geschrieben wird, tut genauso weh und ist genauso gefährlich, als würde es in der realen Welt gesagt werden.“, mahnt Ana Oliveras Daví. Kann ein virtueller Sieg in der Realität also emotionale Höhenflüge garantieren, unterscheidet sich die Diskriminierung im Netz nur in ihrer Ausführung von ihrem realen Gegenstück.

Der Hass basiert oftmals auf relativ banalen Vorstellungen. „Vorurteile, die in der Videospiel-Szene existieren, werden auch auf eSports übertragen. Beispielsweise, dass Frauen nicht gut spielen können oder Hilfe von Männern benötigen“, erklärt Mid0na. Sie und ihre Wettkampfleistung wurden immer wieder kritisiert, weil sie eine Frau ist. „Leider bedienen manche Frauen auch die existierenden Klischees“, erzählt sie weiter. Einige Spielerinnen, die Online-Wettkämpfe live übertragen, an denen sie teilnehmen, würden im Stream ein tiefes Dekolleté zeigen und dabei nicht gut spielen. Das treibe zwar schnell die Zuschauerzahl in die Höhe, sei aber kontraproduktiv. Das Streamen der eigenen spielerischen Leistung in Echtzeit ist weit verbreitet.

„Ich habe natürlich auch positives Feedback erhalten“, fügt Mid0na hinzu. Grundsätzlich sei es aber schwieriger als Frau im Testosteron-geprägten Umfeld des eSports ernst genommen zu werden.

Turnierstruktur bietet Möglichkeiten
Gleiche Chancen existieren zumindest auf dem Papier. „Wir behandeln unsere Athleten gleich, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung“, bekräftigt Grégoire Pascal, Pressesprecher vom Turnierveranstalter „eSports World Convention“. Die meisten Wettkampf-Veranstalter stellen sich mit Regelungen gegen Diskriminierung von Frauen.

Anders als in den klassischen Sport-Disziplinen gibt es bei einem Großteil der Wettkämpfe keine Trennung zwischen den Geschlechtern. Um Frauen den Einstieg in das professionelle Gaming zu erleichtern, werden reine Frauen-Turniere veranstaltet. „Die Turniere sollen Bewegung in die weibliche eSports-Szene bringen. Unser Ziel ist es aber Frauenturniere zu veranstalten, damit wir eines Tages keine Frauenturniere mehr brauchen“, so Grégoire Pascal. Im Endeffekt sollten Frauen bei den prestigeträchtigen, von Männern dominierten Turnieren bessere Chancen haben.

Mid0na sieht Frauen-Turniere positiv, weiß aber um deren kontroverse Rolle: Sie böten die Möglichkeit, dass Athletinnen Erfahrung sammeln und in der Szene präsent sind. Umgekehrt komme aber oftmals die Behauptung auf, Frauen bräuchten ihr eigenes Turnier, weil sie nicht gut genug spielen würden. „Wenn Spielerinnen an Frauen-Tunieren teilnehmen, wird das negativ angesehen. Wenn sie bei normalen Turnieren verlieren, ist das noch schlimmer“, kritisiert Ana Oliveras Daví. Es wäre aber immerhin einigen Gamerinnen schon gelungen an den weltweit wichtigsten Wettkämpfen teilzunehmen. Außerdem gäbe es heute immer mehr professionelle Spielerinnen, die damit auch Geld verdienen.

„Die wichtigste Herausforderung ist eine integrative Community.“
Eine wichtige Rolle käme solchen professionellen Spielerinnen zu, die als Vorbild fungieren können, so Mid0na. Auch Anykey unterstreicht, dass es wichtig sei die Vorbilder für Spielerinnen sichtbar zu machen. „Das motiviert Frauen in die eSports-Welt einzutauchen.“, erzählt Mid0na. „Nachdem ich 2015 mit meinem Team ein internationales Turnier gewonnen habe, haben mich viele Frauen über Social Media gefragt, ob sie Teil meines Teams werden könnten“.

Anykey sieht auch im sozialen Umfeld, bestehend aus anderen Spielern und Spielerinnen, einen großen Gewinn. Gamerinnen wüssten oftmals nicht, wie sie mit anderen Athletinnen in Kontakt kommen könnten. Zusammen könne man vor allem besser mit Diskriminierung umgehen. Auch das gemeinsame Spielen in Teams mit Männern könnte der Schlüssel zu einer erfolgreichen Teilnahme an den männlich dominierten Profi-Meisterschaften sein. Männliche Kollegen könnten außerdem Verhaltensnormen in Communities fördern. „Ich bin sicher, dass viele Frauen weiterhin Videospiele spielen, weil sie Unterstützung gefunden und das Gefühl haben, Teil von einem großen Ganzen zu sein“, so Ana Oliveras Daví.

Solche Maßnahmen könnten positive Entwicklungen für die Zukunft bringen. Mid0na ist optimistisch: „Ich bin der Meinung, dass die Spielerinnenzahl in Zukunft wachsen wird. Es ist aber schwer zu sagen, welche Spiele das betreffen wird“. Grégoire Pascal von „eSports World Convention“ ordnet eine solche Entwicklung in einen größeren Kontext ein: „Probleme, mit denen Frauen in eSports konfrontiert sind, existieren auch auf weiteren Ebenen: Im Internet und allgemein in der Gesellschaft. Im Moment hat man es als Frau in einem männlich dominierten Sport oder einer männlich dominierten Industrie schwer. Die wichtigste Herausforderung ist eine integrative Community.

Titelbild: (c) Hara Amorós


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