Tibet: Nyima Lhamo gegen chinesische Behörden

Nyima Lhamo

In Europa versucht eine junge Tibeterin durch internationale Unterstützung Druck auf die chinesische Regierung auszuüben. Sie ist überzeugt, dass ihr Onkel in Haft gefoltert und ermordet wurde. Die Chronik ihrer Geschichte.

Die 26-jährige Tibeterin Nyima Lhamo kam vergangenen Juli nach Europa, um die Geschichte ihres Onkels Tenzin Telek Rinpoche an die Öffentlichkeit zu bringen. Ihrer Ansicht nach wurde er in chinesischer Haft vergiftet. Seine Angehörigen erhielten keinerlei medizinische Unterlagen oder Beweise, die auf einen natürlichen Tod hinweisen würden. Nachdem Lhamo und ihre Familie Nachforschungen anstellten, um die Wahrheit über ihren Verwandten zu erfahren, seien die junge Frau und ihre Mutter von chinesischen Behörden verhaftet worden. Diese Ereignisse seien laut Lhamo kein Einzelfall, weshalb ihr ihre Botschaft umso wichtiger ist.

Tenzin Telek Rinpoche war ein angesehener tibetischer Mönch. 1950 in dem Ort Litang in der heutigen chinesischen Provinz Sichuan geboren, setzte er sich für die Erhaltung der tibetischen Kultur ein und unterrichtete die Lehren des Buddhismus. Er spielte eine bedeutende Rolle im Ausbau schulischer, medizinischer und religiöser Einrichtungen. In den 1980ern folgte er dem Dalai Lama nach Indien, um bei ihm zu studieren. Nach einigen Jahren des Studiums kehrte er nach Litang zurück und setzte sich dort weiter für Mensch und Umwelt ein. So protestierte er beispielweise gegen die großflächige Abholzung der Wälder und die Ausbeutung der Bodenschätze in Osttibet.

Am 7. April 2002 wurde er von chinesischen Behörden verhaftet und in ein Gefängnis in Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, gebracht. Die chinesische Botschaft in Wien sagte gegenüber mokant.at aus, Rinpoche habe zu fünf Bombenanschläge angestiftet, die zu einem Todesopfer, einem Schwerverletzten und zehn Leichtverletzten geführt hätten. Außerdem beschuldigte man ihn des illegalen Waffenbesitzes und separatistischer Aktivitäten. Die ursprünglich verhängte Todesstrafe wurde später in eine lebenslängliche Haft umgewandelt.

Misshandlung im Gefängnis
Im Gefängnis sei ihr Onkel schwer misshandelt worden, erzählt seine Nichte Lhamo im Interview mit mokant.at. Laut der International Society for Human Rights (ISHR) ist systematische Folter in chinesischen Gefängnissen keine Ausnahme, obwohl sie offiziell verboten ist. Die Opfer gehören oft ethnischen Minderheiten an, wie etwa Uiguren und Tibeter, aber auch Menschenrechtsaktivisten und religiöse Gruppen sind betroffen. Am weitesten verbreitet sind Elektroschocks, wie auch sexualisierte Folter in Gefangenenlagern.

Die Familie Rinpoches erhielt am 12. Juli 2015 die Nachricht, dass er an einem Herzinfarkt gestorben sei. Sie glauben aber nicht an den natürlichen Tod ihres Onkels. Er befand sich zwar in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, allerdings wurden ihnen keinerlei medizinische Unterlagen ausgehändigt. Auch die fünfzehntägige Aufbahrung des Toten nach chinesischem Gesetz hielten die Behörden nicht ein. Sie verbrannten die Leiche, ohne den Angehörigen die Asche zu übergeben.

Die chinesische Botschaft bestätigt auf Nachfrage, dass Tenzin Telek Rinpoche am 12. Juli „nach erfolgloser Rettung an plötzlichem Herztod verstorben ist“. Während der Haft würde jedoch sein legitimes Recht bewahrt worden sein.

 

Interview

(c) Lobsang Gyalpo

Vor der Verbrennung hatten Lhamos Mutter und einige Mönche die Gelegenheit Rinpoche zu sehen. Seit diesem Besuch sind sie überzeugt, dass er vergiftet wurde. Als sie ihn aufsuchten, waren die Fingernägel und die Lippen des Verstorbenen schwarz verfärbt. Lhamo konnte ihren Onkel erst später besuchen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits vollständig in Leinen gewickelt, aber auch sie sah seine schwarzen Lippen. Dass man der Familie keine medizinischen Unterlagen ausgehändigte und ihnen den Leichnam nicht übergab, seien zusätzliche Anzeichen für den Mord an ihrem Onkel, ist die 26-Jährige überzeugt.

Ein Wiener Toxikologe, der nicht namentlich genannt werden möchte, stellte jedoch klar, dass schwarze Lippen und Fingernägel kein eindeutiges Zeichen für eine Vergiftung sind. Er erklärt, dass Fingernägel und Lippen auch blutunterlaufen sein können und sich das Blut nach dem Tod schwarz verfärbt.

Lhamo und ihre Mutter in Haft
Nach dem Tod ihres Onkels protestierten Lhamo und zwei ihrer Angehörigen vor dem Gefängnis und beschuldigten die chinesischen Gefängnisbehörden des Mordes an ihrem Verwandten. Daraufhin seien sie und ihre Mutter selbst für achtzehn Tage inhaftiert worden, erzählt sie. Um wieder freizukommen, sollten die Frauen ein Dokument unterzeichnen. Da es auf Chinesisch war konnten es die beiden nicht verstehen, denn ihre Muttersprache ist Tibetisch. „Er ist nicht nur unser Verwandter, sondern ein Vorbild für so viele Menschen. Wir hätten es auf keinen Fall unterschrieben“, sagt Lhamo im Interview.

Schlussendlich schafften sie es unter drei Bedingungen doch in die Freiheit. Es sei ihnen vonseiten der chinesischen Behörden verboten, das Gefängnis noch einmal in der Öffentlichkeit des Mordes zu bezichtigen. Vor allem außerhalb Chinas dürfe kein Wort darüber verloren werden. Außerdem sei es ihnen nicht erlaubt sich noch einmal dem Gefängnis zu nähern, um ihre Vorwürfe zu propagieren. Sollten sie diese Bedingungen nicht erfüllen, würden sie und ihre Angehörigen sehr leiden.

Nicht nur der Familie drohte man, sondern auch den Menschen aus der Region Rinpoches. Rituelle Handlungen für den Verstorbenen seien ausnahmslos untersagt, sowie Bilder und Denkmäler in seinem Namen. Chinas Behörden würden dadurch totale Kontrolle über die Region ausüben, betont Lhamo.

Gefahr für Lhamos Tochter
Im Juli 2015 floh Lhamo von Litang nach Dharamsala in Indien und erzählte dort auf einer Pressekonferenz die Geschichte ihres verstorbenen Onkels. Rund ein Jahr später kam sie nach Europa und hofft nun auf internationale Unterstützung, um die Todesursache ihres Onkels zu klären. In Wien und Genf sprach sie vor Vertretern der UNHRC. Diese drückten ihre Solidarität aus, konkrete Hilfe gab es aber bislang nicht.

Der jungen Frau liegt nicht nur der Fall ihres Onkels am Herzen. Sie möchte der Inhaftierung Unschuldiger und der Folter in Chinas Gefängnissen ein Ende setzen. Dies sei nur durch internationalen Druck möglich. Ihr ist bewusst, in welch gefährliche Lage sie sich, ihre Familie und vor allem ihre sechsjährige Tochter mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit bringt.

Titelbild: (c) Lobsang Gyalpo


Passend dazu…

Blase_rotHat dir dieser Artikel gefallen? Jetzt kannst du Supporter werden und damit unabhängigen Journalismus fördern! Wenn du über unsere neuen Artikel informiert werden willst, kannst du dich hier zu unserer Dienstagspost anmelden.

Agnes J. Kugler studiert Kultur- und Sozialanthropologie. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie auf ihrem Fahrrad Gustav oder in der Bibliothek. Seit Jänner 2015 ist sie als Redakteurin bei mokant.at tätig. Kontakt: agnes.kugler[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.