Schweigepflicht: Bitte nicht weitersagen! (2)

Wann macht die Schweigepflicht von Ärzten, Priestern und Therapeuten Sinn? Wann nicht? mokant.at entwarf ein fiktives Szenario und hat bei Verantwortlichen nachgefragt.

Frau Müller ist aber nicht davon überzeugt, dass Bernd seine Aussagen in die Tat umsetzen wird. Sie rät ihm daher, regelmäßig zu ihr zu kommen und empfiehlt ihm auch einen Psychiater, der die Möglichkeit hat, ihm Medikamente zu verschreiben.

Eine verhängnisvolle Abwägung
Bernd sucht den Psychiater Dr. Gruber auf. Auch ihm erzählt er von den Gefühlen gegenüber seinen Mitschülern. Für Dr. Gruber gilt die ärztliche Schweigepflicht. Im Ärztegesetz ist definiert, in welchen Fällen ein Arzt von der Schweigepflicht entbunden ist. Dies ist unter anderem der Fall, wenn „die Offenbarung des Geheimnisses nach Art und Inhalt zum Schutz höherwertiger Interessen der öffentlichen Gesundheitspflege oder der Rechtspflege unbedingt erforderlich ist.“ Ob das gegeben ist, muss im Einzelfall geprüft werden. Es besteht jedoch nicht die Pflicht den Verdacht zu melden. „In solchen Fällen darf sich der Arzt ausnahmsweise über das Berufsgeheimnis hinwegsetzen, muss es aber nicht“, erklärt Felix Wallner von der Ärztekammer Oberösterreich. Der Bruch mit der Schweigepflicht sei in diesem Fall immer nur das letzte Mittel. Kann die Gefahr durch die Einhaltung von ärztlich vorgeschlagenen Verhaltensregeln oder durch therapeutische Maßnahmen (zum Beispiel Medikation) beherrscht werden und hat der Arzt keine Hinweise darauf, dass sich der Patient nicht an die therapeutischen Vorschläge hält, darf er sich nicht über die Schweigepflicht hinwegsetzen.

Über den Zweck der Schweigepflicht erfahren wir von der Österreichischen Ärztekammer: „Der Patient muss darauf vertrauen können, dass er seinem Behandler alle Geheimnisse anvertrauen kann. Die ärztliche Schweigepflicht ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.“ Würden sich für den Arzt jedoch klare Hinweise ergeben, dass ein Patient die Begehung einer Straftat beabsichtige, sei er verpflichtet, die Sicherheitsbehörden zu informieren. Diese Verpflichtung gelte aber nicht nur für Ärzte, sondern für jeden, so Wallner.

Zurück zu unserem fiktiven Fall: Dr. Gruber denkt, dass Bernds Probleme mit der Psychotherapie und Medikamenten in den Griff zu bekommen sei. Das ist allerdings ein Fehler, wie sich später herausstellt. Denn trotz der ganzen Behandlungen und der Psychotherapie bringt Bernd unbeobachtet einen Mitschüler um.

Absolution durch die Kirche?
Bernd ist katholisch. Aus einem inneren Impuls heraus beschließt er, sich einem Beichtpfarrer anzuvertrauen und um Vergebung für seine Tat zu bitten. Bernd weiß, dass ein Priester unter dem Beichtgeheimnis steht und niemandem davon erzählen darf, was er ihm beichtet. Der Pfarrer dürfte nicht einmal dann Aussagen, wenn Bernd ihn von seiner Pflicht zu schweigen entbinden würde. Das sagt uns Walter Mick, Ordinariatskanzler der Erzdiözese Wien. Nicht einmal der Papst könne den Priester von seiner Pflicht zu Schweigen befreien, so Mick. „Nicht unter das Beichtgeheimnis fällt das Wissen, das außerhalb des Bußsakraments, in einem seelsorglichen Gespräch erworben wurde.“ Würde Bernd also ein normales Gespräch mit dem Pfarrer führen, bestünde keine Verschwiegenheitspflicht für diesen. Bernd entscheidet sich aber bewusst dazu, die kriminelle Tat zu beichten und so kann der Priester ihn höchstens bitten, sich bei der Polizei zu melden und die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen.

Am Nachmittag hat Bernd einen Termin bei seinem Psychiater und erzählt ihm, was er getan hat. Dr. Gruber ist nun dazu verpflichtet Bernd anzuzeigen, denn „ergibt sich für den Arzt der Verdacht einer strafbaren schweren Körperverletzung oder Tötung, hat er die Sicherheitsbehörden zu informieren“, so Wallner.

Artikel von Maren Häußermann und Barbara Bürscher

Titelbild: (c) Barbara Bürscher


Seite 1 / Seite 2


Passend dazu…

 

Blase_rot-150x150Hat dir dieser Artikel gefallen? Jetzt kannst du Supporter werden und damit unabhängigen Journalismus fördern!

Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.