Naturschutz: Der Kampf mit der Laus

(c) Katharina Egg

Ich habe das getan, was ich nie tun wollte. Ich habe ein chemisches Schädlingsbekämpfungsmittel verwendet. Ein Text über Pestizide und den Kampf mit dem Gewissen.

1030 Wien. Stadtdschungel im Diplomatenviertel. Ganz oben in einem 60er-Jahre-Bau ist ein schmaler Balkon. Ein Tisch und zwei Sessel gehen sich gerade aus – aber nur nebeneinander an der Hauswand, sonst kommt niemand mehr vorbei. Der Balkon ist ein extremer Lebensraum für Pflanzen und Tiere, weil er fast vollständig vom Menschen abhängig ist. Trotzdem ist es gerade hier möglich, Natur in die Stadt zu bringen, sich ihr (wieder) anzunähern und dabei den Bildschirm in der Wohnung kurz zu vergessen. Ganz einfach und ohne viel Vorkenntnis habe ich hier nach dem Prinzip learning by doing in den letzten drei Jahren sechs Quadratmeter Stadtgarten kreiert. So viel und gleichzeitig wenig Fläche für Blumen, Kräuter, Beeren, Tomaten – für ein kleines bisschen (Topf)-Natur.

Mit so einem Vorhaben bin ich nicht die Einzige: Bio-Gemüse direkt vor der Tür steht für den Geist unserer Zeit, in der sich jeder nach Selbstversorgung und Unabhängigkeit von der globalisierten Welt sehnt. Also habe ich meinen kleinen (halben) Selbstversorger-Balkon und weiß ganz genau, wie meine Tomaten und Erdbeeren entstanden sind. Hier am kleinen Stadtbalkon trifft Landleben auf Urbanität.

Der Feind rückt an
Dass es da oben im sechsten Stock blüht, hat sich mittlerweile auch bei den Wiener Stadtbienen und anderen Insekten herumgesprochen, jedes Jahr fliegen mehr vorbei und bestäuben die Blumen und Nutzpflanzen. Eine kleine Naturwiese mit einer Blumen- und Kräutersamenmischung habe ich auch angelegt. Denn auch wenn die Pflanzenwelt hier oben hauptsächlich vom Menschen abhängig ist, fliegende Lebewesen können selbstständig den Balkon erreichen, und gerade für bedrohte Bienen- und Schmetterlingsarten sind diese Pflanzen lebenswichtig.

Doch es kommen auch die auf den Balkon, die sich niemand wünscht. Die kleinen Tiere, die das Grün aus meinen Pflanzen saugen und ihnen die Stängel abbeißen: Spinnmilben und Blattläuse. Am Anfang habe ich sie noch getrost wegignoriert. Schließlich regelt es die Natur auch so von selbst, und im schlimmsten Fall sammle ich – wie im letzten Jahr – wieder ein paar Marienkäfer ein und lasse sie auf meinem Balkon Blattläuse verspeisen. Doch es werden immer mehr, und ich schaffe es auch mit altbewährten Hausmitteln nicht, die Insekten zu verjagen.

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Foto aus dem Instagram-Kanal der Autorin: „Rettung naht“

Im Topf mit dem Rucola und im Naturwiesen-Blumenkasten krabbelt es ununterbrochen und die Tierchen breiten sich über die gesamte Fläche aus. Ich bin verzweifelt. Meine Pflanzen, die ich mit Liebe betreut habe, verlieren ihre Stärke. Die Hoffnungslosigkeit bringt mich auf den Gedanken, vielleicht doch ein chemisches Spritzmittel zu verwenden – der Einfachheit halber. Aber das widerspricht meinen Prinzipien.

Chemische Waffen und Gewissenskämpfe
Ich kaufe gerne bio, halte nicht viel von Monokultur und bin der Überzeugung, dass der Einsatz von Pestiziden und Gentechnik in der Landwirtschaft Natur und Mensch gleichermaßen schadet. Pestizidexperte Dominik Linhard von GLOBAL2000 stimmt dem zu: „Pflanzenschutzmittel haben nicht nur negative Auswirkungen auf den Schadorganismus, sondern auch auf Nicht-Zielorganismen, also andere Lebewesen werden dadurch auch geschädigt. Und zusätzlich reichert sich das Gift in der Natur an, also der Boden wird kontaminiert, es kommt in die Luft, ins Gewässer.“ Dass das für große landwirtschaftliche Flächen nicht zielführend ist, ist mir klar.

Aber hier geht es doch nur um einen kleinen Stadtbalkon, ein paar Pflanzen und keinen großen Garten, versuche ich mein Gewissen zu beruhigen und gehe entschlossen zu dem kleinen Greißler am Eck. Der Verkäufer bestätigt mir, dass dieses Jahr mehr Menschen als sonst nach Spritzmittel für den Balkon fragen. Schädlinge lieben Trockenheit und Hitze, dieser Frühling bietet also beste Bedingungen. Darin bestätigt, dass ich mit dem Problem nicht alleine dastehe, kaufe ich ein synthetisches Pflanzenschutzmittel, das von den Blättern der Pflanzen aufgenommen wird und dann über den Saft in den ganzen Organismus verteilt wird. Ein sogenanntes systemisches Spritzmittel, das für den Privatgebrauch häufig verkauft wird. Also: Ich habe das getan, was ich nie tun wollte. Ich habe Blattläuse und Spinnmilben mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel getötet. Deswegen fühle ich mich sehr schlecht.

Denn mein gutes Gewissen erinnert mich an meine Prinzipien, an Nachhaltigkeit und Naturschutz. Und daran, dass ich niemanden etwas vorwerfe, was ich selbst auch mache. Wie schnell ich selbst auf die bequemere Art und auf chemische Waffen zurückgreife, nur weil ich etwas nicht unter Kontrolle bekomme, ist erschreckend.

Der natürliche Kreislauf ist die beste Waffe
Aber wie machen das Bio-Bauern auf großen Flächen, wenn ich es nicht einmal auf sechs Quadratmetern schaffe? „Man muss auch manchmal Kompromisse eingehen. Ich schaffe es auch nicht immer so, wie ich es mir wünsche“, sagt Joel Hesch, Biobauer und Leiter des Vereins Permakultur im Burgenland – und beruhigt damit meine Herangehensweise. Wenn viele Schädlinge da sind, sei irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten und das müsse man wiederherstellen.

Jetzt könnte man argumentieren, dass es auf einer größeren Fläche einfacher ist, einen Naturkreislauf herzustellen, der sich selbst am Leben hält. „Das ist klar, weil das Gleichgewicht auch leichter auseinanderkommen kann“, sagt Linhard. Aber deswegen solle man sich nicht abschrecken lassen, es zu probieren: „Artenvielfalt kann man auch auf kleiner Fläche fördern.“

Und den Biobauern frage ich, ob er nicht auch schon einmal verzweifelt sei und dann zu einem chemischen Hilfsmittel gegriffen hat. „Wenn ich spritz, dann nur mit dem Wasserschlauch“, antwortet er. Also nein. Denn so wie auch das Leben der Menschen, ist der Naturkreislauf nicht in Gut und Böse zu unterteilen. Schädlinge sind immerhin Nahrung für viele Nützlinge, bestätigt auch der GLOBAL2000-Experte. Ich muss ein paar Schädlinge tolerieren, um Nützlinge anzulocken, um das natürliche Gleichgewicht in Gang zu bringen.

Also Biobauer Joel ist jetzt mein Vorbild und das Spritzmittel hätte ich mir sparen können. Aber nächstes Jahr, nächstes Jahr mache ich dann alles besser. Ich werde auf Chemie vom kleinen Greißler am Eck verzichten und in Ruhe meinen kleinen Naturkreislauf beobachten. Ganz nebenbei wird dann auch noch die Umwelt, die Stadt und auch unser Leben grüner. Aber jetzt genieße ich erstmal die letzte Ernte vom diesjährigen Ertrag – vom fast biologischen Stadtbalkon.

Dieser Artikel entstand für die Ausstellung Natur in Menschenhand? Über Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen im Universalmuseum Joanneum in Graz. Vor Ort kann er noch bis 29. Oktober 2017 diskutiert werden. Weitere Texte dazu gibt es hier.

Titelbild: (c) Katharina Egg


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Katharina Egg leitete zwei Jahre lang das Ressort Politik. Jetzt ist sie als außerordentliche Redakteurin bei mokant.at tätig und untersucht als Publizistik-Studentin Wirkungen Sozialer Netzwerke auf Politische Kommunikation. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

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