Blog: Redaktionsgeflüster

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mokant.at trifft sich in den nächsten fünf Tagen an einem fixen Standort. Schreibtischeinzeltäter diskutieren, recherchieren und schreiben in großer Runde. Die Idee: arbeiten wie die Redaktion einer Tages- oder Wochenzeitung. Hier geben Redakteure Einblicke in eine ungewohnte Arbeitswoche

(c) Dominik Knapp

(c) Dominik Knapp

Donnerstag, 01.09.2016 von Elisa Leclerc
Man könnte fast meinen, dass das Sprichwort Morgenstund hat Gold im Mund zum Leitsatz von Mokant geworden ist:  Um halb zehn trudeln die ersten motivierten, vielleicht auch noch ein bisschen schlaftrunkenen, Redakteure und Redakteurinnen ein, eine Stunde später sind wir bereits eine Gruppe von zehn. Mit aufgeklappten Laptops, Kaffee, Notizblöcken und Schreiblust werden Stipendien und Artikelideen diskutiert, die Augen werden groß bei den Möglichkeiten, die sich plötzlich eröffnen. Oder etwa doch nicht? Für viele Stipendien ist die Frist bereits abgelaufen, doch davon lässt sich in der Redaktion niemand entmutigen: Man macht das Beste aus dem, was einem zur Verfügung steht – und bewirbt sich im schlimmsten Fall halt erst fürs nächste Jahr, Ideen haben schließlich kein Verfallsdatum.

Inspiration gibt es zu Genüge, aber auch wir müssen uns eingestehen, dass kreative Ideen im modernen Zeitalter manchmal eben doch nicht ausreichend sind. ,,Hängt das Internet bei euch auch schon wieder?’’ – ein Satz, der stündlich fällt, meist begleitet von einem genervten Seufzen und Augenverdrehen.  Zehn Menschen, die sich alle zum gleichen Zeitpunkt auf die diversen Nachrichtenportale dieser Welt stürzen – für den Internetcube anscheinend ein kräftezerrender Ausnahmefall.

Gegen Mittag wendet sich jeder seiner Aufgabe zu – Burkaverbot, Sea-Watch, lügende Politiker – doch das Kaeshmaesh ist nicht der einzige Ort, an dem sich verausgabt wird: Michel eilt kurz vor zwölf zum Landesgericht Wien, um den Prozess wegen ,,schwerer gemeinschaftlicher Gewalt’’ bei der Demo gegen den Akademikerball im Jänner 2014 mitzuverfolgen. Im Kaeshmaesh läuft es vergleichsweise gemütlich zu: Gestärkt von Keksen, Trauben und Wurstsemmeln bahnen sich die ersten Artikel an, das Tippen der Tasten wird immer lauter. Wäre die Pop-Up Redaktion ein Cartoon, so würde man uns wohl mit rauchenden Köpfen darstellen, mit Glühbirnen, die neben uns erleuchten würden, ein Geistesblitz nach dem anderen.

(c) Maren Häußermann

(c) Maren Häußermann

Mittwoch, 31.08.2016 von Sarah Hartl
Dritter Tag. Wir arbeiten an einem Lügenbarometer über die beiden Bundespräsidentschaftskandidaten. Sollte man sich ja nochmal in Erinnerung rufen, so kurz vor der zweiten, nein, eigentlich dritten Wahl. Keine große Sache, sollte in ein paar Stunden fertig sein, kann heute noch online gehen.

Es wird Mittag, zu schreiben haben wir immer noch nicht begonnen. Die Fakten müssen noch geprüft werden. Ein paar Stunden später: Fast fertig. Doch dann – die Hälfte des Artikels zerbröselt vor unseren Augen, die Quelle war nicht vertrauenswürdig, das wird wohl nichts mehr heute..

So ganz nach Plan läuft sowieso nichts, die eine Hälfte von uns kommt spät, die andere geht früh, der Kaffee schmeckt bitter und die Chefredakteurin ist krank. Trotzdem bringen wir eine ordentliche Themensammlung für die folgenden Tage zustande: Unter anderem Journalismus und Algorithmen auf Facebook, Politiker als Popstars, Donald Trump und Mexiko, Nacktheit in der Kunst.

Am Nachmittag knistert die Produktivität wieder im Raum, den Bobcat von gestern hört niemand mehr. Erstaunlich, was man in so kurzer Zeit durch intensives Arbeiten alles zustande bringt. Nicht immer muss alles nach Plan laufen, manchmal befeuert ein gewisses Maß an Chaos auch die Kreativität. Und auf einmal schreibt es sich wieder ganz leicht. Morgen wird der Artikel dann auch fertig sein, ganz bestimmt.

Dienstag, 30.08.2016 von Markus Füxl
Da ist er wieder. Immer von neuem wirft er an, brummt, röhrt und zeigt was er kann. Und das in aller Herrgottsfrüh (10:45 Uhr). Davids Bobcat von gestern hat das Highspeed-Internet offenbar noch nicht fertig verlegt. Bräuchten wir eigentlich auch gar nicht, denn ab heute gibt es Internet aus dem „Cube“. Und das funktioniert bis auf kleine Unterbrechungen tadellos. Tag Zwei kann beginnen.

Heute stehen unter anderem Angela Merkel, der Wasserverbrauch in Österreich und der restlichen Welt, lügende Politiker und ertrinkende Flüchtlinge an der Tagesordnung. Alle tippen emsig, ab und zu macht sich ein stilles „Heureka“ ob einer besonders spannenden/exklusiven/neuen Information auf den Gesichtern breit. Ich arbeite an einem Artikel über die Folgen des Brexit und was junge Engländer dazu sagen. Gleichzeitig soll bis morgen noch ein Artikel über stille Helden, die in ihrer Freizeit Menschen vor dem Ertrinken retten, fertig werden. Wer auf den bescheuerten Spruch: „Gut Ding braucht Weile“ gekommen ist, hat wohl nie in einer Onlineredaktion gearbeitet…

Ein paar Stunden und mehrere Kannen Kaffee später: Mittlerweile sind wir nur noch zu zweit. Das erste Bier wird geköpft, Erholung muss sein. Die interessierten Blicke der Passanten werden gekonnt ignoriert. Ja, ich trinke vor 17 Uhr mein Feierabendbier, noch während der Arbeit. Inspiration kommt schließlich auch nicht von irgendwo.

(c) Rebecca Steinbichler

(c) Rebecca Steinbichler

Montag, 29.08.2016 von David Steiner
In einer Seitengasse der Vorgartenstraße befindet sich das Kaeshmaesh, das dank einer Kooperation fünf Tage unser Arbeitsplatz ist. Bisher arbeiteten wir überwiegend alleine von zuhause aus. Dementsprechend groß ist die Freude am Montagmorgen in der „Popup-Redaktion“ anzukommen. Um uns herum: ein paar Imbisse, Cafés, heruntergezogene Rollläden.

Wunderbar, wäre da nicht ein Bobcat, der schnurrend vor unserem Lokal seine Runden dreht. Bei dem Bobcat handelt es sich in diesem Fall nicht um eine Raubkatze mit Haarpinseln an den Ohren sondern um einen Minibagger. Das Schnurren ist mehr ein Brummen, das im Bauch kitzelt. Die Baumaschine gräbt die Straße auf. Wahrscheinlich für neues, superschnelles Highspeed-Internet. Egal – erster Tag. Wir lassen uns nicht entmutigen.

An unserem Newsdesk, einem Ensemble aus einem Heurigentisch und ein paar einbeinigen Holztischen, setzen wir uns zusammen. Nach dem gemeinsamen Frühstück ist es für einen Moment still. Wie starten Journalisten bei Tageszeitungen denn eigentlich ihren Arbeitstag? Dann ergreift Sofia das Wort. Es folgen Planung und Mediensichtung. Wir bestimmen Wochen- und Tagesthemen und fangen an zu recherchieren.

Schon ist der Baustellenlärm ausgeblendet und fällt erst wieder auf, als es plötzlich ruhig ist. Ein Blick auf die Uhr zeigt: zwölf Uhr. Aha, Mittagspause! Nach einer überblicksmäßigen Recherche wägen wir ab, wie viel Substanz unsere Themen haben. Die ersten Geschichten wandern in die sinnbildliche Schublade. An Ersatz mangelt es aber nicht und bald nehmen die ersten Artikel Gestalt an.

Mehr Gedanken und Einblicke anderer Redakteure folgen im Laufe der Woche.

Titelbild: (c) Dominik Knapp


 

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