Politik und Angst: die Instrumentalisierung des Volkes

Foto: (c) Lukas Unger

Den Gegner schlecht machen, die eigene Herrschaft festigen, oder sich als (scheinbarer) Angst-Befreier inszenieren – Angst wurde und wird heute in der Politik gezielt eingesetzt.

Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit. Der Krieg im Nahen Osten und seine Folgen. Terroranschläge. Schießereien. In letzter Zeit scheinen sich verängstigende Ereignisse zu überschlagen. Nach den Gewalttaten in Würzburg und München spricht Werner Kolhoff, Korrespondent der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen, sogar von einem „Sommer der Angst“ für Deutschland. Ein Essay über eine Welt voll Angst.

Angst wirke destabilisierend auf eine Gesellschaft, erzählt Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, in einem Focus-Artikel, damit arbeite der Terrorismus beispielsweise. Doch auch die Politik kann Nutznießer sein: In vielen Fällen wird dieses Gefühl der Menschen gezielt gesteuert und ausgenutzt. Wie gestaltet sich dieses Wechselspiel von Angst und Politik? Wie wurde und wird Angst instrumentalisiert?

Fürchtest du noch, oder ängstigst du schon?
Lasst mich meiner festen Überzeugung Ausdruck geben, dass wir nur vor einem Angst haben müssen – vor der Angst“, so sprach US-Präsident Franklin Roosevelt in seiner ersten Antrittsrede am 4. März 1933 den Amerikanern Mut zu. Die Bevölkerung, die aufgrund der Wirtschaftskrise einer trüben Zukunft entgegensah, sollte nicht resignieren und sich vor Ereignissen fürchten, die noch gar nicht eingetreten waren.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard setzte sich intensiv mit dem Angstbegriff auseinander. Er unterscheidet Furcht von Angst. Furcht wird durch ein Ereignis von außen ausgelöst. Man erlebt eine konkrete Bedrohung und reagiert darauf – etwa durch Weglaufen. Angst kommt von innen, ist ein unbestimmteres Gefühl und doppeldeutig: Zwar gibt die Angst einem die Möglichkeit zur freien Entscheidung in Situationen. Da man aber nicht wissen kann, wie sich diese Entscheidung letztlich auswirkt, bringt sie Unwohlsein, eben die Angst. So kann sie den Menschen wiederum handlungsunfähig und unfrei machen. Roosevelt wollte dieser Angst entgegensteuern, indem er die Bürger dazu aufrief, sich nicht in Sorgen vor Situationen zu verlieren, deren Ausgang ungewiss ist, sondern zuversichtlich und tatkräftig zu sein.

Ängste für den Krieg
Die angstfreie Bevölkerung war und ist nicht immer das Ziel eines Machthabers oder Staates. Ängste können geschürt und instrumentalisiert werden, um den Gegner schlecht zu machen oder um militärische Handlungen zu legitimieren. Drastische Maßnahmen setzte Großbritannien im Ersten Weltkrieg, um die nicht sehr kriegsbegeisterte Bevölkerung gegen die Deutschen aufzuhetzen. Man schuf das Bild des furchteinflößenden Barbaren mit mongolischen Zügen – der Deutsche als Nachfahre der Hunnen – und präsentierte es in den Zeitungen. Die daraus resultierende Angst sollte idealerweise zu Wut und schließlich zu Hass führen, wie man in Angst und Politik in der europäischen Geschichte, herausgegeben von Franz Bosbach, nachlesen kann.

Foto: (c) Lukas Unger

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In seinem Werk Rhetorik beschreibt Aristoteles die Kunst, in einer Rede mit Ängsten zu argumentieren, um damit eine gewünschte Reaktion des Zuhörers zu erzielen. Giovanni Della Casa tat dies, um die Venezianer im 16. Jahrhundert dazu zu bringen, in den Krieg gegen Karl V. zu ziehen. Er dämonisierte den König, dieser sei nur darauf aus, „Italien und die gesamte übrige Welt in seine Gewalt zu bringen, ja sogar Macht und Herrschaft über die Grenzen der Welt hinaus auszubreiten“, zitiert Franz Bosbach die Rede Della Casas. Die darauf folgende Kriegserklärung wurde so zur Selbstverteidigung.

Nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 wurde auch die USA bezichtigt, Ängste zur Legitimierung von militärischen Interventionen zu instrumentalisieren. Als Präsident George W. Bush als Folge den „Krieg gegen den Terror“ ausrief, berief man sich auf das Recht zur Selbstverteidigung. Die Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ kritisierte dies in einem Bericht im Jahre 2003. Sie stellte fest, dass die Angst vor dem Terrorismus auch als Legitimation für ungerechtfertigte Inhaftierungen und Gesetzesentwürfe, welche die Menschenrechte untergraben, diente.

Die Angst des Tyrannen vor der Angst seines Volkes
Ängste in der Bevölkerung müssen nicht zwangsläufig gegen einen außenstehenden Feind gerichtet sein. Ein Staat werde erst durch ein Element wie Angst gebildet, bzw. zusammengehalten, so die Meinung des Staatstheoretikers Thomas Hobbes. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ – Angst vor der Willkür anderer Menschen mit böser Absicht sei das entscheidende Element, dass Menschen dazu bewegt, ihre Freiheit, tun und lassen zu können, was ihnen beliebt, aufzugeben und sich dem Gesellschaftsvertrag zu unterwerfen.

Auch innerhalb einer Gesellschaft sollten die Bürger den Herrschenden fürchten – das glaubte man zumindest in der Antike. Doch sollte der Herrscher nicht auch geliebt werden? Der römische Kaiser Augustus erkannte dies, und versuchte, sich nicht als Tyrann assoziieren zu lassen, sondern den Anschein von politischer Stabilität, Frieden und Sicherheit zu wecken. Kaiser Nero ging weniger subtil vor, er initiierte Ängste, indem er Menschen rigoros bestrafen und ermorden ließ. Diese Angst fiel auf ihren Verursacher zurück, Nero war stets von ihr getrieben. Auch Robespierre hätte einen Grund für diese Angst gehabt. Der französische Revolutionär landete, nachdem er eine kurz währende, aber heftige Terrorherrschaft ausgerufen hatte, schließlich selbst unter der Guillotine.

Über die Methoden von Demagogen und die Sehnsucht der Österreicher nach einem starken Führer

Titelbild: (c) Lukas Unger


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