Medien: Mehr Nahrung für die Angst!

Medien schüren durch die unreflektierte Verbreitung von Halbwahrheiten Ängste. Es liegt an jedem von uns, was wir daraus machen. Kommentar von Sofia Khomenko.

Foto: Raimund Appel

Foto: Raimund Appel

Der sexuelle Missbrauch der 13-Jährigen durch einen „dunkelhäutigen“ Mann im Mistelbacher Freibad war also erfunden. Das berichten jetzt alle Medien, selbst die, die gerade noch fleißig in benachbarten Flüchtlingsheimen nach dem Täter gesucht haben. Die völlig unreflektiert eine Geschichte verbreitet haben, ohne auch nur den geringsten Versuch zu unternehmen, sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Wohlwissend, was das verursachen würde: eine Welle aus Angst und Feindseligkeit, die nicht einmal durch die Richtigstellung der Geschichte ganz gebremst werden konnte.

Denn die Angst vor Flüchtlingen ist bereits allgegenwärtig, sitzt tief und äußert sich auf vielfältigste Weise. Eine Wiener Mutter verbietet ihrer Tochter auf Schullandwoche ins Burgenland zu fahren. Ein Blasmusikdirigent muss für das Dorffest zum Schutz der Mädchen Securities engagieren. Eine Niederösterreicherin postet, sie werde nie wieder nach Wien kommen, schließlich lauere seit dem Flüchtlingsstrom an jeder Ecke ein Vergewaltiger.

Dabei ging die Schullandwoche an einen Ort, in dem es keine Flüchtlinge gibt. Im Dorf des Blasmusikdirigenten leben nur zwei gut integrierte Flüchtlingsfamilien mit kleinen Kindern. Die Zahl der Sexualdelikte ist seit Jahren konstant, 2015 ist sie sogar gesunken.

Und dennoch ist die Angst da, aller Fakten zum Trotz. Woher kommt sie? Wer gibt ihr Nahrung?

Ich kann noch immer die Bilder der gesichtslosen Massen sehen, mit denen wir letzten September tagtäglich von nahezu allen Medien bombardiert worden sind. Eine gigantische Welle, die ganz Europa zu überrollen, ja zu verschlingen schien. Eine befreundete Lehrerin fragte damals ihre Klasse, wie viel Prozent der österreichischen Bevölkerung Asylwerber seien. Die meisten Kinder dachten: 70 Prozent. Denn sie würden jeden Tag diese Bilder sehen. In Wahrheit lag der Anteil damals bei einem Prozent.

Was sagt uns das? Dass an der Ausbreitung der Angst die Medien schuld sind? Ja. Emotionen verkaufen sich besser als Fakten. Gegen ein missbrauchtes Mädchen kann man nicht argumentieren. Man kann nur betroffen sein, unsicher, wütend. Jeder von uns wäre das, wenn die Geschichte wahr wäre. Doch sie war es nicht.

Was machen wir jetzt damit? Wir könnten sagen, dass die Wut dennoch berechtigt war. Schließlich gebe es genug Fälle, in denen so etwas wirklich passiert ist. Wir könnten die ganze Geschichte einfach vergessen. Wir könnten aber auch daraus lernen. Wir könnten uns wieder mit den Inhalten befassen, bevor wir sie hundertfach liken und sharen. Wir könnten wieder anfangen selbst zu denken, zu hinterfragen, uns für die Wahrheit zu interessieren. Wir könnten viel. Die Frage ist nur: Was werden wir jetzt tun?

 

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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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