Mario Lang: „Der Zaun muss weg“

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Der Fotograf Mario Lang erzählt von seiner Radreise, die in Wien begann und entlang des Eisernen Vorhangs nach über 2.700 km Wegstrecke am Schwarzen Meer endete.

Interview von Alexander Fortunat.

Mario Lang, Jahrgang 1968, ist ein Tausendsassa: gelernter Optiker, freier Fotograf, Mitarbeiter der Boulevardzeitung Augustin, Redakteur, Radiomoderator, Sänger und Chorleiter. Der – wie er sich selbst am liebsten bezeichnet – leidenschaftliche Dilettant berichtet über seine Emotionen und das Erlebte während seiner Radtour entlang des Eisernen Vorhangs. Nach 24 Grenzübertritten, 1.934 gefahrenen Rad-Kilometern, 29 Reisetagen und 27 Übernachtungen in fremden Betten bleibt eine gewaltige Ansammlung an Bildern und Gedanken, die erst einmal verarbeitet werden will.

mokant.at: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, tausende Kilometer mit einem Rad zu fahren?
Mario Lang: Begonnen hat alles im Alter von 21 Jahren im Jahr 1989 bei einem Urlaub auf Gran Canaria, da sind plötzlich alle Menschen zu den Fernsehgeräten gestürmt. Das war am 9. November, als die Berliner Mauer gefallen ist. Später habe ich begonnen, mich mit DDR-Musik zu beschäftigen und bin nach Berlin gefahren, um mir in Plattenläden vor Ort diese Musik anzuschaffen. Mit meinem damaligen Projekt Punk in der DDR hat aber das ganze Interesse für den Osten und damit die Reisetätigkeit in diese Länder begonnen. Dazu beigetragen hat auch ein für mich sehr bewegender Roman: Polninken von Arno Surminski. Ja, da ist dann eine gewisse Faszination aufgekommen.
Ich bin dann von Wien nach Berlin, den Berliner Mauerradweg, sowie mehrmals den Donauradweg ans Schwarze Meer mit dem Rad gefahren. Die Donau ist mein Herzensfluss.
Durch die Mischung aus beiden – das Ostblock-Flair mit der Radfahr-Leidenschaft – bin ich dann irgendwann auf den Eisernen Vorhang gestoßen. Bei der ersten Reise habe ich mir gedacht, ich fahre mit meiner Lebensgefährtin von Travemünde nach Swinemünde in Polen. Das ist Teil des Eisernen-Vorhang-Radweges. Das waren ca. 500 km. Im Jahr 2015 sind wir von Danzig bis nach Riga mit dem Rad gefahren.

mokant.at: Das heißt, die eigentliche Projektidee ist erst hinterher entstanden, als Sie den ersten Teil schon erledigt hatten?
Mario Lang: Ja, ich bin zwei Etappen abgefahren und war quasi schon mitten im Projekt, ohne dass ich es selber gewusst habe. Das Projekt hat mich eingeholt. Die diesjährige Reise hat in Wien gestartet und hat mich bis zum Schwarzen Meer gebracht und zwar nicht direkt an der Donau entlang, sondern wirklich entlang des Eisernen Vorhangs.

mokant.at: Wie haben Sie die Tour geplant?
Mario Lang: Ich habe mich im Wesentlichen an den bikeline-Radreiseführer „Eiserner Vorhang“ gehalten. Es gibt Leute, die recherchieren schon ein Jahr im Voraus – ich nicht. Ich denke mir: Nur nicht zu viel Recherche – ich will ganz unvoreingenommen sein.

Mokant.at: Was haben Sie an Gepäck mitgenommen?
Mario Lang: Ich bin ein Minimalist: Das Rad ist ein Brompton-Faltrad. Dazu gibt es eine Reisetasche, die man vorne am Lenker montieren kann. Durch meine vielen Radreisen habe ich gelernt: Weniger ist mehr. Ein paar Unterhosen und Leiberln, zwei Hosen, eine Zahnbürste, das Reisewaschmittel und ein Fahrradwerkzeug – das reicht.

mokant.at: Haben Sie sich Gedanken über Notfälle gemacht, also zum Beispiel was passiert, wenn Sie krank werden, sich verfahren oder verirren?
Mario Lang: Geplante Feste finden nicht statt. Wenn du dir alle Eventualitäten ständig überlegst, bekommst du Angst. Das Rad könnte mir eingehen, ich könnte mich verletzen etc.
Was soll mir passieren? Das ist irgendwie ein Motto, ich werde mir nicht schon vorher Gedanken machen. Den Kopf zerbreche ich mir dann, wenn ein Problem auftritt.
So auch beim Thema Straßenhunde: Ich habe bei meiner Donaufahrt, wie auch jetzt, immer schon mit Straßenhunden Probleme gehabt. Das sind aber nicht die wilden Straßenhunde, sondern das sind die, die irgendwo dazugehören. Mit total aggressivem Bellen rennt der dir nach. Meine jetzige Theorie ist: Es wird nie so heiß gegessen, wie gekocht. Es passiert eh meistens nichts. Am ersten Tag stellen sich die Haare auf, man fängt an zu schwitzen und tritt in die Pedale. Am vierten Tag wird man dann ein bisschen cooler.

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Unterwegs – Irgendwo in Serbien Foto: (c) Mario Lang

mokant.at: Was war das prägendste Erlebnis auf über 2.700 km mit dem Fahrrad?
Mario Lang: Bei mir überlagern sich die Reisen. Aber es gilt: Mit jedem Kilometer weiter südlich öffnen sich die Herzen der Menschen weiter. Je weniger sie haben, desto großzügiger sind sie.
Insgesamt waren es 2.700 km, davon 1.900 mit dem Rad. Bulgarien ist sehr bergig. Da habe ich manchmal, wenn ich gemerkt habe, es geht nicht mehr, einen Bus genommen oder Auto gestoppt. In Bulgarien hat mich jedes erste Auto mitgenommen. Jedes Erste.
Einmal in Bulgarien bin ich zu einem kleinen Wasserfall hinuntergegangen, habe das Rad geschultert und dort eine Zigarette geraucht. Dort waren vier Leute, die gegrillt haben. Im Wasser vor dem Wasserfall schwimmt das Bier und ich hab so eine Lust auf ein Bier gehabt. Dann bin ich zu den Leuten hin und habe gefragt, ob ich ihnen ein Bier abkaufen kann. Die haben mir gesagt: „Du kannst dir ein Bier herausnehmen, aber bezahlen? Definitiv nein!“ Als ich dann ganz glücklich mit einer Tschick und dem Bier am Wasser sitze, kommen sie daher und bringen mir auch noch einen Grillspieß mit Salat und Gebäck dazu. Das ist fast beschämend. Man will sich revanchieren, aber sie freuen sich einfach nur darüber, dass du ihre Länder bereist.

mokant.at: Sie waren bis auf ein kurzes Stück, bei dem Sie ihre Lebensgefährtin begleitet hat, alleine unterwegs. Wie sind sie mit der Einsamkeit umgegangen?
Mario Lang: Es hat einen Tag gegeben, da bin ich in Ivajlovgrad in Bulgarien, gestartet, bin durch Griechenland gefahren und bin in Edirne in der Türkei angekommen. Da war der Kopf dann so voll mit Eindrücken und manchmal weißt du nicht, wohin damit – man ist schlichtweg überfordert. Aber das tägliche Schreiben meines Blogs hat mir sehr geholfen, meine Gedanken zu ordnen.
Ja, man wälzt dann eben manche Sachen im Kopf herum. Es gibt aber nicht auf jede Frage, die man sich stellt, immer eine Antwort. Dazu braucht es natürlich mehr Zeit. Aber ich glaube, es muss nicht immer auf alles eine Antwort geben. Es ist einmal wichtig, Ängste abzubauen, Begegnungen zu machen und auch manches so stehenzulassen, so, wie es ist.
Mit den Gedanken ist es unterschiedlich: Manchmal blühen Blumen im Kopf und manchmal ist man einfach nur angefuckt – weil alles zuviel ist. Ich habe eine Strecke gehabt, das war kurz vor der rumänisch-serbischen Grenze, es waren nur 15 km, aber es war eine Haupt-LKW-Route. Da verwelken die Blumen im Kopf. Da ist man nur angefuckt und denkt sich: Ich will jetzt da weg!
Aber da muss man halt auch durchbeißen.

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Tsarevo das Ziel (Bulgarien) Schwarzes Meer Foto: (c) Mario Lang

mokant.at: Hat es auf dieser langen Reise Punkte gegeben, bei denen Sie gesagt haben: „Ich will nicht mehr, ich breche ab“?
Mario Lang: Nein, eigentlich nie. Ich habe mir spaßhalber mal gedacht: „Mario, du bist ein Trottel, könntest im Schrebergarten sitzen und dem Schnittlauch beim Wachsen zusehen.“ Das war aber spaßhaft gedacht.

mokant.at: Gibt es etwas von Ihrer Reise, das für Sie negativ war und das Sie gerne vergessen würden?
Mario Lang: Das, was mir sehr negativ in Erinnerung geblieben ist, lässt sich in drei Punkten aufzählen:

  1. Der Anblick der Flüchtlinge in den Containern am Grenzübergang Österreich-Slowakei.
  2. Der Zaun an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien.
  3. Der Grenzübergang zwischen Ungarn und Serbien, wo Flüchtlinge in der Hitze unter menschenunwürdigsten Bedingungen hausen müssen.
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Ungarn Grenzzaun Foto: (c) Mario Lang

mokant.at: Haben Sie eine Botschaft für die Leser Ihres Blogs und des Interviews?
Mario Lang: Der Zaun muss weg – Ich mag keine Zäune. Man nehme nur die Donau her. Trotz allem Schlimmen, was passiert ist, verbindet die Donau immer noch die Länder. Das Verbindende will ich unterstreichen, ich will kein Apostel sein, aber ich möchte den Menschen die Angst vor dem Fremden nehmen. Wovor hat man Angst? Man hat Angst vor dem, was man nicht kennt. Wer die Menschen einmal kennenlernt weiß, dass man vor niemanden Angst haben muss.

Eine detaillierte Reiseschilderung ist über den Blog von Mario Lang nachzulesen.

Titelbild: (c) Alexander Fortunat


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