Anwalt Klinger: „Arbeiter in Textilunternehmen dürfen nicht verrecken“

(c) Lukas Unger

Der Teufel trägt Kik. Ein Interview mit dem deutschen Menschenrechtsanwalt Remo Klinger, der aktuell die Opfer der Brandkatastrophe in einer pakistanischen Textilfabrik vertritt.

Interview von Rebecca Steinbichler und Alissa Hacker

In der Fabrik Ali Enterprises in Pakistan, einem fast hundertprozentigen Zulieferer des Kleider-Diskonters Kik, kam es vor drei Jahren zu einem Großbrand. Etwa 300 Mitarbeiter starben. Die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in der Fabrik waren auf niedrigstem Niveau. Die Fabrik in Karachi ist kein Einzelfall: Sie steht stellvertretend für zahlreiche westliche Textilunternehmen, die ihre Produktion in den globalen Süden auslagern. mokant.at hat mit dem Menschenrechts- und Umweltanwalt Remo Klinger über schlechtes Gewissen, gekaufte Zertifikate und seine risikoreiche Arbeit gesprochen.

(c) Remo Klinger

(c) Remo Klinger

mokant.at: Wir kaufen alle bei H&M, Zara, Kik und Co ein. Sind wir deshalb schlechte Menschen?
Remo Klinger: Nein, im Gegenteil. Der Verbraucher selbst kann meist nicht bewerten, wie etwas hergestellt wurde. Man sieht einem Produkt die Bedingungen, unter denen es erzeugt wurde, nicht an – „blutige T-Shirts“ sind ja nicht im wörtlichen Sinn blutig. Insofern ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, gesetzliche Regelungen und Rahmen für unternehmerisches Handeln zu setzen. Sie soll dem Verbraucher kein schlechtes Gewissen einreden, so als ob er sich darum kümmern soll, ob die Arbeitsbedingungen im globalen Süden in Ordnung sind.

mokant.at: Glauben Sie nicht, dass viele Endverbraucher, die bewusst einkaufen, etwas bewirken können? Immerhin entwickelt sich Fair Fashion immer mehr zum Trend, wie man zum Beispiel am Erfolg der Modebloggerin DariaDaria sehen kann.
Klinger: Natürlich hat das Auswirkungen, nur es hat eben auch seine Grenzen. Und die Grenzen sind da erreicht, wo ich als Verbraucher nicht unterscheiden kann, ob ein Hemd von Hugo Boss in derselben Fabrik produziert wurde wie das von Kik, nur auf einer anderen Produktionsstraße. Dort Transparenz herzustellen wäre schön, ist nur kaum realistisch. Der Weg, gesetzliche Standards für westliche Unternehmen zu setzen, ist meines Erachtens erfolgversprechender.

mokant.at: Sie sagen, die Politik soll das regeln. Wo fängt die Verantwortung von Unternehmen an?
Klinger: Unternehmen dürfen nicht denken, dass ihre Verantwortung endet, sobald sie den Auftrag in den globalen Süden vergeben. Sie tragen Verantwortung dafür, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Unternehmen nicht so sind, dass die Leute dort verrecken – um es ganz klar zu sagen. Dies ist ihre Verantwortung und dort liegt Marktmacht, die sie so nutzen müssen, dass sich die Zustände verbessern.

Über das Zertifizierungs-Business in Asien

Dieses Interview entstand im Rahmen des vom Forum Journalismus und Medien (fjum) und Netzwerk Soziale Verantwortung (NeSoVe) organisierten Workshops „Der Teufel trägt Kik“.

Titelbild: (c) Lukas Unger


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Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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