Rinderzucht: Das optimale Sperma (2)

Foto: (c) Lukas Unger

Die ideale Partnervermittlung?
Über die genauen Leistungen der Zuchtstiere kann sich der Interessierte im
Stierkatalog 2016 informieren. Die Besten der Besten sind hier aufgelistet, bekannte Namen in der Zuchtbranche und Stier-Familienlinien. Da wäre etwa Wal, dessen Abkömmling GS Wurzl im Stierkatalog angepriesen wird: „Die Milchmengenvererbung und der sehr ausgeglichene Fitnessbereich sind klar seine Stärken.“ GS Wurzl hat einen Gesamtzuchtwert von 129, sein Milch-Zuchtwert liegt bei starken 120. Damit sich der Käufer ein möglichst genaues Bild machen kann, wird darüber hinaus von der Bemuskelung über Beckenneigung bis hin zur Euterreinheit alles angegeben – GS Wurzl hat 110 Töchter, bei denen diese Eigenschaften gemessen wurden.

Denn erst durch seine weiblichen Nachkommen erhält der Zuchtstier seinen Wert: „Vier Jahre lang bleiben die jungen Stiere im Wartestall, bis die Töchter Milch geben und wir die Töchterzuchtwerte überprüfen können“, sagt Peter Stückler. Wenn die Leistungen der Töchter dann überragend seien, käme der Stier zurück in den Produktionsstall und in den sogenannten Wiedereinsatz. Andernfalls werde er geschlachtet. Je mehr Töchterkühe vorhanden sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, den Zuchtwert zu ermitteln.

Die Zuchtwerte sind natürlich immer eine Schätzung“, sagt Stückler. Doch seit 2007 gebe es die Möglichkeit, mithilfe von genomischer Selektion die Genauigkeit dieser Schätzung zu erhöhen. „Rund 99,9 Prozent aller Gene sind bei allen Rindern gleich. Die übrigen 0,01 Prozent sind die SNPs (Einzelnukleotid-Polymorphismen, Anm.), also Basenpaare in der DNA, in denen es die Variationen gibt.“ Die Wahrscheinlichkeit der Zuchtwert-Schätzung steigt damit auf ca. 70 Prozent.

Foto: (c) Lukas Unger

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I’m sexi(ng) and I know it
Kauft
Genostar einen neuen Zuchtstier an, sind die Auswahlkriterien hoch. „Jährlich genotypisieren wir beim Fleckvieh 1.500 Kälber – soll heißen, wir erstellen den genetischen Fingerabdruck“, sagt Peter Stückler. Von diesen werden schließlich die 30 besten Kälber gekauft. Denn die Kunden verlassen sich auf einen guten Zuchtwert. Die Preise von Stiersperma variieren, je nach Nachfrage und Zuchtleistung. Bei Genostar kostet eine Paillette ungefähr sieben Euro.

Von den beliebtesten Stieren gibt es zusätzlich noch teureres Sperma zu erwerben, bei welchem das sogenannte Sexing durchgeführt wurde. Bei diesem komplizierten Verfahren, das weltweit nur von einer einzigen Firma aus den USA angeboten wird, werden ein Großteil der Y-Chromosomen aus dem Genom entfernt. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Kuh eine Tochter gebärt von 50 auf etwa 90 Prozent. „Dies kann besonders sinnvoll sein, wenn Nachkommen per Vererbung zwar gute Merkmale, aber einen schweren Geburtsverlauf haben“, erklärt Peter Stückler. Da bei der Rindergeburt ausschließlich Stiergeburten problematisch seien, und Kuhgeburten nicht, könne man so das Risiko vermindern.

Leistung ad infinitum?
Risiken soll es bei der Spermaentnahme keine geben, auch wenn es hin und wieder Aufreger gibt. So rutscht etwa ein Stier mit den Hinterhufen ab, als er an der Reihe ist, fällt kurz auf den Rücken und reißt in einem Ruck den Stierwärter nieder. Dieser springt jedoch sofort wieder hoch. In den zwei Jahren, in denen sie hier arbeite, gab es zum Glück noch keine Verletzten, sagt Manuela. „Einmal hat ein Stier einem Stierwärter die Hand gegen die Wand gedrückt, aber es ist nicht wirklich was passiert“. Zwischenfälle gibt es also selten, auch wenn viele der Stiere imposante, muskelbepackte Erscheinungen sind.

Foto: (c) Lukas Unger

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Zuchtstiere dürfen nicht fett sein, und brauchen sportliche Kondition. Aus diesem Grund werden sie extensiv gehalten und bekommen als Grundfutter Heu und etwas Kraftfutter, das vor allem in den Wintermonaten eine erhöhte Vitaminisierung aufweist. Einen überragenden Zuchtstier verkauft man im Preissegment um die 50.000 Euro. Doch kann man die Stiere immer weiter züchten und optimieren? „Man kann die Leistungen der Tiere so lange steigern, so lange die Fitness, also vor allem die Fruchtbarkeit und die Gesundheit, nicht darunter leiden“, erklärt Peter Stückler.

Bis es so weit ist, werden GS Wurzl und seine Nachkommen noch viele glückliche Erlebnisse mit Lederbezug-Gestellen haben.

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4 Comments

  1. Julia

    7. Juni 2016 at 17:17

    Schön, dass ihr euch an so ein Thema heranwagt, wenn auch leider sehr unkritisch. 1) Von genetisch einwandfreiem Erbmaterial darf nicht die Rede sein: viele Zuchtstiere sind Träger von Erbkrankheiten, wie Kleinwuchs oder Blutgerinnungsstörungen, da aber die wirtschaftlichen Faktoren, wie Milchleistung im Vordergrund stehen, wird das in Kauf genommen. 2) Das Sexing hat auch wirtschaftlichen Hintergrund, da bei manchen („Nicht-Fleisch-“)Rassen (zB Holstein-Friesian) nur weibliche Kälber von Bedeutung sind. 3) Nicht jede Stiergeburt ist problematisch bzw. nicht jede Kuhgeburt ist unproblematisch. Klar sind Stierkälber oft größer bei der Geburt, und deshalb im Vergleich problematischer, aber auch nicht jedes Stierkalb ist größer als ein Kuhkalb.
    Schade, dass ihr nicht den schrumpfenden Gen-Pool ansprecht. Wie ihr selber schreibt, werden Nachkommen der „Genostars“ zu den Genostars der nächsten Generation. Da es kaum mehr andere Zuchtstiere gibt, als die in den Zuchtzentren, schrumpft der Gen-Pool immer weiter.

    • Lukas Unger

      8. Juni 2016 at 10:32

      Hallo Julia,

      danke für dein Feedback. Meine Absicht war es, möglichst neutral Einblick in einen Rinderzuchtbetrieb, bzw. die Rinderzucht zu geben, wie das dort abläuft halt. Ob man die Praktiken der Zucht gutheißt, kann jeder für sich entscheiden – wie bei vielen anderen Umgangsformen des Menschen mit Tieren auch. Zucht gibt es halt fast überall bei domestizierten Tieren, und wird auch von der breiten Bevölkerung anerkannt, z. B. bei den Hunden: Warum züchtet man einen Hund, der kurze Beine hat und hässlich ist (Mops)?

      Zu 1): Du hast Recht, ich hab jetzt das „genetisch einwandfrei“ gestrichen, hätte so nur in einem Zitat kommen dürfen. Herr Stückler hat mir erklärt, dass es bezüglich Erbkrankheiten laufend Untersuchungen gibt.
      Stichwort Sexing, natürlich stehen bei einem gewinnorientierten Unternehmen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund.

      Ich muss zugeben, eine kritische Sicht von einem Außenstehenden, quasi „Tierzuchtgegner“ wäre noch interessant gewesen. Wir veröffentlichen gerne deinen Gastkommentar 🙂 Wenn du Lust hast, schreib mir ein Mail. lukas.ungerATmokant.at

      • Julia

        8. Juni 2016 at 21:07

        Lieber Lukas,

        ich bin definitv keine Tierzuchtgegnerin, aber so wie es derzeit läuft, ist es einfach nicht zielführend.

        Ich selbst bin auf einem Bauernhof mit Milch- und Mastwirtschaft aufgewachsen und spreche deshalb aus Sicht von Landwirten, die sich nicht selbst als „Milchproduktionsindustrie“ sehen.

        Erst vor ein paar Wochen habe ich eine Diskussion zwischen meiner Tante und meinen Eltern erlebt (alle hauptberuflich Landwirte mit kleineren Milchbetrieben), wo genau meine oben genannten Punkte kritisiert wurden.
        Die Beteiligten der Diskussion wollen keine genetisch belasteten Hochleistungskühe, da sie für diese Leistung entsprechende Mengen an (teuer zugekauftem) Zusatzfutter brauchen.
        Die Beteiligten der Diskussion wollen gesunde Rinder, die mit dem Futter auskommen, das der eigene Betrieb hergibt.(schließlich gibt es in der Landwirtschaft Vorschriften wieviel Vieh man auf Basis der eigenen Hektar Grund halten darf)
        Ja mir ist bewusst, dass es sehr romantisch klingen mag, aber nicht jeder Landwirt will ein Imperium aufbauen..

        ..und zum Thema Rinderzucht: Die Zuchtstation ist „nur“ die Produktionsstätte von Sperma(, das sie verkaufen wollen). Die „Kunden“, also Tierärzte und Landwirte, sind auch zu einem großen Stück daran beteiligt, weil sie am größten Teil des Prozesses beteiligt sind und auch mit dem Ergebnis [das Kalb bzw die Laktationszeit (Zeitspanne, in der eine Kuh Milch gibt)] arbeiten.

        In (Nieder-)Österreich gibt es einen Rinderzuchtverband, der vielleicht mehr Überblick über den ganzen Prozess der Rinderzucht geben kann als ein Unternehmen, das auf den ersten Schritt spezialisiert ist.

        Im Moment habe ich wenig Zeit, aber vielleicht komme ich im Sommer auf dein Angebot einen Gastkommentar zu schreiben zurück 😉

        • Lukas Unger

          8. Juni 2016 at 22:57

          Liebe Julia,

          wie gesagt, ich wollte nur solch einen Betrieb besuchen und beschreiben, ohne Wertung. Ich stehe der Tierzucht auch kritisch gegenüber, besonders nachdem ich selbst dort war, und einiges aus dem Artikel ist ja auch ein wenig gruselig, wenn man weiter darüber nachdenkt. Aber es ist halt kein einfaches Thema und polarisiert.

          Einer unserer wichtigsten Grundsätze ist die kritische Berichterstattung, aber nicht alle unsere Artikel sind Hard-Facts-Recherchartikel. Meine Intention war es, den Artikel interessant und ein wenig auf unterhaltsam zu machen, aber das Thema sollte man doch noch ernster behandeln, da stimme ich dir zu.
          Besonders wenn ich mir deine Statements so durchlese, wäre wohl ein weiterer Artikel mit Hintergrundinfos, bzw. weiterführender Recherche generell zur Tierzucht sinnvoll. Ich habe im Moment leider auch keine Zeit dafür, werde es jedoch im Hinterkopf behalten.

          Tierzuchtgegner war das falsche Wort, ich meinte natürlich Tierzuchtkritiker (bzw. kritisch eingestellte Person bezüglich Tierzucht 😉 ). Nachdem du von dem Thema betroffen bist und dich wohl auch auskennst, wäre ein Kommentar wirklich toll!

          lg Lukas

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