Rinderzucht: Das optimale Sperma

Foto: (c) Lukas Unger

Zum Glück kein Unterhalt: 200 Zuchtstiere sind die Väter von Millionen Rindern auf der ganzen Welt. Die Genostar in Gleisdorf verkauft ihr Sperma.

Animalische Laute durchdringen den prasselnden Regen, als sich die Umrisse der Stallungen der Genostar Rinderbesamung GmbH abzeichnen. Leicht assoziiert man diese Geräusche mit Gestöhne. Wie läuft das nun ab, eine Spermaentnahme beim Stier?

Ein Vater vieler Rinder
Peter Stückler sitzt auf seinem Stuhl und lächelt. „Sie wissen aber schon, was wir bei uns im Betrieb machen, oder?“ fragt der Geschäftsführer der
Genostar in Gleisdorf. Ungefähr schon, hier dreht sich alles um Stiersperma. Ausschließlich wegen diesem werden die 200 Zuchtstiere gehalten – um Erbmaterial zur Verfügung zu stellen.

Einer der ältesten Stiere ist zehn Jahre alt“, erklärt Stückler, „und Vater von ca. 60.000 Nachkommen.“ Ein lange aktiver Zuchtstier ist somit Begründer einer riesigen Rinderfamilie. Doch eine echte Kuh hat er in seinem Leben selten gesehen und besprungen. Zumindest besteht die Chance, dass er irgendwann eines seiner vielen Rinder-Kinder zu Gesicht bekommt, nämlich wenn ein Sohn ausgewählt wird, um der „Genstar“ der nächsten Generation zu werden.

Die Population erzielt laufend einen Zuchtfortschritt“, führt Peter Stückler begeistert aus. „Die jüngere Generation wird immer besser, weil die besten Gene miteinander kombiniert werden.“ Der Rinderbesamungsbetrieb verkauft sein Material in Österreich, exportiert jedoch auch in andere verschiedene Länder, sogar nach Südamerika und Nordafrika. Man will das ideale Sperma bereitstellen, damit die Landwirte die bestmöglichen Mutterkühe für die Fleischproduktion oder Milchkühe für die Milchproduktion erhalten. Doch damit nicht genug, denn mithilfe der Gene schlägt der Betrieb seinen Kunden auch potentielle Kandidaten vor. „Wir unterstützen die Abnehmer bei der Wahl ihres Kandidaten mit unserer Anpaarungssoftware“, erklärt Peter Stückler. „Unter Berücksichtigung der Abstammung der Kühe berechnen wir den idealen Anpaarungspartner.“

Foto: (c) Lukas Unger

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Haben Stiere Gefühle?
Der Anpaarungspartner, den der Zuchtstier üblicherweise kennenlernt, heißt „Phantom“ und ist ein Gestell mit Lederbezug, das die Kuh simuliert. Doch nicht immer kommt dieses Liebesinstrument zum Einsatz. Denn „jedes Tier ist ein Individuum“, wie Peter Stückler zu berichten weiß und hätte nicht immer sofort Lust. Dann benutzen die Stierwärter einen „Unterstellstier“, den der aktive Stier bespringt. Durch den „Torbogenreflex“ bespringt ein Stier alles, was hinten eine Rundung ähnlich eines Torbogens hat.

Dass der Besitzer des runden Hinterteils männlich ist, scheint ihn dabei wenig zu stören, ebenso nicht, dass er nie eine echte Kuh bespringt. „Ich denke schon, dass die Stiere es merken, dass sie nur eine Attrappe bespringen“, sagt Stückler. Doch dies sei zumindest auch eine Form der Stimulation. Die erste Stimulation erfährt der Stier in der Vorbereitung auf die Samenabgabe, schlicht indem der Stierwärter mit ihm im Kreis geht.

Schließlich ist es so weit: Der Stier reißt die Vorderhufe hoch und springt damit auf den Rücken des Unterstellstiers. Ein Mann im weißen Laborkittel fängt den Penis mitten im Sprung mit einer künstlichen Vagina ab, in die der Stier sein Sperma abgibt. Lange dauert der Spaß nicht – drei Sekunden und es ist vorbei.

Abgezapft, abgezählt, abgefüllt
Das soeben erfolgte Spektakel könnte die Chemikerin Manuela im Labor direkt durch eine Glaswand verfolgen. Doch sie hat keine Zeit für Voyeurismus, stehen heute doch 33 Stiersamen-Entnahmen auf dem Plan. Durch eine Durchreiche erhält sie das frisch abgezapfte Sperma. Die Probe wird nun von Manuela verdünnt und in kleine dünne Plastikröhrchen, den Pailletten, abgefüllt. „Im Schnitt können so 300–500 Dosen von einem Ejakulat genommen werden – das sind zwischen fünf und sechs Milliliter“, erklärt Peter Stückler. Wobei in einer Paillette 20 Millionen Spermien abgefüllt werden, überprüft wird dies durch eine Dichtemessung.

Die Pailletten werden schließlich eingefroren und sind theoretisch unendlich lange haltbar. „Als Frostschutzmittel nehmen wir Eidotter“, sagt Manuela. Früher habe man auch Milchpulver verwendet, doch das Eidotter eigne sich besser.

Foto: (c) Lukas Unger

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Bevor die Pailletten fertig sind, untersucht die Chemikerin mit einem prüfenden Blick durch das Mikroskop noch die Aktivität der Spermien. Hier wuselt es zwar ein wenig, doch Party läuft keine. 30 Prozent Aktivität – das ist zu wenig, meint Manuela. Sie kann diese Aktivität mittlerweile mit freiem Auge abschätzen und braucht dazu keine Instrumente. „Das ist ein sehr junger Stier, die haben noch nicht so eine konstante Leistung“, relativiert sie.

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