Sexy Business: Dr. Oberzaucher und die Welt des Geruchs

(c) Katharina Kropshofer

Als neues Mitglied bei den Science Busters spricht die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher mit uns über Sexualität und Partnerwahl, die auch in Zeiten von Social Media großteils biologischen Mechanismen unterliegt

(c) Marin Gazzari

Dr. Elisabeth Oberzaucher (c)  Marin Gazzari

Kaum ein Säugetier konnte sich auf der Erde so gut etablieren wie der Mensch. Schlüsselprozesse, durch die wir uns an eine sich ständig ändernde Umwelt anpassen können, sind Sexualität und sexuelle Selektion. Elisabeth Oberzaucher erforscht menschliches Verhalten an ebendieser Schnittstelle von Umweltanpassung und der dadurch erforderlichen, richtigen Partnerwahl. Unlängst wurde ihr der Ig-Nobelpreis  („ig“ für Englisch improbable, was so viel heißt wie unwahrscheinlich, Anm.) verliehen: Ein Preis, der wissenschaftliche Arbeiten ehrt, die auf den ersten Blick lustig wirken, jedoch durchaus sinnvoll sind und die Wissenschaft massentauglicher machen sollen. Ihre Leidenschaft für simple, etwas kuriose Wissensvermittlung bewies sie auch im Interview:

mokant.at: Ganz fern von Dates oder Partnerbörsen – Wie wählen wir aus der biologischen Sichtweise unsere Partner aus?
Oberzaucher: Die Partnerwahl ist eine komplizierte Angelegenheit und passiert in einer Art Entscheidungskaskade. Man sammelt immer mehr Informationen und überlegt auf Basis dessen, ob man sich weiter mit der Person auseinandersetzt, oder ob sie als potentieller Partner ausscheidet.

mokant.at: Inwiefern hängen diese Entscheidungen von biologischen, anstatt von kulturellen Mechanismen ab?
Oberzaucher: Die biologischen Mechanismen passieren eher auf einer unbewussten Ebene. „Sich gut riechen können“ kommt nicht von irgendwo, sondern ist durchaus darin verwurzelt, dass man (Geruchs-)Vorlieben auf eine biologische Ursache zurückführen kann. Anhand des Geruchs kann ich versuchen abzuschätzen, wie gut ein anderes Immunsystem mit meinem zusammenpasst.

mokant.at: Hängen diese Gerüche mit Hormonen zusammen?
Oberzaucher: Teilweise. Die Vorlieben von Frauen ändern sich über den Zyklus und den sich dadurch ändernden Hormonhaushalt hinweg. Auch wenn sie hormonelle Verhütungsmittel benützen, oder gerade schwanger sind, gibt es andere Muster. Grundsätzlich ist der Zusammenhang Geruch und Partner-Vorliebe aber eher ein genetischer und kein hormoneller. Das heißt, dass diese Geruchsvorlieben darauf ausgerichtet sind sich jemanden auszusuchen, dessen genetische Ausstattung die eigene gut ergänzt.

mokant.at: Wo gibt es bei der Partnerwahl via Gerüchen Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Oberzaucher: Allgemein gesagt sind die Nasen der Frauen ein wenig empfindlicher, weil sie ja auch die endgültige Wahl treffen müssen. Bei beiden gibt es gewisse Geruchs-Botenstoffe, auch Pheromone genannt. Sie sind immer assoziiert mit Fortpflanzung und geben direkten Aufschluss darüber, wie es beispielsweise um den Testosteron-Haushalt des Mannes steht. Ein Mann mit viel Testosteron riecht stark nach Androstenon oder Androstenol. Das sind Stoffe, die aus Testosteron umgewandelt werden. Auf der weiblichen Seite sind die Pheromone eine Mischung aus organischen Säuren, die bei Männern wiederum das Testosteron erhöhen und zu einem gesteigerten Sexualverhalten führen.

mokant.at: Inwiefern wird diese Auswahl getroffen, um dann evolutionär einen Vorteil zu haben?
Oberzaucher: Zurückgehen tut das ganze ja auf die Frage, wieso wir überhaupt Sexualität haben und uns nicht ungeschlechtlich fortpflanzen, was ja durchaus auch eine Möglichkeit wäre. Es gibt hierzu eine evolutionäre Überlegung von Leigh Van Valen, die sogenannte Red Queen Hypothese. Sie heißt so in Anlehnung an eine Szene aus „Alice hinter den Spiegeln“ (Fortsetzung von Alice im Wunderland, Anm.). Alice will Königin werden und muss dafür mit der Herzkönigin um die Wette laufen. Weil sie aber immer auf der Stelle stehen bleibt, erklärt ihr die Herzkönigin schlussendlich, dass man bei ihnen doppelt so schnell laufen müsse, um vom Fleck zu kommen. Das ist im Prinzip das Gleichnis für ein Wettrennen, das wir langlebigen, vielzelligen Organismen dauernd gegen unsere Umwelt laufen, die sich unvorhersehbar verändert. Das große Problem, das auch Darwin so noch nicht erkannt hat, ist, dass nichts stabil ist. Als Organismus ist Variabilität die einzige Antwort zu reagieren. Für uns sind Mikroorganismen inklusive Krankheitserreger die Hauptquelle für Veränderungen, an die wir uns anpassen müssen. Wenn man sich wie Bakterien alle halben Stunden und nicht wie wir alle zwanzig Jahre fortpflänzt, verändert man sich natürlich auch schneller. Wir mussten etwas finden, um die Variabilität zu beschleunigen und das ist die sexuelle Fortpflanzung.

mokant.at: Und den passenden Vorteil gegenüber Mikroorganismen erschnuppern wir uns sozusagen?
Oberzaucher: Ja. Die Grundidee ist, dass wir dem Immunsystem unserer Nachkommen etwas beibringen, das unser eigenes noch nicht kann. Dementsprechend ist es auch nicht so, dass wir sagen können „gleich und gleich gesellt sich gern“, oder „Gegensätze ziehen sich an“, sondern die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

mokant.at: Inwiefern?
Oberzaucher: „Gegensätze ziehen sich an“ ist praktisch das Argument der Red Queen Hypothese und des Wettlaufs mit Viren und Bakterien. Allerdings gibt es viele Argumente für ein „gleich und gleich gesellt sich gern“, allem voran die Alltagstauglichkeit. Ähnlichkeit ist etwas, das eine Beziehung leichter lebbar macht.

mokant.at: Hier überwiegen also soziologische Faktoren?
Oberzaucher: Genau. Man könnte sagen, die genetisch-biologische Argumentation geht in Richtung Unähnlichkeit und die psychologisch-soziologische tendiert eher Richtung Ähnlichkeit. Das ist natürlich auch im Hinblick aktueller Ereignisse eine sehr schöne Geschichte, weil die Biologie ein extrem mächtiges Argument für Variabilität und Offenheit bleibt!

mokant.at: Wenn man davon ausgeht, dass es für die Fitness besser ist, das Gengut so variabel wie möglich zu halten, wieso hat sich Polygamie nicht durchgesetzt?
Oberzaucher: Das stimmt gar nicht, dass die Polygamie sich nicht durchgesetzt hat. Das ist nur unsere komische, westliche Sicht. Im Kulturen-Vergleich sieht man, dass Polygynie, also das klassische Harem-System von einem Mann und mehreren Frauen, das vorherrschende Muster ist. Zweitens ist selbst in der westlichen Welt das Bild der Monogamie nur haltbar, wenn man nicht genau hinschaut. Der Großteil der Menschen, die bei uns leben, hat nicht nur einen Sexualpartner im Leben. Meist ist es eher eine sogenannte sequentielle Monogamie, also ein Aufeinanderfolgen mehrerer monogamer Beziehungen. Außerdem gibt es durchaus auch versteckte polygyne oder promiske Tendenzen, wo die Exklusivität nicht ganz gegeben ist.

Mehr dazu, ob Monogamie biologisch überhaupt von Vorteil ist

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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