Sexy Business: Dr. Oberzaucher und die Welt des Geruchs (2)

(c) Katharina Kropshofer

Als neues Mitglied bei den Science Busters spricht die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher mit uns über Sexualität und Partnerwahl, die auch in Zeiten von Social Media großteils biologischen Mechanismen unterliegt

mokant.at: Wäre es theoretisch evolutionär von Vorteil, polygam zu leben?
Oberzaucher: Wir lernen aus Tiermodellen, dass da Faktoren wie Ressourcenverteilung und Ressourcendichte in einem Habitat eine große Rolle spielen. Das wiederum bestimmt dann, wie sich die Weibchen im Raum verteilen und davon hängt dann ab, wie sich die Männchen um die Weibchen verteilen. Wir können auch bei Menschen einen Zusammenhang zwischen den ökologischen Rahmenbedingungen und dem Heiratssystem beobachten. Wenn wir eher karge Lebensräume haben, sprich Arktis oder das Hochland von Tibet, finden wir Tendenzen zur Monogamie oder sogar zur Polyandrie (eine Frau hat mehrere Männer, Anm.). Gerade in Tibet scheint die Polyandrie die beste Lösung zu sein, weil die Männer zusammenhelfen, um die Familie ausreichend versorgen zu können.

mokant.at: Könnte die Tendenz zur Monogamie auch damit zusammenhängen, dass die Gruppegröße bei einer polygamen Lebensweise durch Geschlechtskrankheiten wieder reguliert werden würde?
Oberzaucher: Polygamie ist nicht gleich Promiskuität. Das klassische, polygame Harem-System, in dem der Sexualverkehr auf diesen Harem beschränkt ist, fördert nicht unbedingt die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Promiskuität tut das schon und das ist eigentlich genau was passiert, wenn das Ganze versteckt abläuft. Unter Umständen bleibt die Ansteckung dann unerkannt und das ist natürlich gefährlich.

mokant.at: Gibt es bei der Partnerwahl unterschiedliche Strategien bei Männern und Frauen?
Oberzaucher: Grundsätzlich muss man sagen, dass uns mehr verbindet als uns trennt. Im Endeffekt ist es bei Männern und Frauen so, dass als wichtigste Eigenschaften eines Partners an den ersten drei Stellen die gleichen Sachen stehen: Nett, sozial verträglich und gesund. Erst an vierter Stelle kommt es zu Differenzen, die in Zusammenhang mit Fortpflanzungsmöglichkeiten stehen. Bei Frauen sind das Dinge, die mit Status zu tun haben: Sie legen mehr Wert auf Intelligenz, auf Einkommen, die Position etc. Man darf das aber nicht missverstehen und sagen, Männern ist egal ob ihre Frau intelligent ist oder nicht. Es ist ihnen nur nicht ganz so wichtig wie Frauen. Bei Männern steht an vierter Stelle Attraktivität und Jugendlichkeit, also Dinge, die mit Fruchtbarkeit assoziiert werden. Frauen wiederum finden es aber natürlich auch nicht irrelevant, ob ihr Mann attraktiv ist oder nicht (lacht).

mokant.at: Sagen wir, die Partnerwahl ist erfolgreich abgeschlossen und es kommt zu Nachwuchs. Die besondere Bindung einer Mutter an ihr Kind ist ja bekannt. Wie sieht das aber bei Vätern aus?
Oberzaucher: Die weibliche Seite hat zwar ein höheres, biologisches Minimalinvestment, aber das heißt nicht, dass das immer so bleibt. Väterliches Investment kann nämlich sinnvoll sein, da die Nachkommen manchmal erst so überleben. Durch väterliches Investment steigen auch die Fortpflanzungschancen des eigenen Nachwuchses, weil selbst bei Männern in der westlichen Welt der sozioökonomische Status mit dem Fortpflanzungserfolg zusammenhängt. Je höher der Status, desto mehr Nachkommen. Wenn man das im Hinterkopf behält, dann gibt es ein starkes biologisches Argument für väterliches Investment, vor allem in Söhne. Damit gebe ich meine Gene nicht nur an die nächste, sondern bis in die übernächste Generation weiter.

mokant.at: Gibt es hier zwischen Mutter-Kind und Vater-Kind auch hormonell ähnliche Vorgänge?
Oberzaucher: Es gibt das Oxytocin, ein Hormon, das von Frauen vor allem während dem Stillen ausgeschüttet wird- eine Initialbindung zwischen Mutter und Kind. Oxytocin und Endorphine, also körpereigene Glückshormone, werden auch beim Austausch von Liebkosungen ausgeschüttet und hier unterscheiden sich Männer und Frauen nicht mehr so stark. Die Bindung Vater-Kind ist schon etwas loser, was ja auch auf die Vaterschafts-Unsicherheit zurückzuführen ist. Er kann immer nur zu einem gewissem Grad sicher sein, dass er der Vater ist.

mokant.at: Gibt es in Sachen Sexualität auch so etwas wie ein evolutionäres Erbe, also etwas das uns im Wege steht, was vielleicht früher von Vorteil gewesen wäre?
Oberzaucher: Jein. Wenn sie sich vorstellen, dass sich viele Menschen heutzutage gar nicht mehr von Mensch zu Mensch, sondern beispielsweise im Internet kennenlernen, kann das schon ein Nachteil sein. Die Reihenfolge ist durcheinander gewürfelt ist, weil zuerst verbal kommuniziert wird und es eigentlich sehr lange dauert, bis die Leute aneinander schnuppern können. Die Hemmschwelle miteinander in Interaktion zu treten mag zwar im Internet geringer sein, aber auf der anderen Seite ist auch die Anzahl der Enttäuschungen größer, wenn man sich dann trifft.

mokant.at: Weil eine „biologische Regulation“ fehlt?
Oberzaucher: Gar nicht unbedingt eine Regulation, sondern weil die Kommunikation virtuell sehr beschnitten ist. Wir haben noch viel mehr Möglichkeiten zu kommunizieren als rein verbal, weswegen die Online-Gesprächsführung so wahnsinnig ineffizient ist. Wenn wir unser ganzes Repertoire zur Verfügung haben, also von Geruch, über Mimik, bis zu Gestik ist das viel einfacher. So können wir dann auch sämtliche Signale gegenverrechnen und dadurch auch leichter Unwahrheiten aufdecken.

mokant.at: Glauben Sie, dass hier noch eine Art Anpassung passieren wird, sodass wir diese non-verbale Kommunikation auf gewisse Weise auch wieder verlernen?
Oberzaucher: Da spekulieren wir jetzt in die Zukunft, aber ich würde annehmen, dass direkte Kommunikation bald wieder mehr geschätzt wird. Das Facebook-Freunde oft keine richtigen Freunde sind, ist mittlerweile jedem bewusst. Problematisch ist eher die Zeit, die durch eine Online-Inszenierung für face-to-face Interaktionen fehlt. Ich bin aber keine Kulturpessismistin, sondern glaube, dass wir in kürzester Zeit eine Methode finden werden um beides zu machen: Uns digital selbst darstellen, aber auch unsere direkten Interaktionen pflegen. Ich denke man kann sich auf die Natur des Menschen und auf gewisse Bedürfnisse immer verlassen, denn die werden sich so schnell nicht ändern.
Dr. Oberzaucher über die kuriose Vermittlung von Wissenschaft

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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