Kommentar: Wählen ohne zu wählen

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Nicht nur Österreichs Gesellschaft, auch mein persönliches Umfeld ist gespalten. In meinem näheren Umfeld hat rund die Hälfte bei Van der Bellen ihr Kreuz gemacht, während die andere Hälfte zu den Hofer-Wählern zählt.

Auf beiden Seiten haben mich seit Sonntag zahlreiche Personen gefragt, wen ich denn nun eigentlich gewählt habe. Ehrlich wie ich in der Regel bin, habe ich mit der Wahrheit geantwortet: ungültig. Interessanterweise stieß dies auf beiden Seiten auf ziemlich viel Unverständnis. Aussagen von „das bringt doch nichts“, „du bist dumm, weil du das einfachste demokratische Ausdrucksmittel nicht wertschätzt“ bis hin zu „einer der beiden musste es doch sowieso werden, also warum nicht den wählen, den du eine Spur weniger schlecht findest?“ waren an der Tagesordnung.

In den vergangenen Tagen habe ich viel darüber nachgedacht (selbstreflektiert, wie man so schön sagt), warum ich so entschieden habe und versucht, Erklärungen zu finden und abzugeben.

Eine recht einfache Erklärung – und wahrscheinlich sogar die ehrlichste – ist eigentlich folgende:
Ich konnte mich nicht entscheiden, weil ich auch ein bisschen Angst vor den Konsequenzen hatte. Ich wollte fünfzig Prozent meines von mir sehr geschätzten näheren Umfelds nicht vor den Kopf stoßen. Viele Hofer-Wähler hätten es nur schwer akzeptieren können, wenn ich Van der Bellen gewählt hätte. Die Van der Bellen-Wähler hätten es sogar noch schwerer akzeptieren können, wenn ich Hofer gewählt hätte – einige hätten mich dann auf Facebook vermutlich sogar aus der Freundesliste genommen.

Ich habe mich also – wenn man so will – für den bequemsten (vermutlich könnte man auch sagen den feigsten) und ehrlichsten Weg entschieden. Denn so habe ich rund fünfzig Prozent meines Umfelds nicht oder nur geringfügig verärgert.

Natürlich hätte ich mich auch für eine der beiden Optionen entscheiden können – denn genau ausgeglichen sind Präferenzen nie – und anschließend auf die Gretchenfrage einfach lügen können. Oder ich hätte auf das Wahlgeheimnis verweisen können. Aber lügen passt mit meinen Wertevorstellungen nicht überein und aufs Wahlgeheimnis verweisen ist eigentlich noch feiger. Um auf das Wahlgeheimnis verweisen zu können, hätte ich in letzter Konsequenz künftig auf sämtliche politische Äußerungen verzichten müssen. Denn andernfalls hätte ich mich insgeheim deklariert, zumindest in den Köpfen meines Umfelds. Die Möglichkeit der Meinungsäußerung möchte ich mir aber nicht nehmen lassen, denn es gibt genug zu kritisieren – auf beiden Seiten.

Da ich von den Van-der-Bellen-Wählern in meinem Umfeld genauso viel halte wie von den Hofer-Wählern, fällt es nunmal nicht leicht, hier eine der beiden Gruppen komplett außen vor zu lassen. Ich weiß nicht, ob ich mit diesem Problem alleine bin, aber vermutlich schon, denn viele suchen sich ihren Freundeskreis offenbar auch nach der politischen Orientierung aus. Ich achte bei der Wahl meines persönlichen Umfelds aber auf völlig andere Dinge, darum hat es sich bei mir auch aufgeteilt. Mein bester Freund hat etwas anderes gewählt als meine beste Freundin (beide haben übrigens Matura und lustigerweise auch sonst einen recht ähnlichen Lebenslauf). Auch in der Verwandtschaft gibt es Vertreter beider Seiten. Vielleicht können wir jetzt also wieder aufhören, die jeweils andere Gruppe pauschal schlecht zu machen.

Ich habe mir die Wahlmotive von beiden Seiten oft und öfter angehört, konnte auf beiden Seiten gewisse Argumente verstehen und halte auf beiden Seiten gewisse Motive für Unsinn. Es wäre wirklich interessant, Teile meines Umfelds an einen Tisch zu setzen und miteinander diskutieren zu lassen. Vielleicht würde das die aufgerissenen Gräben sogar zuschütten, denn dann würde die jeweils andere Hälfte merken, dass durchwegs kluge und vernünftige Köpfe auf beiden Seiten zu finden sind und nicht nur aus verblendeten Gutmenschen beziehungsweise aus ungebildeten Affen/Nazis bestehen. Denn – und davon bin ich eigentlich überzeugt – die sind in meinem Umfeld nicht vorhanden.

Titelbild: (c) mokant.at-Collage>FPÖ/Gemeinsam für Van der Bellen


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Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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