Tina Leisch: „PKK ist eine Befreiungsbewegung“ (2)

mokant.at: Ist für dich die PKK eine Terrororganisation?
Tina Leisch: Nein, überhaupt nicht. Das ist eine Befreiungsbewegung, aber eine bewaffnete Befreiungsbewegung. Eben vergleichbar mit der UCK im Kosovo, die von allen hofiert wurde, weil sie gegen das sozialistische Jugoslawien gekämpft hat. Das hat damals der EU in den Kram gepasst. Aber die PKK, die gegen den NATO-Staat Türkei kämpft, die diffamiert man als Terroristen.

Jeder, der politisch denken kann, weiß aber, dass diese Anschläge in Ankara kontraproduktiv sind, weil sie eine Spirale der Gewalt verstärken und einfach die Falschen treffen.

mokant.at: Vor etwas über einer Woche gab es in Ankara einen Anschlag von der PKK-Splittergruppe Freiheitsfalken (sie hat sich zu dem Anschlag bekannt). Meinst du, dass Widerstandsbewegungen über Tote gehen müssen?
Tina Leisch: Das war nicht die PKK. Sie hat keine unschuldigen Zivilisten am Radar sondern zum Ziel, einen Krieg gegen den türkischen Staat, das türkische Militär und die Polizei zu führen – das sind die deklarierten militärischen Feinde. Es gibt auch innerhalb der kurdischen Befreiungsbewegung viele Leute, die diese Anschläge verurteilen, weil sie sagen, das sind normale Leute in Ankara auf der Straße, die haben uns nichts getan. Auf der anderen Seite gibt es viele junge, wütende Menschen, die sich gegen das Militär und gegen den Staat wehren. Die Leute auf den Barrikaden in Cizre, in Sur, in Nusaybin, das sind ja keine trainierten PKK-Kämpfer, sondern wütende Jugendliche. Und dann gibt es schon auch Leute, die sagen: Wenn die uns umbringen, dann bringen wir jetzt auch mal die um. Jeder, der politisch denken kann, weiß aber, dass diese Anschläge in Ankara kontraproduktiv sind, weil sie eine Spirale der Gewalt verstärken und einfach die Falschen treffen.

Und ich finde es völlig legitim, parteiische Filme zu machen – der Film verheimlicht das ja nicht.

mokant.at: Bei dem Deal, der zwischen Türkei und EU beschlossen wurde, wird von vielen Seiten heftig kritisiert, dass in der Türkei permanent Menschen-, Medien- und Minderheitenrechte verletzt werden. Was wünschst du dir in dem Zusammenhang von Europa oder der EU?
Tina Leisch: Es muss ganz klare Bedingungen geben und auch finanzielle Unterstützung muss ganz klar an die Einhaltung von Menschenrechten gebunden sein. Ich wünsche mir, dass die politischen Gefangenen freigelassen werden und dass vor allem dieser Terror, diese Bombardierung, jetzt sofort eingestellt werden; dass die inhaftierten Bürgermeister, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten jetzt sofort freigelassen werden und dass es Friedensverhandlungen gibt. Seit den Wahlen im Juni 2015 ist alles eskaliert, davor gab es durchaus eine Perspektive. Zwischen der PKK, Öcalan (Anführer der PKK, Anm.) im Gefängnis und der türkischen Regierung haben vorsichtige Gespräche angefangen.

Die Forderungen der kurdischen Befreiungsbewegung sind dabei nicht unerfüllbar: Sie wollen nicht – zumindest im Moment – die Abtrennung von der Türkei, wie es die Regierung immer behauptet, sondern eine Art Autonomiestatut, wie zum Beispiel Südtirol – also eine autonome Region. Und sie wollen Minderheitenrechte, muttersprachlichen Unterricht in den Schulen, Recht auf kulturelle Selbstbestimmung, also viele Dinge, die in vielen europäischen Ländern völlig selbstverständlich sind. Außerdem ist es der HDP, der erlaubten kurdischen Partei, nach den Gezi-Park-Protesten gelungen, auch viele nichtkurdische Leute als Wähler zu gewinnen. Das empfinden Erdogan und die AKP (Regierungspartei in der Türkei, Anm.) offensichtlich als dermaßen bedrohlich, dass sie nun zu militärischer Eskalation greifen.

mokant.at: Du bist neben Filmemacherin auch Aktivistin und Journalistin. Ist es, aus deiner Sicht, bei Dokumentationen überhaupt notwendig, dass sie einen neutralen Blick auf ein Thema werfen und alle Seiten berücksichtigen? Oder braucht es das nicht?
Tina Leisch: Ich glaube, dass es das gar nicht gibt. Es gibt journalistische Standards für Nachrichtenberichterstattung und in anderen Formaten. Aber ich bin mir sicher, dass ich als Dokumentarfilmerin sowieso immer meine Position selbst gestalte. Das kann ich mehr oder weniger sichtbar und spürbar machen. Und ich finde es völlig legitim, parteiische Filme zu machen – der Film verheimlicht das ja nicht. Wir dürfen nicht lügen oder beschönigen. Alles, was wir zeigen, stimmt, aber es ist aus der Perspektive der kurdischen Befreiungsbewegung heraus gezeigt.

Ali Can und Tina Leisch (beide in der Mitte) bei der Premiere von Nur die Toten kehren heim im Votiv Kino in Wien

Ali Can und Tina Leisch (beide in der Mitte) bei der Premiere von Nur die Toten kehren heim

mokant.at: Du hast auch ein sehr spezielles Vorführformat gewählt: Es gibt jeden Monat nur eine Kino-Vorführung in Wien, dafür mit anschließender Diskussion. Warum dieses Format?
Tina Leisch: Normalerweise heißt Kino, es gibt eine Premiere und dann läuft der Film ein paar Wochen und irgendwer verirrt sich dahin oder auch nicht (lacht). Wir fanden es interessanter, den Film einmal im Monat zu zeigen und danach eine Podiumsdiskussion zu veranstalten, weil der Film auch viele Fragen aufwirft. Und dann können wir diese Fragen und auch die aktuelle Situation diskutieren. Außerdem ist es interessant zu sehen, was die Leute interessiert, und ins Gespräch darüber zu kommen, was man denn nun tun kann in Anbetracht dieser empörenden Verhältnisse.

mokant.at: Du bist auch wieder dabei, eine neue Dokumentation zu machen. Tanz und gib ihm heißt der Film. Ist er schon fertig?
Tina Leisch: Ja, er ist gerade fertig geworden. Das ist ein Dokumentarfilm über sehr verschiedene Burschen in Wien und ihre Männlichkeitsbilder. Es geht darum, was junge Buben, junge Männer, für Männer werden wollen, wen sie cool finden und wie sie sich selbst als Männer sehen. Manche waren dann später ganz desillusioniert von ihren Helden. Manche haben sich im Laufe des Filmes sehr verändert. Der Film zeigt, dass und wie Männlichkeit hergestellt wird und sich ändert.

mokant.at: Deine beiden letzten Filme sind innerhalb relativ kurzer Zeit entstanden. Wirst du auch irgendwann aufhören, Dokus zu drehen?
Tina Leisch: Nein. Ich liebe Dokumentarfilme, ich schau‘ mir auch im Kino viel mehr Dokus als Spielfilme an, weil ich das Fenster zu einer anderen Welt durch ein Stück Film großartig finde. Insofern will ich auch selbst welche machen, aber gleichzeitig arbeiten wir – also wir haben ja Die Schweigende Mehrheit gegründet und mit diesem Künstlerkollektiv haben wir mit Flüchtlingen aus Traiskirchen Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene inszeniert. Und aus diesem Zusammenhang und mit den Leuten machen wir jetzt Traiskirchen – Das Musical. Als nächstes arbeite ich also wieder auf der Bühne.

Und wer sich jetzt Nur die Toten kehren heim ansehen will, hat hier die Möglichkeit:

Mittwoch, 23. März, 20.30 Uhr im Votivkino; anschließend Gespräch mit Tina Leisch und Michael Genner (Einnahmen gehen an Asyl in Not)
Mittwoch, 27. April, 20.30 Uhr im Votivkino

Aufführung Die Schutzbefohlenen (Jelinek): 14. April im Audimax der Universiät Wien

Alle Fotos im Text wurden von Tina Leisch zu Verfügung gestellt


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Katharina Egg leitete zwei Jahre lang das Ressort Politik. Jetzt ist sie als außerordentliche Redakteurin bei mokant.at tätig und untersucht als Publizistik-Studentin Wirkungen Sozialer Netzwerke auf Politische Kommunikation. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

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