Sexuelle Belästigung: Alltäglicher geht’s kaum!

(c) Marcel Bernard

Unpassende Erfahrungen scheint heutzutage fast jede Frau und jedes Mädchen zu machen, auch wir, und das nicht erst seit Köln. Eine Sammlung persönlicher Geschichten, die ein Tabu brechen sollen

Wohin man auch blickt, die Medien scheinen überflutet von einem Thema: Sexismus, sexuelle Übergriffe, Ausländer denen man nachsagt, dass sie nicht wissen wie man in unserer Kultur mit Frauen umgeht. Ein neues Thema? Wohl kaum. Es kann nicht sein, dass erst seit den Vorkommnissen in Köln über etwas geredet wird, das kaum alltäglicher sein könnte. Das Phänomen ist nämlich nicht erst seit der ominösen Silvesternacht in Kölm im Umlauf – ganz im Gegenteil: Es ist eines, das scheinbar jeder Frau schon mal passiert ist. Und trotzdem winken viele beiläufig mit einem „Ach, das passiert halt!“ ab. Wirklich? Es passiert einfach, dass sich jemand vor einem im Zug selbst befriedigt? Oder, dass einem Männer in der Nacht in den Hausgang folgen und ganz zufällig bis vor die Haustüre „begleiten“? Oder dass Couchsurfer vorschlagen, nicht im Gästezimmer, sondern mit im Gastgeberbett zu schlafen?

Wir wollen aufzeigen, wie alltäglich und wie „un-neu“ das Thema ist. Und weil es manchmal leichter ist, als Gruppe stark zu sein, haben wir unsere Redakteurinnen, Freundinnen, WG-Kolleginnen, gebeten, doch mal ihre „Alltagsgschichtln“ auszupacken. Wir sehen es als einen ersten Schritt das Tabu zu brechen, und darüber zu reden, was uns passiert ist, egal ob subtile, verbale Belästigungen, oder versuchte sexuelle Übergriffe. Vielleicht ist sexuelle Belästigung alltäglich. Aber das muss nicht so sein.

Katharina
Ich wohne im achten Bezirk – eigentlich eine sichere Gegend, würde man meinen. Trotzdem ist mir vor nicht allzu langer Zeit ein Mann in der Nacht in den Hausgang gefolgt. Ich war fünf Schritte vor ihm, und unter dem Vorwand, Hilfe bei einem Liebesbrief für seine Freundin zu benötigen, sprach er mich – im ersten Moment scheinbar schüchtern – an. Der Brief war jedoch alles andere als romantisch, sondern wohl das Vulgärste, das ich mir bis jetzt anhören musste. Noch während den ersten paar Sätzen, und bevor ich die Chance hatte, zu realisieren, was da grad vor sich ging, holte er eine Banane aus der Jackentasche, über die ein Kondom gestülpt war. Danach versuchte er, mich anzugreifen. Ich schrie und hoffte, jemanden aus den 27 Nachbarswohnungen alarmieren zu können. Doch keine Reaktion. Ich weiß nicht, was es schlussendlich war, das den Mann zum Flüchten gebracht hat. Ich habe mich danach ziemlich dreckig gefühlt, Gründe bei mir selbst gesucht. Heute finde ich es sehr traurig, dass ich überhaupt auf den Gedanken gekommen bin, selbst an so einer Situation Schuld sein zu können.

Sophie
Sie sind zu zweit, ich allein, und der D-Wagen ist leer. Schon beim Einsteigen bleiben ihre Blicke an mir haften. Beide stellen sich in meine Nähe. Unverhohlen mustern sie mich von oben bis unten. Vor allem unten. Es ist Herbst und ich habe mich heute für einen Rock mit blickdichter, schwarzer Strumpfhose entschieden. Anlass genug, dass sie mich beide ansehen und über mich sprechen. Sie werfen mir Kussmünder zu. Ich drehe mich weg, neige den Kopf. Sie lachen, ich nicht. Ich mache mir Gedanken, ob mein Rock zu kurz ist und zupfe daran, bis er meine Knie bedeckt. Ihre Blicke durchbohren mich weiter, sie sprechen schnell und lachen. Dann steigen sie aus. Sie lachen, weil sie in der Überzahl sind. Sie lachen über mich, weil ich vor Scham den Kopf neige, anstatt ihnen zu sagen, dass ihr Verhalten ekelhaft ist. Sie lachen, weil es ihnen egal ist, welche Gedanken ich mir ab jetzt über meine Kleidung mache. Sie lachen, weil sie nicht wissen, wie ungut dieses Gefühl ist, das sie mir geben. Bis auf mich ist der D-Wagen jetzt leer. Mein Kopf hingegen ist voller Fragen und viel Wut. Wut über dieses Selbstverständnis von Frau + Rock = Objekt, Wut über die Alltäglichkeit solcher Erlebnisse.

Luzia (Name von der Redaktion geändert)
Meine Uni-Gruppe hat gerade zwei Wochen Exkursion hinter sich. Es herrscht eine ausgelassene, fast familiäre Stimmung nach dieser Zeit auf engstem Raum und der gemeinsamen Reise. Ich erinnere mich, dass ich mir noch denke, wie nett es ist, dass sich auch die Professoren mit Bussi-links-Bussi-rechts verabschieden. Einer der Professoren ist dann doch ein bisschen zu nett und ergänzt das Ritual mit einer firmen Berührung meines Hinterns. Ziemlich perplex sage ich nichts und steige in das Auto eines Freundes, der mich nach Hause bringt. Schweigend vergeht eine Stunde. Erst als ich anfange zu erzählen, beginne ich auch zu verstehen, was da wirklich vor sich gegangen ist. Später wird der Professor behaupten, nichts mehr davon zu wissen. Er wird sich entschuldigen und sagen, dass er wohl im Kopf schon zu Hause bei seiner Frau war. Ich werde hin- und hergerissen sein und mich schlussendlich dazu entscheiden, es intern zu klären. Außerdem werde ich mich fragen, ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe, bis ich erfahre, dass ich nicht die einzige bin, der das passiert ist. Eigentlich schlimm, dass ich automatisch daran zweifle, nur weil mein Wort gegen seines steht. Und noch viel schlimmer, dass das nicht die einzige Art ist, wie das Machtverhältnis ausgenutzt wurde.

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Titelbild: (c) Marcel Bernard


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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