Klimaflüchtlinge: Dürre als Fluchtgrund? (2)

Dürre, steigender Meeresspiegel und andere Klimaeffekte, für die wir mitverantwortlich sind, treiben Millionen Menschen in die Flucht. Jedoch haben Klimaflüchtlinge de facto keine Rechte. Eine Analyse

Ein (nicht nur) politischer Teufelskreis
Politisch gesehen wirft diese Thematik gleich zwei Hindernisse auf: Nicht nur gilt es die ohnehin relevanten Fragen der heutigen Flüchtlings-Handhabung zu klären, sondern auch klimapolitisch stehen einige Sachen auf der Agenda. Betrachtet man das große Ganze fällt ein Teufelskreis auf: Die vorher erwähnte Bodendegradation führt zu einer geringeren CO2-Aufnahmekapazität des Bodens. Das bedeutet wiederum, dass das CO2 stattdessen in der Atmosphäre bleibt und als Treibhausgas den Klimawandel bekanntlich nur weiter vorantreibt. Unmittelbare Folge? Mehr (Klima-)Flüchtlinge.

Der Human Rights Council schlug vor, menschenrechtliche Ansätze international zu stärken, indem man auch Betroffene vor Ort informiert und miteinbezieht. Umgesetzt gehört dieser Lösungsansatz vor allem in der derzeitigen Klima(wandel)politik. Generell sollten die Regelungen aber nicht nur Länder im globalen Süden betreffen, also der ursprünglichen „Dritten Welt“, denn rein theoretisch sind auch europäische Länder von einem steigenden Meeresspiegel und ähnlichen Szenarien betroffen: „Es ist interessant, dass niemand Prognosen über, sagen wir, die westfriesischen Inseln anstellt. Gleichzeitig ist es aber auch logisch, da immer davon ausgegangen wird, dass es bei uns finanzielle Möglichkeiten gibt dagegenzuwirken“, so Sozialgeograf Felgentreff.

Prognosen aus den 90ern
Die Problematik der Abgrenzung und Linien-Setzung zieht sich wie ein roter Faden durch das Thema. Verwirrung herrscht auch bei der Frage, wie viele Menschen denn nun Klimaflüchtlinge seien. In allen Berichten zum Thema Klimaflüchtlinge, findet man Zahlen einer Studie aus den 1990ern. Laut FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Anm.) schwanken diese zwischen 50 und 350 Millionen Klimaflüchtlingen bis zum Jahr 2050. Norman Myers, der britischer Naturschützer, der diese Prognosen aufstellte, wurde seitdem ständig kritisiert; es wurde beispielsweise nicht unterschieden, ob jemand zwei oder zweitausend Kilometer gewandert sei.

Ist das ein Anlass um neue Zahlen zu sammeln? Carsten Felgentreff verweist auf andere, auch sehr interessante Forschungsergebnisse: „Wir wissen bisher, dass die Migrationen, vor allem bei Dürreevents, eher kleinräumig waren. Man hat vor mehr als zwanzig Jahren festgestellt, dass auch wenn von den Familien viel Geld zusammengelegt wurde, damit Einzelne nach Europa migrieren können, die Menschen eher kleinräumig wanderten. Meist ist es eher so, dass Frauen und Kinder zu Verwandten in Städte migrieren“.

Eine Zerrissenheit zeigt sich in dieser Debatte in vieler Hinsicht: Definitionen, die zu Rechtfertigungen führen sollen, bewirken oftmals das Gegenteil, also mehr Komplikationen. Auch äußert sich die Zwiespältigkeit und schlechte Regulierung bei der Umsetzung klimapolitischen Zielen beispielsweise im Landraub (oft illegale Aneignung von Land durch internationale Akteure Anm.). Denn dieser ist förderlich für die Umsiedlung, beziehungsweise Zwangsmigration, zahlreicher Menschen, die selbst ziemlich sicher sehr wenig zur Problematik beigetragen haben.

Ein trüber Ausblick?
Einige Initiativen arbeiten gegen diese Ungerechtigkeiten: Die UK Climate Change and Migration Coalition lässt Umweltflüchtlinge ihre Geschichten erzählen: „Die meisten Leute aus Kiribati wollen nicht in ein anderes Land ziehen, aber wir werden bald keine andere Wahl mehr haben. Aber es gibt da ein Problem: anders als mit unseren Nachbarn in Tuvalu sympathisiert kein Land politisch mit uns“, heißt es beispielsweise von Betroffenen auf der Pazifikinsel Kiribati.

Inselregionen leiden nicht nur unter vermehrten, durch Klimawandel induzierten, Naturkatastrophen wie stärkere Zyklone; auch langsamere Vorgänge wie Dürren, oder ein steigender Meeresspiegel betreffen diese besonders verwundbaren Regionen. Diese und weitere Geschichten dienen dazu, das Thema in die politischen Debatten einzubringen und dadurch in Klimapolitik und internationalem Recht zu sensibilisieren. Auch die UN-nahe, schweizerische Plattform Displacement Solutions arbeitet an einer Verbesserung der Lage. Geholfen wird nicht nur durch die Aufarbeitung des Rechts, sondern auch durch aktive Land-Beschaffung für die Klimaflüchtlinge vor Ort. Neue, sichere Wohnorte für alle, die durch klimatische Effekte ihre Heimat verloren haben, sollen gefunden werden. Die Diskussion zu Klimaflüchtlingen steht noch am Anfang. Jedoch scheint es, als ob zumindest mental bereits ein erster Schritt gegangen wurde, wie es laut Greenpeace vom EU-Parlamentarierin Jean Lambert zusammengefasst wird: „Indem man Klimaflüchtlinge anerkennt, erkennt man auch das Problem. Indem man das Problem erkennt, startet man damit Verantwortlichkeit zu übernehmen und Lösungsansätze zu suchen“.

Zusammenfassend erläutert Carsten Felgentreff die Problematik der ganzen Debatte: „Anstatt Mutmaßungen über den Stellenwert von Umwelt- oder Klimawandel bei der Entscheidung für Flucht oder Migration anzustellen und die dann zu bewerten, sollten wir unser Augenmerk mehr auf die umfassenden und sehr realen Verstöße gegen ihre Rechte richten, die ihnen auf ihrem Weg widerfahren“. Dass es dabei nicht immer auf den Fluchtgrund ankommt, sollte klar sein.

Klimaflüchtlinge haben de facto keine Rechte

Titelbild: (c) mokant.at > Foto: Katharina Kropshofer


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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

2 Comments

  1. Ludwig von Leiner

    21. März 2016 at 14:58

    Politisch sympathisiert niemand mit Kiribati? Wundert mich, wo doch die drei größten Städte offenbar London, Paris und Banana heißen 😀

    • MrsFox

      22. März 2016 at 15:13

      Ja, Banana-Land vielleicht 😉

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