Ausländer raus: WIR grapschen hier! (2)

„Neue Frauenrechtler“ haben die Selbstbestimmung der Frau in Zeiten der Flüchtlingskrise salonfähig gemacht. Ein Kommentar von Sofia Palzer-Khomenko.

Foto: Raimund Appel

Foto: Raimund Appel

Dass 50 Prozent aller Sexualdelikte im Familien- und Bekanntenkreis passieren, erscheint dabei als ein unbedeutendes Detail am Rande, das nicht für jeden erwähnenswert ist. Vor allem dann nicht, wenn man gerne die These vertreten möchte, dass sexuelle Gewalt 2015 durch die Asylanten eingeführt worden ist.

Die massenhaften Meldungen über (vermeintliche) und Übergriffe in sozialen Netzwerken könnten das vermuten lassen. Wer nach einer Horrorgeschichte einer missbrauchten Frau sucht, wird schnell fündig. Wenn es ein Foto zum Teilen gibt, wird es gar nicht zurückhaltend jedem Schaulustigen präsentiert. Auch die Suche nach dem Schuldigen dauert nicht lange. Der Hinweis auf die „Rapefugees“ lässt nicht lange auf sich warten. Wer hingegen nach echten Fakten sucht, ist hier fehl am Platz.

Auch in den Zeitungen findet man selten mehr echte Informationen. In manchen kann man fast täglich von sexuellen Übergriffen lesen, ein Beweis für eine Steigerung der Delikte ist das aber nicht. 2013 und 2014 meldete die Wiener Polizei nur jede angezeigte 43. Vergewaltigung an die Medien – um die traumatisierten Opfer zu schützen. Ob die Zahl der Sexualdelikte im Jahr 2015 tatsächlich gestiegen ist und wer die Täter sind, lässt sich derzeit noch nicht genau sagen. Die Kriminalitätsstatistik wird erst für Mitte bis Ende März erwartet.

Unabhängig davon hätte ich einen großen Wunsch: Dass „sexuelle Gewalt gegen Frauen“ endlich endgültig enttabuisiert wird, dass mehr Frauen sich trauen, über Vorfälle zu reden, dass mehr Frauen zur Polizei gehen, dass mehr Täter angezeigt, ausgeforscht und schließlich verurteilt werden. Und dass missbrauchte Frauen nicht wieder und wieder missbraucht werden, als Waffe gegen alles, was den eigenen politischen Überzeugungen widerspricht.

Ach ja, das 15-jährige Mädchen war ich. Ich hatte meine langen braunen Haare unter der Mütze versteckt, um weniger auffällig zu wirken. Ich bin nicht in der Lage gewesen, eine Armlänge Abstand zu halten, weil ich erst gar nicht kapiert hab, was da eigentlich mit mir passiert. Ich erinnere mich noch gut an seine Stimme, heiser und seltsam hoch. Und an sein widerliches Grinsen, die gelb verfärbten Zähne direkt vor meinen Augen. Und an das Gefühl von Ekel und Scham, als er mich berührte. Ob er Österreicher oder Nicht-Österreicher gewesen ist? Ich habe keine Ahnung.

 

    Palzer-Khomenko: Neue Frauenrechtler gegen „grapschende Asylanten“

Titelbild: (c) Raimund Appel


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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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